Am 21. Februar verließ ich, begleitet vom
Herrn Doktor Koch, Neffe des rühmlich bekannten Münchener Medizinalrats
gleichen Namens, und Generalstabsarzt der ägyptischen Flotte, den mir
Mehemed Ali als Reiseäskulap mitzugeben die Gewogenheit gehabt hatte, die
Hauptstadt. Wir waren beide recht bequem in zwei guten Kangschen
etabliert, welche das Gouvernement mir mit seiner gewöhnlichen Munifizenz
geliefert. Mein kleines Gefolge bestand außer dem genannten Herrn Doktor
mit seinem Diener noch aus einem Kawaß des Vizekönigs, meinem Dragoman
Giovanni, meinem Kammerdiener Ackermann, einem griechischen Pagen aus
Kandia mit Namen Jannis, einem arabischen, in Kahira einigermaßen
französierten Koch, und – um die Langeweile einer so weiten Wasserreise
etwas weniger monoton zu machen – einer abessinischen Sklavin, die ich
erst wenig Tage vorher für eine ziemlich ansehnliche Summe erkauft hatte.
Den Charakter dieses originellen Mädchens zu studieren, an der die
Zivilisation noch nichts hatte verderben noch verbessern können, war im
Verfolg der Reise eine unerschöpfliche Quelle von Vergnügen für mich, und
es tat diesem Studium durchaus keinen Abbruch, daß der Gegenstand
desselben zugleich an Schönheit der Formen die treueste Kopie einer Venus
von Tizian war, nur in schwarzer Manier. Als ich sie kaufte, und aus
Furcht, daß mir ein anderer zuvorkommen möchte, ohne Handel den
geforderten Preis sogleich auszahlen ließ, trug sie noch das Kostüm ihres
Vaterlandes, das heißt nichts als einen Gürtel aus schmalen Lederriemen
mit kleinen Muscheln verziert. Doch hatte der Sklavenhändler ein großes
Musselintuch über sie geworfen, das aber vor den Kauflustigen abgenommen
wurde und daher der genauesten Beurteilung kein Hindernis in den Weg
legte. Wir waren vier oder fünf «junge Leute», wie der ci-devant jeune
homme sagt, und staunten alle über das makellose Ebenmaß des Wuchses
dieser Wilden, mit dem sie ein chiffoniertes Charaktergesicht verband, wie
ich es grade liebe, ohne daß dies übrigens auf große Regelmäßigkeit hätte
Anspruch machen können. Aber ihr Körper! Woher in des Himmels Namen haben
diese Mädchen, die barfuß gehen und nie Handschuhe tragen, diese zarten,
gleich einem Bildhauermodell geformten Hände und Füße; sie, denen nie ein
Schnürleib nahekam, den schönsten und festesten Busen; solche Perlenzähne
ohne Bürste noch Zahnpulver, und obgleich meistens nackt den brennenden
Sonnenstrahlen ausgesetzt, doch eine Haut von Atlas, der keine europäische
gleichkommt und deren dunkle Kupferfarbe, gleich einem reinen Spiegel,
auch nicht durch das kleinste Fleckchen verunstaltet wird? Man kann darauf
nur antworten, daß die Natur Toilettengeheimnisse und Schönheitsmittel
besitzen muß, denen die Kunst nie gleichzukommen imstande ist.
Es war gut, daß ich alle diese Vorzüge beim Einkauf sah, denn jetzt
hätte ich weniger Gelegenheit dazu gehabt, da Ajïamé (so heißt die
abessinische Schöne) bereits durch meine Fürsorge in dezente
morgenländische Kleider mit Strümpfen und gelben Pantoffeln gehüllt ist,
die mich nur ihr Antlitz und zuweilen ihre wundervolle Hand mit einem Teil
des runden Armes erblicken lassen. Übrigens versteht es sich von
vornherein, daß ich ein zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße bin,
um sie jetzt noch als Sklavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus
war sie eine Freie, obgleich ich fürchte, daß sie noch keinen recht
deutlichen Begriff von diesem Zustande hat, denn als ich ihr denselben mit
Hilfe eines Dolmetschers in ihrer Sprache ankündigte, küßte sie mir die
Hand und, diese dann demütig an ihre Stirn drückend, flüsterte sie leise:
Ich sei ihr Herr und habe zu gebieten, was sie sein und was sie tun solle.
Übel ist allerdings, daß sie aus Mangel an Raum hinter einem Vorhang, der
in der Eile in dem kleinen Schlafzimmer meiner Barke angebracht wurde,
residieren muß, aber erstlich ist dem Reinen alles rein, und zweitens ist
sie ja frei, ich aber bin ein Ritter, der jener Vorschrift der
«chevalerie» immer eingedenk ist, die Voltaire in einem seiner gedruckten
Briefe an Mlle. Clairon ausspricht. Der Neugierige suche sie auf.
Vorderhand behält die Dame jedoch die ganze Barke für sich allein, nur
von meinem Pagen statt eines hier landesüblichen Eunuchen bewacht, während
wir übrigen uns nach Dschiseh begeben, wo mich der vortreffliche Oberst
Warin zu einem fröhlichen Abschiedsschmaus eingeladen hat.
Erst am andern Morgen nahm ich von dem freundlichsten der Wirte in
seinem selbstgepflanzten Garten Abschied, denn Oberst Warin liebt wie
Cincinnatus, mit sorglicher Hand der Erde ihre kostbarsten und
unschuldigsten Schätze abzugewinnen, und ist überdies ein ebenso gelehrter
Botaniker als Militär. Ich bewunderte daher hier auch eine Menge mir ganz
unbekannter Pflanzen als: das junge Exemplar eines riesigen Baumes aus
Kordofan, der aus dem Kern in einem Jahre schon mehrere Ellen
emporgeschossen war, die sensitive Akazie mit ihren herrlichen Blumen, die
karmesinrote Orange von Schubra, einen Strauch, dessen gleich Rosen
geformte Blüten früh weiß, Mittags rosa und Abends blau erscheinen, Farben
wechselnd wie weiland der Staatsrock des Zauberers Beyreis zu
Braunschweig, und viele andere Seltenheiten mehr. Unter diesen Blüten
sagte ich auch meinem ebenso gütigen als geistreichen Cicerone, Herrn
Lubbert, Lebewohl, was mir gleich naheging. Wahrlich, wenn das Wort
«aimable» nicht schon existiert, für Herrn Lubbert müßte es erfunden
werden, Die «jeune» und «vieille France» ist in ihm so glücklich
vereinigt, wie es nicht häufig angetroffen wird, und obgleich durch und
durch Franzose, zeigt er doch nur die gewinnenden Seiten dieser Nation.
Die schmeichelhafteste Höflichkeit, ein stets heiterer Sinn, eine
unerschöpfliche Unterhaltungsgabe, die Kunst zu erzählen wie zu hören, ein
munterer Witz ohne Galle noch zu viel Medisance, verbunden mit dem
feinsten Takt und aller Sicherheit der großen Welt, machen Herrn Lubbert
zu einem der angenehmsten Gesellschafter, die ich kenne, und ich bedaure
von Herzen, kein großer Herr zu sein, um ihn für immer meiner Person
attachieren zu können. Herr Lubbert, der hier einen bedeutenden
Wirkungskreis hat und neuerlich auch zum Historiographen Ägyptens ernannt
wurde, bekleidet in Frankreich den Posten eines «gentilhomme ordinaire de
la chambre du roi», dirigierte aber zugleich die königlichen Theater unter
dem nominellen Minister, solange Karl der Zehnte regierte – eine Charge,
die ihn mit der königlichen Familie wie mit dem ganzen Hof in manche
vertrauliche Berührung brachte und ihm einen reichen Schatz der
pikantesten Anekdoten hinterlassen hat. Wer beliebig hinter den Kulissen
bei Hofe und auf dem Theater stehen kann, sieht viel in mancher Hinsicht,
und niemanden unterstützt Gedächtnis und Gewandtheit besser als Herrn
Lubbert, um seine Unterhaltung fortwährend neu damit zu würzen. Freilich
erscheint der Sprung vom Theaterdirektor zum Historiographen und
vortragenden Rat im Ministerio des Innern etwas gewagt, aber da das
Theater die Welt abspielt und die Welt selbst auch nur ein größeres
Theater ist, so wird er sich als Mann von Kopf wohl auch hier zu helfen
wissen sowie als Dirigent der Militärschule zu Thura.
Ehe wir Dschiseh ganz verließen, krochen wir noch in einen heißen Ofen,
um Eier künstlich ausbrüten zu sehen (der Leser fürchte keine
Beschreibung!), und besahen nach der Hühnerfabrik auch eine andere, wo
Salmiak gewonnen wird. Dann tauchten wir in die vom Winde bewegten Wogen
unabsehbarer Kleefelder, wiederbelebt durch alle Rosse und Esel der
Umgegend, welche sämtlich in dieser Zeit mehrere Monate lang aufs Gras
(Bersim) geschickt und dort mit zusammengebundnen Füßen ihrem Schicksal
bei ununterbrochnem Fressen überlassen werden, eine der nachteiligsten und
törichtesten Sitten des Orients, worüber später ein mehreres. Der Weg
kommt einem lang vor, denn die Pyramiden täuschen auf eine merkwürdige
Weise über ihre wirkliche Entfernung. Man glaubt sie schon von Kahira aus
mit Händen zu greifen und muß doch von Dschiseh aus noch mehrere Stunden
reiten, ehe man sie erreicht.
Am Rande der Wüste empfing uns ein halbes Dutzend Beduinen, die sich
uns als Führer aufdrängen, und obgleich wir ihnen versicherten, daß wir
nur höchstens zwei von ihnen brauchten, war es doch nicht möglich, ihrer
wieder loszuwerden. Neugierig suchten meine Augen zuerst den kolossalen
Sphinx auf, den man vor einigen Jahren ganz freigemacht hatte, der aber
jetzt vom Sande schon wieder bis an den Hals verschüttet ist, so daß man
nur den Kopf sieht. Von weitem erkennt man seine Physiognomie noch ganz
gut, von nahem aber wird er, verstümmelt wie er ist, nur zu einer
unförmlichen Masse, auf der sich jedoch noch ein großer Teil der roten
Farbe, mit der das Ganze einst angestrichen war, erhalten hat. Er sieht in
seinem jetzigen Zustande einem Pilze ähnlicher als einem Kopfe und stimmte
meine zu hoch geschraubte Erwartung etwas herab. Auch muß ich aufrichtig
bekennen, daß die Pyramiden selbst keinen viel günstigeren Eindruck auf
mich machten und mir von nahem durchaus nicht mehr so imposant als in der
Weite erschienen, oft das Los der Großen auf der Erde! Wenn man sie
besteigt, ändert sich dies jedoch wieder, aber nicht in dem Maße, wie ich
es voraussetzte, und wenn ein Vergleich die Sache anschaulicher machen
kann, so muß ich sagen, daß das Straßburger Münster zum Beispiel an seinem
Fuß wie auf seiner Spitze mein Gefühl weit mächtiger ergriff.
Für heute war es zu allen weiteren Untersuchungen bereits zu spät.
Nachdem wir uns daher in dem natürlichen souterrain einer Höhle, die den
Resten einer andern längst zerstörten kleineren Pyramide zum Fundamente
dient, eine Wohnung eingerichtet und rundherum zugleich unsre Zelte
aufgeschlagen hatten – dicht neben der Sandschlucht, an deren Eingang sich
mitten in der Wüste noch vier Palmen und drei Sykomore einsam erhalten
haben –, begnügten wir uns für diesen Abend, den Gesamteindruck des Ganzen
in uns aufzunehmen, so mager dieser auch war. Nur in einige 50-60 Fuß
tiefe Mumienbrunnen schaute ich noch flüchtig hinab, betrachtete die darin
gefundnen, mit Mühe heraufgeschroteten und jetzt in Stücken oben
umherliegenden Sarkophage aus grauem Granit, mit vielen Hieroglyphen
bedeckt, besuchte später den Oberst Wyse, der, in den wohnlichsten
Katakomben schon «comfort» eingeführt und eine förmliche kleine Kolonie,
zierlich von Rohrbarrieren umzäunt, errichtet hatte, und sank dann beim
Sternenlicht dem guten Gott Morpheus ermattet in die Arme, voll Erwartung
der Dinge, die der morgende Tag bringen sollte.
Die Konsuln von Österreich und Frankreich nebst den Herren Linant und
Cavilia hatten uns begleiten wollen, aber alle uns «faux bond» gemacht.
Ein Kurier rief Herrn Lesseps nach Alexandrien, der Tod der Madame
Champion hielt Herrn Laurin in Kahira zurück; Herr Linant mußte nach
seinem «barrage», und Herrn Hauptmann Cavillia mußte wahrscheinlich sein
«spiritus familiaris» erschienen sein, denn er war ohne irgend jemandes
Wissen plötzlich abgereist. Der einzige Begleiter, welcher uns nun noch
blieb, war dafür von der originellsten Natur, ein achtzigjähriger Greis,
halb blind, aber noch rüstiger im Ertragen von Fatigen als mancher
Jüngling und so bekannt im Reiche der Pyramiden und Katakomben, als habe
er sein ganzes Leben im Dunkel dieser mysteriösen Wohnungen zugebracht.
Der seltsame, einem ägyptischen Nußknacker vollkommen gleichende Alte
schläft nie anders, auch in seiner eignen Wohnung zu Kahira nicht, als im
Freien, das Wetter sei, welches es wolle, ein Regime, dem er
wahrscheinlich den jämmerlichen Zustand seiner roten und geschwollenen
Augen verdankt. Seine Kleidung ist ganz arabisch, das heißt, er geht halb
nackt, ein großes Hemde mit Ärmeln und Pantoffeln nebst einem Mantel
darüber im Notfalle, das ist alles. Er hat sich einen Sarg machen lassen,
auf dem er alle Monat einmal, als ganz eigentümliches «memento mori» –
sein Mittagsmahl einnimmt. Das übrige Irdische betreffend ist er nominell
«Interprête du Consulat de France», das heißt ohne wirkliche Funktion, und
handelt daneben, ohne übertrieben vorzuschlagen, mit Antiken aller Art.
Sein Name ist Msarra, wie er ihn ausspricht, ob er ein Christ oder
Muselmann ist, habe ich wahrlich zu fragen vergessen, jedenfalls ist er
ein Philosoph, weil er die Leiden dieser Welt mit großer Geduld erträgt
und den Tod nicht fürchtet; am bekanntesten in der Welt ist er aber
dadurch geworden, daß er meinen verehrungswürdigen Freund, den Herrn
General Minutoli begleitete, als dieser die große Pyramide von Sakkara
öffnete, ein Kapitel, auf welches ihn zu bringen übrigens etwas gefährlich
ist, weil, einmal begonnen, er nie wieder davon aufhört.
Msarra bestand darauf, daß wir zuerst einen von ihm entdeckten Schacht,
in dessen Tiefe noch ein Sarkophag aus rosafarbnem Granit ruht, den der
neue Besitzer gern mit einem weit kleineren Gewicht in Metall vertauschen
möchte, besuchen sollten, und ich tat ihm seinen Willen zur Hälfte, das
heißt, ich sah, kroch und renkte meine Glieder aus, aber ich kaufte nicht.
Dann ließ ich den guten Alten am Fuß der kleinsten Pyramide zurück, um
diese zu besteigen. Sie ist von allen aus den größten Blöcken errichtet,
prangt noch zum Teil mit Marmor- und Granitverkleidung und scheint
überhaupt die prächtigste, wenn auch die kleinste der ganzen Gruppe
gewesen zu sein. Es ist die, von welcher Herodot das bekannte Märchen der
sich prostituierenden Königstochter erzählt, und sie setzt in der Tat
ihrer Besteigung bis zum Gipfel ebensowenig Hindernisse entgegen, als die
königliche Jungfrau einst den Liebkosungen ihrer Anbeter. Das innerste
Heiligtum aber verwahrt sie bis jetzt besser als ihre Gründerin, und
obgleich Oberst Wyse bereits in einer schmalen Öffnung mit unsäglicher
Arbeit 59 Fuß tief von der Nordseite in sie eingedrungen ist, will alles
dies doch noch nicht zu dem erwünschten Resultate führen. Einige frühere
Versuche, von andern Seiten den Eingang zu finden, sind ebenfalls
gescheitert; vor einiger Zeit aber erbot sich ein Araber gegen Msarra, für
1000 Piaster den wahren Eingang zu verraten, der ihm, wie er behauptete,
durch alte Überlieferung bekannt sei. Man zögerte zu lange mit der Annahme
des Vorschlags, und als man zugreifen wollte, war der Beduine unterdes
gestorben. Was mich betrifft, so glaube ich nach dem, was ich selbst
beobachtet, daß man sich auf diesem Wege vergebne Mühe macht, und die
wahren hohen Personen, zu deren Ehren diese Grabmonumente errichtet
wurden, gar nicht innerhalb derselben, sondern immer unter ihnen zu suchen
sind.2) Dasselbe gilt von der größten Pyramide wie von der kleinsten, und
ist die erstere wirklich entweder das Grab des Pharao Suphis nach
Champollion oder des Cheops nach Herodot, so sind die darin aufgefundenen
kleinen unverzierten Stuben, in denen die beiden großen Sarkophage stehen,
gewiß keine Königsgräber, sondern nur die untergeordneter Nebenpersonen
oder Priester, und der alte respektive König ruht noch ungestört da, wo
Herodot es angibt, nämlich in des Felsens Kern, auf dem der gigantische
Steintumulus nachher errichtet wurde; denn nichts anders als Tumuli von
Stein sind am Ende diese rohen Anfänge der Kunst, ohne alle Bildwerke,
ohne Hieroglyphenschrift, obgleich sie zur Zeit Herodots schon wieder mit
dem Schmuck seitdem fortgeschrittner Kunst, mit Tempeln, Sphinxen,
Kolossen, Höfen und prächtigen Auffahrten umgeben worden waren, welche
letztere alle Hieroglyphen trugen, während man mit heiliger Ehrfurcht die
Urmonumente in ihrer ursprünglichen Einfachheit ließ.3) Ja es wäre sogar
nicht unmöglich, daß mehrere von den verhältnismäßig gegen die ungeheuren
Steinmassen so ganz unbedeutenden niedrigen und schmalen Gängen und
Gemächern, in denen man oft kaum kniend und liegend Raum finden kann, erst
später zu gewissen Zwecken der Priester ausgebrochen und in die Pyramiden
hineingebaut worden wären, wie man Schachte in Felsen treibt und wie wir
selbst jetzt Ähnliches, nur weniger systematisch und mit geringeren
Hilfsmitteln, an diesem kolossalen Monumente von neuem durch die Engländer
unternehmen sahen.
Die Aussicht vom Gipfel der kleinen Pyramide steht der von der größten
freilich sehr nach, aber die Disposition der mannigfachen Höfe, Auffahrten
wie die Lage der vielen zerstörten Gebäude in der Nähe, übersieht man von
hier am besten. Von fünf kleineren Pyramiden, die unmittelbar vor der
kleinen in einer Reihe standen, sind noch drei ziemlich wohlerhalten. Die
eine derselben erhebt sich in breiten Stufenabsätzen, während bei allen
andern die Steinlagen zwar hinlänglich eine über der andern zurückreichen,
um hinaufklettern zu können, aber gegen die ganze Masse zu niedrig und
schmal und viel zu zerbröckelt sind, um für das Auge den Effekt einer
Abstufung zu gewähren; daher auch in der Nähe die Pyramiden fast nur wie
roh aufgetürmte, konische Steinhaufen aussehen, an denen kaum ein
regelmäßiges Mauerwerk bemerkbar wird. Dies ist dem Grandiosen, das ihr
Totaleindruck haben sollte, äußerst hinderlich. Als sie noch mit glatten
Quadern überdeckt und mit glänzendem Stuck überzogen waren (wie sich ein
kleiner Teil der Spitze der zweiten Pyramide bis jetzt noch erhalten hat)
und auf diese Weise ungeheure ebne Flächen auf jeder Seite darboten, auch
daneben stehende niedere Gebäude zugleich den Maßstab ihrer riesigen Höhe
besser versinnlichten, muß ihr Anblick freilich unendlich imposanter
gewesen sein. Jetzt, ich wiederhole es, täuscht er selbst eine mäßige
Erwartung. Noch mehr als das Äußere der Pyramiden desappointiert aber im
Innern die Kleinlichkeit der labyrinthischen, nur für Schlangen und
Schakale gemachten Gänge sowie die unansehnlichen, oft durch ihre
Niedrigkeit ganz abgeschmackt erscheinenden, unbrauchbaren, kahlen
Gemächer der beiden großen Pyramiden.
Sobald wir von der sogenannten kleinen – denn auch sie bleibt an sich
immer eine enorme Masse – niedergestiegen waren, begaben wir uns in die
Eingeweide der größten. Der rohe, aber kühn und kolossal konstruierte, dem
Druidenbau ähnliche Eingang ist das einzige, was hier den Effekt des
Großartigen auf mich machte, denn, wie gesagt, Gänge, in denen man sich
kaum umdrehen, selten anders als wie ein Fiedelbogen gekrümmt, oder gar
auf dem Bauche kriechend, vordringen kann und die endlich nach aller Mühe
einem Heiligtume zuführen, das nur aus ein paar elenden, dunklen Zimmern
von den Dimensionen einer Bedientenstube besteht, deren Wände mit düstern,
einst polierten, jetzt matten Granitplatten ohne eine Spur von Schrift,
Verzierung oder Bilderwerk belegt sind – scheinen mir ebensowenig wie die
beiden einfachen steinernen Kastensärge, die man hier sieht, ein
Gegenstand der Bewunderung zu sein, am wenigsten für den, der die erhabene
Kunst der Ägypter und ihre wahrhaften Wunder in Theben gesehen hat. Mir
waren diese freilich damals noch unbekannt, doch war auch schon ohne den
Vergleich der erste Eindruck bei mir nicht anders, als ich ihn schildere,
und da ich kein gelehrter Archäologe bin, der hier auf Entdeckungen
ausgeht, so bemühe ich mich nur, dem Leser ein wahres und beschauliches
Bild des Ganzes, dem individuellen Eindruck, den es auf mich gemacht,
gemäß, wiederzugeben – was die Gelehrten in der Regel vermissen lassen.
Ich durchkroch mit meiner gewöhnlichen Beharrlichkeit alles, was
geöffnet ist, und nachher auch auf Leitern in die teils neuerlich, teils
in schon vergessener Zeit (wie zum Beispiel Davisons sogenanntes Zimmer)
entdeckten Löcher. Alles dies ist sehr fatigant und erhitzend, aber nichts
davon im mindesten gefährlich, als höchstens etwa das Hinabsteigen in den
280 Fuß tiefen Brunnen, mit bloßen Einschnitten in der Mauer, der vom
«soit-disant»-Saale der Königin (die vielleicht nur eine Hofdame oder
Priestermätresse war) nach dem tiefsten sich fortwährend senkenden Gange
niederführt, welcher letztere in einem natürlichen Felsengewölbe, nahe der
Mitte der Pyramide und schon in ihrem Fundamente endet. Aus dieser Höhle
geht auf der entgegengesetzten Seite ein anderer horizontaler schmaler
Gang noch weiter dem Mittelpunkte zu und hört dann plötzlich auf. Hier ist
vielleicht der Schlüssel zum tieferen noch Unbekannten. Dort herum, glaube
ich, sollte man rastlos nachforschen, denn hier in der Tiefe muß der König
liegen, wenn er überhaupt vorhanden ist, hier im Herzen des Felsens, einst
von einem hineingeleiteten Kanal des Nils umflossen, wie es uns der Vater
der Geschichte erzählt, freilich ohne ihn selbst gesehen zu haben und nur
das zweifelhafte Priesterwort als Bürgschaft gebend.
Die Luftlöcher, welche in dem «Saal des Königs» getauften Zimmer in der
Mauer befindlich sind, hat man über hundert Fuß verfolgt, wie man uns
versicherte, und der Oberst Wyse glaubt auch ihren Ausgang oben
aufgefunden zu haben, doch alles ist und bleibt höchst unbedeutend.
Erst nach mehreren Stunden hatten wir uns aus der Grabeshöhle wieder
hervorgearbeitet und begrüßten das rosige Licht und sanken todmüde auf die
Riesensteine am Eingang hin und aßen Orangen und tranken Kaffee und
fühlten uns durch dieses Intermezzo bald wieder so wunderbar gestärkt, daß
ich, den Reigen kühn eröffnend, auch von außen heute noch zum Ziele
gelangte, nämlich den 500 Fuß hohen Gipfel der Pyramide kurz vor
Sonnenuntergang erstieg. In fünfzehn Minuten waren wir ganz gemächlich
oben, entzückt durch eine der herrlichsten, wenigstens gewiß
eigentümlichsten Aussicht auf der Erde, obgleich sie nur in wenig große
Massen zerfällt. Die rosenrot gefärbte Wüste mit mehr als vierzehn
Pyramiden, nämlich denen von Dschiseh selbst, dann von Abusir, Sakkara und
Daschfur, meistens in der eben günstigsten Entfernung gesehen, ist nicht
der wenigst anziehende Gegenstand dieser erhabnen Dreieinigkeit von
Weltstadt, Grünland und Sandmeer. Wir bemerkten übrigens, daß seit vier
Jahren, wo Herr Doktor Koch zum erstenmal hier war, nach seiner Angabe,
wie es damals gewesen, seitdem ein großes Stück der Wüste nach den
Pyramiden zu kultiviert worden sein muß, was man auch an der Farbe des
Bodens deutlich unterscheiden konnte, da das neue Ackerland unter dem Grün
noch sandig und heil aussah, während das alte nur tiefschwarze Erde
zeigte. So wird die moderne Kultur bald wieder frische Fluren und Gärten
bis dicht an die alten Denkmäler ziehen, wie es ohne Zweifel in der Zeit
ihrer Blüte ebenfalls stattfand, denn obgleich die alten Ägypter die
Nekropolis immer gern am Saume der Wüste in schöner Symbolik anlegten, so
glaube ich doch nicht, daß sie sie je absichtlich mitten im Sande
aufführten. Die Wüste hat natürlich jene ihr zunächst liegenden Monumente
beim Untergang der Zivilisation auch zuerst umschlungen, wie gleichfalls
die Gräber der Kalifen bei Kahira jetzt in der Wüste stehen, obgleich wir
es von diesen genau wissen, daß sie bei ihrer Gründung auf allen Seiten
von reichen Gärten und Orangenhainen umgeben waren. Einer so sinnigen und
weit vorgerückten Nation, als die Ägypter waren, darf man nichts so
Absurdes beimessen, als es gewesen sein würde, ihre erhabensten Monumente,
die Gräber, bei allen ihren Städten so fern mitten in der Wüste
aufzubauen, als sie zum Teil jetzt erscheinen. Jene Denkmäler wurden
vielmehr, als echte Bilder des Todes, gerade an das Ende des grünen Lebens
gestellt, und nur jenseits begann die geheimnisvolle, unabsehbare
unbekannte Öde.
Meine Gefährten fanden das Hinabsteigen weit beschwerlicher und
schwindelerregender als das Heraufklimmen. Ich war entgegengesetzter
Meinung, und wie ich früher der letzte oben anlangte, war ich unten weit
voraus der erste, denn über drei Fuß hohe Stufen sich hinanzuschwingen ist
mühsam, sie aber in taktmäßiger Cadence herabzuspringen wird ein wahres
Gaudium, das alte Leute, wie ich bin, anmutig an ihre Knabenzeit erinnert.
Die ganze Partie ist überhaupt eine solche Kleinigkeit für alle, die sich
ihrer Beine zu bedienen wissen, daß ein guter Felsenkletterer mit
Leichtigkeit wetten könnte, die große Pyramide dreimal in einem Tage zu
besteigen, und man muß furchtsamer sein als ein altes Weib, um etwas
Gefährliches dabei aufzufinden.
Etwas anders aber verhält es sich mit der zweiten Pyramide, die wir am
andern Morgen bis dicht an die glatte Spitze erkletterten. Diese ist,
wenige Fuß ausgenommen, ebenso hoch als die, welche par excellence die
große genannt wird, aber von weit geringerem Umfang in ihrer Basis,
folglich weit steiler und ihre Stufen auch weit mehr geschwunden und
beschädigt als bei der großen. Man konnte, oben angelangt, gleich an dem
fast gänzlichen Mangel moderner Namensinschriften bemerken, daß hier die
Besucher sehr selten sein müssen. Demohngeachtet sind einige selbst über
den glatten Teil hinweg bis zur äußersten Spitze gekommen. Dies ist aber
nur durch zusammengebundene Leitern und mit vielen Vorbereitungen tunlich.
Man sagt, ein französischer Soldat habe, als Napoleon die Pyramide
besichtigte, mit bloßer Hilfe seiner Glieder die äußerste Höhe erreicht.
Dies muß Mazuriers Vater gewesen sein, sonst habe ich Mühe, es zu glauben.
Wie dem nun sein mag, ich selbst stieg so hoch als es gewöhnlichen
Dilettanten, ohne besondere Hilfsmittel der Kunst anzuwenden, gelingen
kann, und grub dort auf eine der geglätteten Platten den Titel, Vor- und
Zunamen meiner guten Julie ein, wie Herr von Chateaubriand auch den
seinigen par procuration auf die große Pyramide setzen ließ. Wem aber
unter unsren Freunden bekannt ist, welche dezidierte Abneigung gegen alle
«Lokomotive», vollends die Ersteigung einer Höhe, ja sogar einer einfachen
Treppe, die genannte liebenswürdige Dame von jeher gehabt hat – da sie nur
die Bewegungen des Sitzens, Liegens und Spazierenfahrens gewohnt ist –,
der wird sich allerdings nicht wenig wundern, sie hier als determinierte
Bergsteigerin an einem Orte verzeichnet zu finden, wo nur Adler und Geier
zu ruhen pflegen. So habe ich den geheimnisvollen Monumenten noch ein
kleines Privaträtsel mehr aufgedrückt.
Das Innere dieser zweiten Pyramide ward von Belzoni geöffnet. Die Gänge
sind hier ein wenig bequemer, der Zimmer mehr und einige auch etwas größer
als in der Schwesterpyramide, doch ebenso kahl und zierdelos, ebenso
unbegreiflich der Zweck dieses mühsamen Fuchsbaues.
Ein in den lebendigen Felsen eingehauener Hof umgibt dies Denkmal, und
man sieht an den schon zum Herausbrechen vorbereiteten Steinen der
Bodenfläche, daß man noch tiefer gehen wollte. Auf den glatt
abgearbeiteten äußern Felswänden dieses Hofes bemerkt man einige
Hieroglyphen aus älterer späterer Zeit und auch einen Ring des großen
Ramses. Mehrere Gebäudereste neben dem ausgehöhlten Platze zeigen
zyklopische Mauern ganz in der Art der großen Wand am Pnyx zu Athen und
ganz verschieden von der Bauart der Pyramiden selbst; in den Trümmern der
Auffahrt aber, die zu dieser Pyramide führt, befinden sich von allen hier
angewandten Blöcken die größten, welche nur denen von Theben weichen.
Das klare Wetter lockte mich am Abend noch einmal auf die Spitze der
großen Pyramide, gleichsam zum Abschied, und ich konnte mich bei diesem
zweiten Besuch des Glaubens kaum erwehren, daß auf ihrer abgekappten
Spitze einst ein Koloß gestanden haben müsse, wie auf den ähnlichen
Denkmälern im See Moeris, obgleich Herodot nichts davon erwähnt.
Als ich im Begriff war, am Morgen darauf zu Pferde zu steigen, um meine
Reise fortzusetzen, ließ mir Oberst Wyse sagen, daß er in diesem
Augenblick einen neuen Eingang in die zweite Pyramide entdeckt habe, denn
der Unermüdliche operiert auf alle drei zugleich, Ich fand die Sache
richtig; da dieser niedrige Eingang aber nur auf einen schon bekannten
innern Gang stößt, so ist wenig damit gewonnen, und ich wünsche von Herzen
dem braven Obersten für seinen Fleiß, seine Ausdauer und sein Geld bald
ein glänzenderes Resultat.
Herr Cavillia, der vor einiger Zeit dicht neben den Pyramiden einen
seltsamen Bau aneinanderstoßender Gemächer und Gänge aufdeckte, dessen
Plan und Zweck zu verstehen bis jetzt noch nicht gelang, versicherte mir
in Kahira, «in Entfernung einiger Stunden in der Wüste Fundamente von
Pyramiden aufgefunden zu haben, deren Granitblöcke größtenteils schon
wieder in Staub aufgelöst wären, woraus er schließe, daß, wenn die noch
stehenden Pyramiden aus Sandstein 4 oder 5000 Jahre alt seien, jene aus
schon wieder pulverisiertem Granit, wenigstens vor zehnmal so langer Zeit
erbaut worden sein müßten!» Seine kleine Defektion verhinderte mich,
diesen denkwürdigen «Granitstaub» mit eigenen Augen zu sehen.
Als ich durch die Einförmigkeit der Wüste meinen Weg fortsetzte, zürnte
ich fast auf mich selbst, von mehr als einem gotischen Bau des
Mittelalters lebhafter angeregt worden zu sein als von diesen berühmten
Weltwundern, so wie mir auch in früheren Jahren das Pantheon zu Rom weit
großartiger vorkam als die zwanzigmal größere Peterskirche – aber ich
hatte nicht unrecht. Der Triumph der Kunst muß höher stehen als der der
bloßen Masse. Demohngeachtet kann man, wenn man die kältere Reflektion zu
Hilfe nimmt, nicht umhin, auch über diese Massen allein schon zu staunen,
womit eines Königs Laune der Ewigkeit zu trotzen versuchte. Die drei
Pyramiden von Dschiseh enthalten 4 693 000 Kubikmeter, woraus erhellt, daß
man mit den Steinen dieser Monumente eine 9 Fuß hohe und 1 Fuß dicke Mauer
von circa 1400 Stunden Länge bauen könne, also zum Beispiel von
Alexandrien aus durch Afrika hindurch bis an die Küste von Guinea!
Unter den sechs Beduinen, die während der hier verlebten Tage unsere
treuen Schatten geblieben waren, befand sich einer der schönsten Menschen,
die ich je gesehen, das vollendete Bild eines Herkules, der, als er im
Dampfbade des Königssaales sein leichtes Gewand abwarf und nun im Schein
der Fackel nackt dastand, jeden Künstler als Modell in Ekstase versetzt
haben würde. Ich liebe die Schönheit in jeder Form und suchte ihn daher
für meinen Dienst zu engagieren, was indes, da er Frau, Kinder und ein
beträchtliches Eigentum hatte, sehr schwer hielt; doch entschloß er sich
endlich dazu für eine hohe Bezahlung, die er für den ersten Monat gleich
voraus verlangte. Der Charakter der Beduinen ist aber nicht zum Dienen
geschaffen. Der riesenstarke Kerl, der für sechs Andere aß, konnte nie zu
der geringsten regulären Arbeit nach dem Maßstab eines Kindes vermocht
werden, und da ich ihn doch nicht als bloßen Statisten behalten wollte, so
ließ ich ihm eine Woche darauf in einer Anwandlung von Ärger über seine
Faulheit ankündigen, daß er entweder gleich den andern Dienern arbeiten
oder auf der Stelle die Barke verlassen solle. Da er indes wenig Miene
machte, der Warnung Folge zu leisten, befahl ich ihm definitiv zu gehen,
was er aber zu meinem Erstaunen ebenfalls verweigerte, so daß ich dem
Kawaß auftragen mußte, ihn, wenn er sich binnen fünf Minuten noch hier
befände, gewaltsam aus der Barke hinauswerfen zu lassen, wozu freilich ein
Dutzend Menschen nötig gewesen wären. Ein türkischer Beamter und Diener
Seiner Hoheit ist aber so sehr das Schrecken aller Araber, daß der Riese
Ali sich nun sogleich fügte. Natürlich sah ich meinen vorausbezahlten
Monatslohn als verloren an, war aber nicht wenig überrascht, am andern
Morgen von meinem Dragoman zu hören, daß der Beduine ihm gewissenhaft drei
Viertel des erhaltenen Geldes wiedergegeben und nur den Lohn für die
abgediente Woche mit sich genommen habe. Mir schien dieser Zug des
Aufzeichnens wert, obgleich er von der europäischen dienenden Klasse, vom
Geheimrat bis zum Schuhputzer herab, schwerlich sehr bewundert werden
wird.
Nach einigen Stunden, die uns fortwährend über ganz mit abgeglätteten
Meerkieseln bedeckte Sandhügel führten – Steine, die oft jenen glichen,
welche die leichtgläubigen Alten für die petrifizierten Bohnen und Linsen
der Arbeiter an den Pyramiden hielten –, erreichten wir die
Pyramidenruinen von Abusir, bedeutend kleiner als die von Dschiseh und von
geringem Interesse. Anderthalb Stunden weiter befinden sich die von
Sakkara, deren mittelste, größte und in breiten Absätzen aufsteigende, wie
schon bemerkt, der General Minutoli eröffnete. Hier war also Msarra, der
bisher auf seinem Esel zwischen Schlaf und Wachen fortgezuckelt war, in
sein Element gekommen wie der Fisch ins Wasser, ich aber schweige und
bitte meine Leser, den interessanten Artikel dort nachzulesen, wo er am
lehrreichsten und unterhaltendsten abgefaßt ist, in des Generals eigener
vortrefflicher Beschreibung. Ohnfern dieser Pyramide liegen einige weit
schönere Sarkophage als die sind, welche wir bei Dschiseh gefunden, und
nahe dabei befinden sich unerschöpfliche Ibiskatakomben, auch
Menschengräber mit Mumienplebs in Menge. Man scharrte für ein Geringes vor
unsern Augen einige ganz intakte dieser ordinären Mumien aus. Die
buntbemalten Gesichter auf den groben Köpfen, obgleich keine Kunstwerke,
schienen mir doch voll Ausdruck, besonders eine weibliche Physiognomie von
äußerst schelmischem Ausdruck. Wir öffneten zwei, die offenbar nur gemeine
Leute bargen, und fanden auch nichts darin, als vom angewandten Mastix
versengte Linnen und zu wahrem Holz gewordene Knochen.
Die noch weiter entfernten Pyramiden von Daschfur begnügten wir uns aus
der Ferne zu betrachten und wandten uns nun dem Nile wieder zu, nach dem
schönen Tale und weitläufigen Palmenwalde des alten Memphis. Wenn man in
diesen Wald eintritt, hat die ganze Szene eine auffallende Ähnlichkeit mit
unsern düstern nordischen Kiefernhainen. Die Bäume mit ihren langen kahlen
Stämmen und kleinen Kronen zeigen fast dieselbe Form und Farbe, der Boden
ist gleichmäßig dürrer Sand mit wenig Gräschen hie und da, und um das
Porträt zu vervollständigen sieht man daneben weite, halb ausgetrocknete
flache Teichbecken voll Moor ganz wie die Marken und die Lausitz sie so
vielfach aufzuweisen haben. Es würde daher auch ebenso traurig als bei uns
sein, wenn nicht gleich daneben der gesegnetste Auboden, mit dem
frischesten Grün bedeckt, hundertfache Frucht trüge, und ohnfern davon in
seiner stolzen Pracht der breite Nil flösse. Überdies füllen antike Ruinen
an mehreren Stellen den Wald, und in einer Versenkung liegt nahe der
Straße der schöne, vom Kopf bis zum Gürtel ganz, im übrigen nur teilweise
erhaltene Koloß des großen Ramses (Sesostris), wahrscheinlich der sonst im
Dromos des Tempels Vulkans stehende und außer Ypsambul die einzige Statue
dieses Heroen Ägyptens, deren Antlitz unbeschädigt ist. Herr Cavilia fand
diesen Koloß zuerst auf, und schenkte ihn dem englischen Vizekonsul in
Alexandrien, denn jeder Fremde, der früher hier etwas Antikes auffand,
hielt sich für berechtigt, es als sein Eigentum zu betrachten, fast wie
einige Küstenbewohner das Gut der Schiffbrüchigen. Der Herr Vizekonsul
hat, wie ich höre, die Absicht, den Kopf absägen zu lassen und ihn dem
vaterländischen Museum zu verkaufen, damit er neben dem Raube Lord Elgins
in London aufgestellt werden könne. Wenn dies gegründet ist, so hoffe ich,
daß Seine Hoheit der Vizekönig, der Gott Lob! noch nicht wie mancher
andere Fürst sich als jedes englischen Beamten Sklave anzusehen braucht,
eine solche Barbarei verhindern wird. Es wäre wenigstens eine große
Schwäche von seiner Seite, wenn er es nicht täte, er müßte denn innerlich
für gegründet halten, was neulich einer der ersten Offiziere der
Euphrats-Expedition (übrigens ein Mann von großer Energie und nicht
geringem Talent) mit echt englischer Galanterie und Selbstschätzung dem
Kommandanten von Adana sagte, als ihm dieser die neu ausgeführten
Befestigungswerke dieses Ortes zeigte: «Mon cher, avec un Kurbatsch
(Reitpeitsche) et dix milles Anglais, je vous chasserai facilement avec
toute l'armée d'Ibrahim d'ici à travers la Syrie et l'Égypte jusqu'au
Sennar.» Solche Wahrheit den Leuten ins Gesicht zu sagen, ist doch hart.
Unter den Trümmern, welche sparsam, aber in weiter Ausdehnung im Walde
herumliegen, sah ich wenig der Erwähnung wertes, unendlich vieles muß aber
noch die Erde unter einer Unzahl hoher Schutthügel hier von alters her
decken denn schon zu Strabos Zeit war die Sphinxallee, welche jenseits des
Sees, welcher die ganze Stadt umgab, zu dem Tempel des Serapis führte,
halb vom Sande der Wüste verschüttet. Mit der Abendröte gelangten wir,
über schmale Dämme hinreitend, die durch des Nils Überschwemmungen nötig
gemacht wurden und die, fast den Gängen eines englischen Gartens ähnlich,
in Schlangenlinien geführt sind, um dem Wasser besseren Widerstand zu
leisten, an den Fluß, wo unsere von konträrem Winde zurückgehaltnen Barken
wie bestellt in demselben Augenblicke von Kahira ankamen. Froh eilten wir
sie zu besteigen; Ajïamé empfing mich auf der meinigen mit einem demütigen
Handkuß, dem ich mich vergebens zu entziehen suchte, und mit Freuden ward
ich von der exemplarischen Reinlichkeit und netten Ordnung meiner kleinen
Wasserwohnung gewahr, daß mir in jeder Hinsicht die Perle der Sklavinnen
zuteil geworden sei. Ohne Zeitverlust wogten wir sogleich auf der blauen
Flut weiter dem Süden zu und fuhren bald darauf bei Hatfeh, ehemals der
Aphrodite geweiht, vorüber, während eine süße afrikanische Nacht, die
Venus selbst gesandt zu haben schien, uns mit linden, wollüstigen Lüften
umwehte. – Mit Sonnenaufgang passierten wir den Josephkanal (auch Jussuf
Sal-Eddins, nicht des Geliebten der Potiphar Werk) und erblickten jetzt in
duftiger Ferne die letzte der ägyptischen Pyramiden am Nil, die von Meidun
in der Morgensonne Glanz, einer vergoldeten Krone gleich, über der Wüste
thronend. Die große Reise war begonnen, die mich weiter, viel weiter
führen und tragischer beginnen sollte, als meine Phantasie sich damals
auch nur im Traume vorgestellt hätte.
1) Androsjigx nämlich; Herodot II, 175.
2) Man hat in der Tat seitdem einen Sarkophag ohne
Hieroglyphen in der Tiefe unter der Pyramide gefunden. Er war aber leer
und beschädigt, also schon längst das Heiligtum durch Schätze Suchende
entweiht.
3) Die soeben von Oberst Wyse angeblich entdeckten
Hieroglyphen im Innern der großen Pyramide sind nicht in den Stein
gegraben, sondern nur wie mit einem in Farbe getauchten Finger verkehrt
und vielleicht sehr neuerlich auf die Wand gepinselt.