bullet2

Weitere Südfahrt
auf dem blauen Nil





Nachdem ich mich hinlänglich ausgeruht und alles nötige vorbereitet, schiffte ich mich am sechsten Mai mit dem Kawaß, drei Dienern und dem in Mandera gewesenen Dschaus in der bequemen, aber etwas delabrierten Kangsche des Gouverneurs gegen Abend auf dem blauen Flusse ein, um trotz des täglich erwarteten Eintritts der Regenzeit noch etwas weiter vorwärtszudringen, ein Unternehmen, das für einen Dilettanten, der die Sonnenseite des Lebens schon hinter sich hat, der auch nicht ex officio «mandé par l'Angleterre ou la France», wie die Inschriften Linants und Cailliauds in Mesaourat lauteten, ebensowenig von seinem Vaterlande gesandt, sondern aus bloßer Laune in der Welt umherzieht, immer genug getan war; denn das Reisen in der Regenzeit wird hier für Europäer oft tödlich. Der Doktor folgte mit seinen beiden Sklaven in der zweiten Barke. Ein heftiger Staubsturm indes, der im Moment unserer Abfahrt eintrat, zwang uns, ganz nahe der Stadt in einer geschützten Bai bis zum nächsten Morgen zu verweilen. Wir hatten dann ziemlich günstigen Wind, wegen der vielen und jählingen Krümmungen des Flusses diente er jedoch nur teilweise, und die meiste Zeit mußten die an unsre Fahrzeuge angespannten Einwohner zu unsrem Fortkommen das beste tun. Dennoch ging es im Ganzen nur sehr langsam vorwärts. Drei Stunden von Khartum kamen wir bei den Ruinen von Soba oder Saba vorbei, was die unwissenden Türken für die Residenz der berühmten Königin ausgeben, die den weisen Soliman (Salomo) besuchte, deren Besichtigung wir aber bis zu unsrer Rückkunft aufschoben und drei Stunden weiter unfern eines freundlichen Dorfes für die Nacht ankerten; die Schiffahrt ist hier in der Nacht zu unsicher, und überdies wünschte ich so wenig als möglich von der Gegend ungesehen zu lassen. Als wir zu einer kleinen Exkursion ins Innere während der Abendkühle ans Land stiegen, fanden wir die Ufer mit einer Menge Pelikane, schwarzer und weißer Ibisse, die zum Teil gleich Störchen auf den Bäumen nisteten, wilden Gänsen, Enten und vielen andern Wasservögeln so reichlich bevölkert wie im Paradiese, doch Menschen ließen sich nicht sehen. Endlich stieß uns jedoch ein hübsches junges Mädchen auf, ganz allein in einem Durrafelde mit ländlicher Arbeit beschäftigt, die, sobald sie uns gewahr ward, sogleich die Flucht zu ergreifen Miene machte. Mit Mühe brachte sie der Dschaus durch einige zugerufene Worte zum Stehen, obgleich sie bei unserer Annäherung am ganzen Leibe heftig zitterte. Noch ehe wir sie erreicht hatten, rief sie uns ängstlich zu: «O liebe Leute, wollt Ihr mir gewiß nichts tun – wollt Ihr mich nicht essen?» und nur auf die wiederholte Versicherung, daß wir uns bloß nach dem Weg bei ihr erkundigen und ihren schönen, bunten Perlenschmuck besehen wollten, mit dem sie ganz behangen war, kam sie uns langsam und zögernd ein paar Schritte entgegen, jetzt schon freundlicher lächelnd, aber immer noch furchtsam und bebend. Ich habe in meinem Leben nichts Jungfräulicheres gesehen, als das halb entsetzte, halb neugierige und dabei so liebevoll gutmütige Benehmen dieses reizenden Kindes, voll von aller Grazie einer unverfälschten Natur. Als sie etwas zutraulicher geworden war, schenkte ich ihr ein blankes kleines Goldstück, das sie in die Hand nahm und verwundert anschaute, aber nicht behalten wollte. Die Erklärung, was es sei, schien ihr unverständlich, sie schüttelte mit dem Kopf und bat, ich möchte es wieder zurücknehmen. Da ich mich dessen weigerte, so legte sie es behutsam auf einen Stein zu meinen Füßen nieder, grüßte höchst anmutig und lief dann eilig ihren Eltern zu, die, wie wir erst jetzt bemerkten, ungefähr einige hundert Schritte davon am Saume eines großen Waldes arbeiteten, der sich rechts und links, dicht und fern hinzog, so weit der Horizont reichte. Doch war erst ein Teil seiner hauptsächlich aus Akazien, Mimosen, Nebkas usw. bestehenden Bäume grün, denn nur wenn die fortdauernden Güsse der Regenzeit sie erfrischt hat, wird diese von den Sonnenstrahlen versengte Gegend mehrere Monate lang zum üppigsten Garten.

Immer voller, schöner und grüner erschienen schon am folgenden Tage die Ufer des Flusses, durch deren Buschgewirr die unsre Barken ziehenden Neger jetzt große Mühe hatten, sich durchzudrängen. Ich bemerkte viele Weidenarten, die nebst einer Gattung Holunder mit großen weißen Blüten fast die einzigen Pflanzen sind, welche nicht mit unzähligen Stacheln bewaffnet, dem Spaziergänger hier jeden Schritt streitig machen zu wollen scheinen. Der Fluß war sehr breit und verhältnismäßig seicht, die Ufer jedoch meistens schroff, der Wind konträr aus Süden und dennoch die Luft ungemein kühl, die Atmosphäre trübe. In der Nacht hatte es einige Stunden geregnet, aber nicht heftig. Wir fanden das Wasser des blauen Flusses, dessen Farbe, beiläufig gesagt, jetzt dunkelockergelb ist, nicht ganz so gut und wohlschmeckend als das des Nils nach dem Zusammenfluß, auch wurde es, trotz alles Filtrierens, nicht so kristallklar. Da ich leider keinen Wein mehr habe, ist dieser Mangel desto empfindlicher; glücklicherweise findet man indes hier überall Milch. Öl kennen die Einwohner nicht und brennen in ihren Lampen anstatt dessen Butter, die sie auch sehr reichlich als Pomade gebrauchen und wahrscheinlich aus diesem Grunde einen Abscheu davor hegen, sie zu essen.

Fünf Krokodile lagerten mittags auf dem Sande einer kleinen Insel, während Susannis nach seiner unartigen Manier ganz unbesorgt vor ihnen zur Abkühlung ins Wasser sprang und zu meiner großen Angst in ihrer Nähe umherschwamm, denn er wäre jetzt ein ebenso leicht zu erreichender als leckerer Bissen für jene Untiere gewesen, da der einst magere Spartaner durch die lange Fleisch- und Milchdiät ohne Brot so fett wie ein Mönch geworden ist. Er hat übrigens einen Rival in unsrer Gunst erhalten, ein junges Äffchen mit rabenschwarzem Gesicht, nicht größer als die Hand, Abeleng mit Namen, das ich in Khartum kaufte. Es ist so zahm und artig gewöhnt, daß man es frei umherlaufen lassen kann, ohne zu befürchten, daß es etwas verderbe. Ein kleiner Diebstahl ist die einzige Sünde, deren sich Abeleng zuweilen schuldig macht, und da dann das üble Gewissen seine Possierlichkeit nur noch vermehrt, so wird ihm leicht vergeben. Auf Susannis ist er bitter eifersüchtig, der ihn jedoch von seiner Seite nur mit Verachtung betrachtet 1).

Die Windungen des Flusses blieben fortwährend mäandrisch, obgleich er hier durch ein ganz flaches Land fließt. Gegen Abend, nachdem der Wind mehrmals gewechselt, hatten wir ein heftiges Gewitter mit starkem und anhaltendem Regen, der auch durch das Dach meiner Kajüte drang und in des Doktors Barke, die noch weniger gut bedeckt war, alle Effekten gänzlich durchnäßte. An einem gut gebauten Dorfe mit Namen Nuba, das fruchtbare Felder umgaben, und wo wir nur wenige Sakis bemerkten, da hier die Regenzeit fast zu aller Bewässerung, die der Feldbau bedarf, hinlänglich ist, verweilten wir die Nacht und wanderten lange Zeit bei Mondschein am Ufer umher, bis eine plötzlich eintretende drückende Schwüle uns bewog, unser Lager auf dem frischeren Wasser aufzusuchen. In der Nacht ward es dagegen so empfindlich kalt und windig, daß ich alle Fenster zumachen mußte und mich mit doppelten Decken kaum erwärmen konnte, auch einige Tage einen steifen Hals davontrug. Diese plötzlichen Kontraste in der Temperatur in dieser Jahrszeit sind es hauptsächlich, welche die Regenperiode gefährlich für die Europäer machen, um so mehr, da der Reisende in der Regel so wenig Mittel findet, sich dagegen zu schützen, und jede Verkältung in diesem Himmelsstrich immer eine totale Erschlaffung der Unterleibsorgane hervorbringt, weshalb dies später leicht in eine das Leben zerstörende Krankheit übergeht. Sorgsam abgewogene, nie zu leichte Kleidung, eine wohlkalfaterte Kajüte im Schiff und ein luftdichtes englisches Zelt auf dem Lande nebst einem leichten, aber voluminösen Pelz und womöglich ein steter Vorrat leichter Weine oder guten Bieres würden wahrscheinlich hinlänglich sein, allen üblen Folgen der Regenzeit vorzubeugen, wo man dann bei nur mäßiger Vorsicht in jedem Genuß gewiß allen Fiebern, Dissenterien und inflammatorischen Krankheiten (Epidemien ausgenommen, gegen die nichts schützt als Entfernung) nicht leicht ausgesetzt sein möchte. In andern Ländern kann man dergleichen minutiöse Rücksichten Weichlichkeit nennen, aber hier, wo oft bei der geringsten Vernachlässigung die Strafe der Tod ist, scheint es mir unweise, sich zu viel zuzutrauen, und aus diesem Grunde mag es mir auch der Leser verzeihen, wenn ich so häufig auf diesen etwas trockenen Gegenstand zurückkomme. Es ist eine Warnung, deren Wichtigkeit man nur im Lande selbst gehörig würdigen und innewerden kann.

Was uns betrifft, so befinden wir uns, obgleich der erwähnten Dinge jetzt sämtlich ermangelnd, doch noch ziemlich wohl bis auf einen (die meisten von uns plagenden) juckenden Ausschlag über einen großen Teil des Körpers, gleich dem Friesel, ein Übel, das sich bei dem Fremden sehr häufig mit dem Steigen des Nils, in Ägypten wie hier, einfindet. Es soll aber wohltätig und gerade ein gutes Zeichen sein, ist aber deshalb nicht minder beschwerlich, da es im Anfang ein unerträgliches Jucken erregt und beim Abtrocknen wie Nadeln sticht.

Am neunten Mai schifften wir größtenteils durch kahle Sandufer, die Wälder hatten sich in weitere Ferne zurückgezogen. Abends zeigte sich ein Nilpferd ziemlich nahe unsrer Barke, blieb aber nicht lange sichtbar. Ein frischer Wind schwellte häufig unsre Segel, und die Hitze war nur gelind, so daß im ganzen die Fahrt angenehm zu nennen war. So bequem dieses Fahren auf dem Flusse indes in vieler Hinsicht ist, so bleibt es doch für den Wißbegierigen immer weit undankbarer als das Reisen zu Lande. Die Abwechselung fehlt, man sieht den langen Tag über zu wenig und reist fast wie ein Engländer, der seine Tour durch Europa in der Postchaise macht. Dieser verkehrt dabei wenigstens noch mit Gastwirten, wir nur mit Krokodilen und Hippopotamen. Man sollte wenigstens immer ein paar Esel in der Kangsche mit sich führen, um an interessanten Stellen ohne Zeitverlust eine gelegentliche Landtour vornehmen zu können, denn das Zufußgehen, besonders während der Tageshitze, fängt an untunlich für uns zu werden. Man fühlt sich zu matt, und jede Erhitzung droht Gefahr, um so leichter vielleicht, da durch das bedeutend entnervende Klima Geist und Körper gleich abgespannt werden und daher Kleinmütigkeit immer mehr die Stelle früherer Zuversicht einnimmt.

Im Glanz der untergehenden Sonne erblickten wir ein schön gebautes Dorf, in dem fast alle Häuser die Größe der Paläste von Schendy und Metemma zu erreichen schienen, was die bisherige Monotonie der Landschaft auf das Anmutigste unterbrach und für den Wohlstand der Gegend ein gutes Vorurteil erweckte. Mitten vor dem Dorfe stand neben einem doppelten Saki ein prachtvoller Baum von der Höhe und Breite einer alten Linde mit ähnlich geformten, aber dunkleren und glänzenderen Blättern. Er hat purpurrote Blüten und trägt Schoten, deren nach der Reife ebenfalls hochrote Bohnen einen bedeutenden Handelsartikel als Damenschmuck für die hiesigen Schönen abgeben; dieselben, von denen ich, wie man sich vielleicht noch aus einem früheren Artikel erinnern wird, auf dem Bazar zu Metemma einen ganzen Viertelscheffel zur Sendung an meine europäischen Freundinnen einkaufte. Bald darauf überzog sich der Himmel mit voreiliger Nacht, und drei Gewitter umringten uns, eins im Rücken und eins zu jeder Seite. Sie schossen wie aus Batterien unter krachendem Donner ihre Blitze auf uns ab, zielten aber glücklicherweise nicht richtig. Dazu gesellte sich ein so heftiger Sturm aus Norden, daß er unsre Barke, obgleich wir alle Segel eingezogen hatten und dem Strom entgegenschwammen, dennoch mit weit größerer Schnelle vorwärtstrieb, als uns lieb war. Nach einer halben Stunde dieser rapiden Fahrt machte der Fluß ein plötzliches Knie, und da uns hier der Sturm in die Flanke genommen haben würde, sahen wir uns genötigt, das Fahrzeug am Ufer zu befestigen und vorderhand hier zu kampieren. Sturm und Wetterleuchten hörten während dieser Nacht keinen Augenblick auf, aber der gütige Himmel verschonte uns mit Regengüssen, die wir mehr als alles fürchten, weil wir so gut als gar keinen Schutz dagegen haben. Es war jedoch nur eine Galgenfrist, die uns vergönnt worden war, denn kurz nach Aufgang der Sonne ließen sich die Wolken stromweise über uns nieder, und der Wind, der uns gerade entgegenblies, verhinderte alles weitere Fortkommen, da es unmöglich war, selbst mit Hunderten von aufgebotenen Schwarzen die schweren Barken dem Wind entgegen zu ziehen. Der Regen strömte ebenso ungehindert durch die gänzlich erweichte Decke meiner Kajüte als auf dem offnen Verdeck und jagte mich schnell aus dem Bett. Wo nun ein Obdach suchen? – Endlich kam ich auf den glücklichen Gedanken, mein türkisches Zelt, so gut es zu bewerkstelligen war, noch über dem Dache der Kajüte aufschlagen zu lassen, und obgleich dieses ebenfalls nicht allzu wasserdicht ist, so gewährte die doppelte Bedeckung doch einige Erleichterung. So vor dem Regen leidlich verwahrt, blieb mir nichts andres übrig, um nicht ganz geschäftslos zu bleiben, da jede Exkursion unmöglich war, als mich an den Schreibtisch zu setzen und über die Neugierde, vielleicht auch die Eitelkeit, welche uns Europäer so rastlos umhertreibt, allerlei philantropische Betrachtungen niederzuschreiben, die sich manchmal stark zu dem Resultate hinneigten, mit Molière auszurufen: «qu' allais-je faire dans cette galère!» Ich ward jedoch unvermutet in dieser melancholischen Anwandlung durch Abeleng unterbrochen, der ganz unbemerkt von mir auf den Tisch gesprungen war und mir jetzt sanft die Feder aus der Hand zog, mit der Miene, als wolle er selbst ein Postscriptum hinzusetzen, was allerdings mein Werk zu einer der unschätzbarsten Seltenheiten gestempelt haben würde. Der Boshafte sah mich aber nur mit unwiderstehlich komischem Ernste an, blinzelte heftig mit den Augen, zerkaute dann hastig die Feder und warf sie in die Ecke der Kajüte! – wahrlich eine bittre Satire! Aber Autoren sind unverbesserlich, selbst wenn Affen sich die Mühe geben, sie zu rezensieren. Und so ward die zerkaute Feder bald mit einer neuen vertauscht, der Himmel gebe mir des Lesers nachsichtige Genehmigung.

Um drei Uhr nachmittags ließ das Unwetter endlich insoweit nach, daß wir mit großer Anstrengung der requirierten Leute wieder flott wurden. Die Ufer blieben noch flach und unbedeutend, obwohl öfter als gestern mit niedrigem Buschwerk eingefaßt. Doch sah man über die weißen Sandflächen fortwährend tiefe Wälder in der Ferne. Wir bemerkten wenig Dörfer, sahen aber häufig große Herden von Ziegen und auch eine Herde von vielen hundert Kamelen zur Tränke an den Fluß kommen, was fortwährend für die Wohlhabenheit der Einwohner spricht. Mein Kammerdiener Ackermann, der rüstiger als wir geblieben und mehrere Stunden zu Land marschierte, fand viele runde spitze Strohhütten der Neger einzeln im Walde verteilt. Er sah die Leute dort eine Art Kürbisblätter mit Vergnügen genießen, und die gedörrten Körner der Frucht wurden ihm als eine vorzüglichere Delikatesse gastfrei angeboten, schienen jedoch nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein. Grüne Papageien waren sehr häufig im Walde, und er brachte uns einige Exemplare davon nebst einem schönen, rot, weiß und grün gestreiften Vogel von bedeutenderer Größe als Beute zurück. Eine Giraffe hatte er vergebens und zum Ruin seiner Kleidung verfolgt, da in der Tat das stachlige Gebüsch hier nur mit einer Axt zu passieren ist. Die wilden Tauben, die er geschossen hatte, fanden wir noch größer und schmackhafter als in Ägypten und Nubien 2) . Sie waren uns um so willkommner, da wir seit Khartum nur von Hammelfleisch und lauem gelben Wasser lebten, nebst schlechtem Zwieback, den wir in letzterem auflösten.

In der folgenden Nacht wurden wir noch härter als bisher geprüft, denn die Gewitter kehrten wieder, und diesmal mit einer Sündflut, der nichts zu widerstehen vermochte. Von drei bis vier Strömen erwachend, die sich wie Wasserfälle in mein Bett ergossen, langte ich zwar beim Leuchten der Blitze noch nach meinem Regenschirm, doch da auch dieser wenig half und kein Ort in der Kajüte trocken blieb, so ergab ich mich in mein Schicksal, und das mich schon überall umgebende Wasser mit der natürlichen Hitze meines Körpers wärmend beschloß ich, in der innehabenden Position mich bewegungslos dem Elemente hinzugeben. Wirklich schlief ich auch auf diese Weise von neuem ein, und obgleich ich am Morgen mit den steif gewordnen Gliedern kaum aufstehen konnte, nahmen doch eine starke Motion und Schwitzbad in der wiedergekehrten Sonnenhitze alle üblen Folgen hinweg. Mehr litten unsre Effekten, selbst das Mahagoniholz meines letzten größeren Perspektives zerbröckelte wie Schwamm, so daß die Beschläge und Gläser davon abfielen, und nur mühsam konnte ich es zu mangelhaftem Gebrauch mit Leim und Bindfaden wieder einigermaßen zusammenrichten. Tragikomisch war es, daß die bunten Leimfarben, mit denen das Innere der Kajüte angemalt war, sich teils auf meine Person, teils auf die umherliegenden Kleider, Wäsche usw. übertragen hatten, was mich an die «malheurs et avantures d'Arlequin» lebhaft erinnerte, dem mein Äußeres sehr ähnlich geworden war.

Am elften hielten wir in einem ganz neu aussehenden, wohlgebauten Dorfe, Ouad-Abüfrönt, wo ein Kascheff residierte, an, um unsern Proviant zu erneuern. Ich stieg ans Land und watete durch den Kot, in welchen das viele Wasser den fruchtbaren Boden verwandelt hatte, bis zu des Kascheffs Wohnung. Im höher gelegenen Dorfe war es etwas trockener und der Anblick freundlich. Die Häuser waren unregelmäßig gruppiert, aber in gehörig bequemer Entfernung voneinander aufgebaut und angenehm mit breiten Dum-Palmen und hohen Tamarindenbäumen, die uns hier zuerst bekannt wurden, umpflanzt. Einige der Wohnungen waren viereckig mit einer platten Terrasse darüber, andere rund mit spitzen Rohrdächern so glatt und gut gedeckt als in England, die Mauern aber immer, nach Landessitte, nur aus Erde und gehacktem Stroh ausgeführt. Man sagte uns, das hiesige Land sei so fruchtbar, daß, wenn es nur in einem Jahre sehr reichlich und vollständig regne, man während diesem imstande sei, die nötigen Lebensmittel für sieben folgende erbauen zu können; leider aber habe es jetzt schon seit zehn Jahren keine ganz vollständige Regenzeit mehr gegeben, was teilweise große Not hervorgebracht. Doch hoffe man nun um so mehr auf diesen Segen, da es diesmal den Anschein habe, als beginne die Regenzeit schon vierzehn Tage früher als gewöhnlich und mit allen Anzeichen großer Nässe. Dies söhnte uns einigermaßen mit dem für uns selbst daraus entstehenden Ungemach aus; denn wo gäbe es ein Gutes, von dem nicht immer einige leiden müßten!

Eine große Menge weiß und schwarze und auch einige ganz weiße, dem Ibisgeschlecht angehörige oder verwandte Vögel hatten die hohen Bäume in der Nähe der Hütten zu ihrem Aufenthalt gewählt, in deren Zweigen sie wie Früchte hingen und zum Teil auch dort horsteten; denn die Einwohner scheinen sie von jeher sorgfältig respektiert zu haben, wenn sie sie auch nicht mehr anbeten. Man nennt sie hier Simbilleh. Ehe ich mich wieder einschiffte, besuchte ich des Kascheffs wohlgehaltenen Garten, wo ich mit einem Korb sehr willkommner Weintrauben und Wassermelonen beschenkt wurde und, im Schatten der arkadenartigen Weinlauben auf einem mit Kissen belegten Engareb ausgestreckt, behaglich einige Pfeifen einheimischen Tabak rauchte, dessen Farbe hellgrüngelb und sein Geschmack sehr milde ist.

Es schien, daß wir jetzt erst, nahe dem vierzehnten Breitengrade, in die wahre tropische Natur eingetreten seien, und dies vermehrte um vieles meinen Kummer, drei Monate zu früh oder zu spät in diese Regionen zu kommen – denn ohne dies wäre ich vielleicht mehr als irgend ein Reisender vor mir immer weiter und weiter vorwärts gedrungen, weil mir durch Mehemed Alis Güte allerdings in vieler Hinsicht ungleich mehr Hilfsmittel als meinen Vorgängern zu Gebote stehen. Aber ohne alle nötige Präparation dieser mörderischen Jahreszeit von Anfang bis zu Ende zu trotzen hieße den Himmel zu sehr versuchen, abgerechnet, daß man überhaupt nichts übertreiben muß, wenn man Seele und Leib frisch erhalten will. Obgleich mit einer ziemlichen Elastizität in dieser Hinsicht begabt, fühle ich doch, daß es allgemach Zeit wird, die Dekoration zu verändern, und fürchte manchmal ernstlich, schon jetzt so verafrikanert zu sein, daß ich bei meiner endlichen Rückkunft mich genötigt sehen werde, einen ganz neuen Kursus europäischer guter Lebensart durchmachen zu müssen. Und bei uns, wo alles der Mode unterworfen ist, Politik wie Kleider, Sitten wie Literatur – während hier seit Jahrtausenden alles fast stationär bleibt –, wie gotisch-arabisch erscheint vielleicht schon jetzt mein Stil, wie veraltet und fremd wird meine ganze Individualität sich ausnehmen, wie unbekannt mit allen Interessen der Gegenwart ich selbst mich fühlen gleich dem erwachten Siebenschläfer!

«So mögt ihr mich denn trösten», rief ich jetzt, freudig überrascht von der jeden Augenblick zunehmenden Pracht unserer Umgebung, aus, «ihr undurchdringlichen Urwälder, die ihr heute, während wir so sanft auf dem ruhigen Strome dahingleiten, zum erstenmal mit euren majestätischen Baumkronen rechts und links bis an das Wasser niedersteigt; ihr Ungeheuer der Tiefe mit aufgesperrtem Rachen, auf die wir bis jetzt immer vergebens unser Pulver verschossen; ihr kolossalen Geier, die ihr, auf den höchsten Spitzen euch wiegend, verwundert auf unsre Schiffe herabblickt; ihr buntgefiederten Papageien mit dem krächzenden Willkommen; ihr fischenden Pelikane, ihr Elefanten, Giraffen und Gazellen, die ihr den Durst aus den lehmigen Fluten des Flusses löscht, und vor allen ihr drolliges Völklein schwarzer, grüner und gelblicher Affen, die ihr zu unsrem größten Ergötzen ganze Familien stark von Ast zu Ast umherspringt oder possierlich grimassierend tanzt und euch so unbefangen in eurem wilden Zustande mit ungestörtester Muße von uns betrachten laßt – ihr seid vorderhand unser einziges Publikum und wenigstens mit aller Unverstelltheit und Grazie der Natur ausgestattet. Wo man sich aber an dieser Mutter Busen legt, ist man immer noch in der wahren Heimat, und auch ich fühle hier etwas von eurer göttlichen Freiheit, ihr guten wilden Tiere, das die früheren trüben mattherzigen Gedanken heilsam wieder niederschlägt.» Mein Freund, ein alter österreichischer Beamter, hatte Recht, als er mir häufig wiederholte: Es kompensiert sich haltet alles in der Welt, wenn man es nur recht anzuschauen weiß. – Und als ich nun, meine Barke verlassend, mitten unter die plötzlich wie mit einem Zauberschlage von allem Bisherigen so verschiedene Umgebung trat, boten, vom Land aus gesehen, der majestätische Fluß mit den beiden darauf wogenden geschmückten Kangschen und den langen Reihen nackter Neger, die sie im Wasser wandelnd zogen, ein fast nicht weniger originellen Schauspiel dar, das noch heute täuschend den Bildern gleicht, welche Thebens Königsgräber uns vorführen. An diesen Negern, im Durchschnitt schöne Leute, ist besonders etwas ganz ungemein auffallend, das ich mir, aus Furcht vor Skandal, von einem gelehrten Gönner erst chaldäisch übersetzen lassen müßte, ehe ich es drucken zu lassen wagen dürfte.

Nicht für Damen
und nur für Naturforscher3)

Ein Greis, dem wir unsere Verwunderung über diese monströsen Dimensionen äußerten, sagte aus: Es besäßen einige ihrer Weiber ein geheimes Mittel, schon bei den Kindern diese mehr als Verdoppelung der Natur durch Kunst hervorzubringen; worin dies arcanum aber bestehe, wisse er nicht. Herr Doktor Koch, den die Sache ex officio interessierte, konnte nie etwas Bestimmtes darüber erfahren. Ich erinnere mich, in einer englischen Reisebeschreibung genau dasselbe von den indischen Priestern zu Jagernaut gelesen zu haben, wo der Gegenstand in das Reich religiöser Verehrung übergeht, ähnlich dem Phalluskult der Alten.

Am Abend dieses schönen Tages wurden wir durch meinen Diener in einige Unruhe versetzt, der sich auf der Jagd verirrt hatte und erst nach vielen vergeblichen Signalschüssen und angezündeten Feuern um ein Uhr in der Nacht unsern Ankerplatz erreichte, ohne uns durch die Erzählung unterhaltender Abenteuer entschädigen zu können. Er hatte nur mehrere Vögel erlegt und war einer Hyäne begegnet, die hier bereits ein sehr prosaisches Untier geworden ist.

Am zwölften war ich schon eine Stunde vor Sonnenaufgang im Walde, den ich etwas lichter und zugänglicher als gewöhnlich fand, um in seinem Inneren die Ruinen eines sonst bedeutenden, aber durch Ismaels Truppen gänzlich verheerten Ortes zu besuchen. Keine Lage kann romantischer sein, keine Waldeinsamkeit grüner, üppiger und poetischer! Zwischen alten Akazien, Nebeks oder Nebkas, Tuntums und Heglyds (die botanischen Namen kann ich nicht angeben und der Doktor auch nicht, der nur die Apothekenkräuter studiert hat) erhoben sich einzelne prachtvolle Gruppen von Tamarindenbäumen, unsern höchsten Eichen nichts nachgebend, und eine halbe Stunde weiter hatte ich die Freude, endlich zwei Exemplare jener gigantischen Adansonien anzutreffen, von denen mir Mustapha Bey erzählte, die aber hier den Namen Kongulos führen. Der Stamm des größten maß, eine Elle über dem Boden, noch fünfundfünfzig Fuß im Umfang. Die Blätter seiner weit gebreiteten Zweige glichen denen unsrer Nußbäume, aber von dunklerem Grün, sein Holz war schwammig wie Kork und der Anblick der ganzen ungeheuren Masse in hohem Grade imposant. Ich glaube, daß es derselbe Baum ist, der auch in Südamerika vorkommt, wo man ihn «Boabab» nennt (Adansonia digitata habe ich seitdem gehört). Das erwähnte Waldindividuum mochte kaum 80-90 Fuß hoch sein, die andern waren bedeutend kleiner, und alle schienen nicht ganz gesund, wenigstens wurden sie von den ihnen an Höhe gleichen Tamarindenbäumen an Fülle und saftiger Frische sehr übertroffen. Ihr eigentliches Klima mag erst noch südlicher beginnen. Nur selten ward dieser schöne Wald von einzelnen Dickungen unterbrochen, so daß man auf dem jungen, in der jetzigen nassen Zeit schon üppig sprossenden Gras im dichten Schatten der Bäume ohne alle Schwierigkeit fortschritt. Fast durchgängig fanden wir den Boden mit einem schönen Insekt von brennendroter Koklikofarbe bedeckt, dessen Oberfläche dem weichsten Samt glich. Dies wunderlich rotgescheckte Grün hätte man mit einem Fußboden aus Blutjaspis vergleichen können, und dies um so mehr, da auch nicht eine einzige Blume durch andre Farben das Grün und Rot desselben unterbrach. Das Insekt war von der Größe eines Rosenkäfers und hielt in seiner Konformation die Mitte zwischen Wanze und Spinne. Ich zerquetschte einige der Tierchen auf Papier, das sogleich davon in gesättigter Fülle gelbrot gefärbt wurde, und ich zweifle nicht, daß man bei der zahllosen Menge dieser Tiere in der jetzigen Jahreszeit aus ihnen einen neuen Farbstoff von Wichtigkeit für den Handel ziehen könnte. Auch einige Schmetterlinge, doch von keiner neuen Spezies, zeigten sich und eine ausgezeichnet schöne, sehr große Heuschreckenart von hellgelber Farbe mit glänzend blau und roten Flecken gesprenkelt, das innere der Flügel dunkel feuerfarben. Vögel sahen wir nur wenig und vierfüßige Tiere diesmal gar nicht, doch verfolgten wir eine Weile die Spur eines Elefanten und trafen später auch die eines Löwen nebst einer von ihm zerrissenen Ziege, deren Leichnam mir auf auffallende Weise eine Behauptung Korschud Paschas bestätigte, die ich früher für eine Fabel hielt, nämlich, daß der afrikanische Löwe, wenn er am Fraß keinen Mangel leidet, als ein wahrer Feinzüngler nur Kopf, Leber und Herz der gewürgten Tiere zu sich nimmt. Genau diese Teile fehlten auch der sonst nicht weiter angefressenen Ziege.

Nachdem meine Promenade ungefähr zwei Stunden gedauert hatte, sah ich mich während der trotz des Schattens später außerordentlich drückend gewordenen Hitze und infolge meiner gänzlichen Entkräftung genötigt, die Barke, welche uns auf dem Flusse gefolgt war, wieder aufzusuchen, obgleich ich gern den ganzen Tag auf Entdeckungen umhergezogen wäre. Jedem rüstigen Reisenden riet ich deshalb schon wiederholt, so oft er kann, den Landweg vorzuziehen, der überdem weit weniger Zeit wegnimmt als hier die Flußfahrt wegen der ewigen Krümmungen.


1) Dieses Äffchen lebt noch frisch und gesund in den Wäldern der Lausitz, es ist aber leider seitdem viermal größer geworden und lange nicht mehr so gutmütig als im Naturzustande.

2) Die Geographen dehnen zwar auf den meisten Karten Nubien bis zum Fazol aus, die hiesigen Türken aber lassen es, wie schon erwähnt, bei der letzten Katarakte enden, wo ihr Sudan beginnt.

3) Der folgende Absatz ist in der Buchausgabe auf dem Kopf stehend gedruckt.


Nachmittag erreichten wir die Stadt Abu Haraß am rechten Flußufer. Da der Kascheff abwesend war, empfingen mich sein Bruder nebst dem Kommandanten der irregulären Kavallerie am Landungsplatz, und ich begleitete sie nachher zur Einnahme einiger Erfrischungen in das Haus des Kascheffs. Der genannte Offizier war erst seit vierzehn Tagen von der Sklavenjagd zurückgekehrt, die er fast bis zum Gebiet der Tengas am weißen Flusse ausgedehnt hatte, und mit dem erlangten Resultat sehr zufrieden schien. Auch er sagte aus, daß der Bahr-el-Abiad, so weit er hinaufgekommen, nie eine verminderte Wassermasse zeige, während der blaue Fluß schon im Fazoli, während des Frühjahrs und vor dem Beginn seines Steigens, kaum mehr drei Fuß Wassertiefe habe. Leider gelangte er nicht so weit als Korschud Pascha und konnte mir daher über die famosen Pyramiden von Taïphafan keine fernere Auskunft geben.1) Unter der um uns versammelten Gesellschaft befand sich auch der Kascheff von Ouad-Medina, dem Hauptort der Provinz, und alle drangen in mich, bis morgen hier zu bleiben, weil die Nacht zu dunkel und nach südwärts viele Klippen im Flusse seien. Da ich aber auf der Rückreise Zeit genug übrig behalten werde, mich hier länger aufzuhalten, und ich überdem wußte, wie gut meine beiden Kawaß', gleich dem Rais der Tahibia, Vorwände zu erfinden wußten, um länger an einem Orte zu verweilen, wo sie gut traktiert wurden – so bestand ich auf der Abfahrt, obgleich der Himmel selbst gegen mich Partei zu nehmen schien, mehrere Gewitter wieder in der Ferne drohten und ein starker Südwind uns entgegenblies. Ich war indes noch keine halbe Stunde weit vorgedrungen, immer zwischen engem, von Felsen sehr obstruiertem Wasser, wo sich die Barken mehrmals, ungeachtet aller Geschicklichkeit der Ziehenden, um und um drehten und nicht selten heftig an die Klippen stießen, als es dunkel zu werden anfing und endlich eine echte ägyptische Finsternis uns anzulegen zwang. Es war hohe Zeit, denn die Gewitter brachen jetzt mit noch mehr als gewöhnlicher Wut über uns los. Mein Erstaunen war nicht gering, als ich trotz diesem schrecklichen Wetter am Ufer große Laternen, von schnell laufenden Negern getragen, erblickte, die gleich Irrlichtern heranzuhüpfen schienen. Es waren die Vorläufer der eben verlassenen Türken, die mit großer Courtoisie zu Pferde gefolgt waren, um mich abzuholen und in Sicherheit zu bringen. In Gefälligkeiten dieser Art sind die Muselmänner exemplarisch und scheuen keine eigne Beschwerlichkeit dabei, vorausgesetzt immer, daß sie ein gewichtiges Motiv dazu haben, wie jetzt die dringende Empfehlung des gefürchteten Korschud Paschas, welche hier natürlich bei den ihm Untergeordneten noch mehr gilt als die selbst Mehemed Alis. Ich lehnte jedoch das mir gemachte Anerbieten dankbarst ab. Meine Kajüte ist nun durch eine dritte Auflage von vortrefflichen hier gefertigten Matten und andere gründliche Reparaturen so ziemlich wasserdicht geworden, wenigstens fähig, dem Regen einige Stunden lang zu widerstehen – wer weiß, ob ich es im Palast des Kascheffs so gut angetroffen hätte –, und zugleich wünschte ich nicht verhindert zu werden, am andern Morgen den ersten günstigen Augenblick zur Weiterreise benutzen zu können.

Nachdem ich auch recht gut und ziemlich trocken geschlafen, erweckte mich früh eine glänzende Sonne und beleuchtete in waldiger Umgebung die Vereinigung des Rahad mit dem blauen Flusse. Der Rahad zeigte hohe abschüssige Ufer bei einigen hundert Fuß Breite, hatte aber noch gar kein eigenes, sondern nur aus dem Bahr-el-Asrak (blauen Nil) zurückgestautes Wasser. Fortwährende jählinge Biegungen des Stromes und konträrer Wind hielten uns mehr als den halben Tag auf, um die Distanz bis Ouad-Medina, die in grader Richtung kaum drei Stunden beträgt, zurückzulegen. Die uns umringenden Wälder blieben gleich reich und mannigfaltig, gaben aber heute der Szene fast das Ansehen eines europäischen Sommers. Denn alles war bereits saftig grün geworden, Laub wie Gras, und unter den Bäumen wurden auch jetzt viel Weiden- und Pappelarten sowie den Tujas und Rotzedern ähnliche Bäume häufig, selbst die Akazien und Mimosen, aus denen immer die Hauptmassen bestehen, haben für uns nichts Ausländisches, und Palmen nebst anderen exotischen Bäumen, deren Anblick von den unsern so auffallend abweicht, kamen hier nicht mehr vor. Alles dies gilt jedoch nur aus dem entfernteren Gesichtspunkte, denn mitten darunter gestaltet sich allerdings vieles wiederum weniger vaterländisch. Immer aber, finde ich, erfreut man sich in fernen Landen solcher Ähnlichkeiten, die wie ein herzlicher Freundesgruß aus der Heimat uns entgegenwinken.

Ich glaubte nur eine halbe Stunde in Ouad-Medina zu verweilen und dann so schleunig als möglich meinen Weg weiter fortzusetzen. Es kommt aber fast immer anders in der Welt, als man denkt, weshalb ich es schon längst aufgegeben habe, feste Pläne für irgend etwas zu machen, und meine jetzige langwierige Reise gibt davon das beste Zeugnis, da ich, als ich sie begann, nur eine Exkursion von drei Monaten beabsichtigte und jetzt bereits im vierten Jahre in zwei Weltteilen umherirre. Auf ähnliche Weise ward Ouad-Medina, grade am Beginn des dreizehnten Breitengrades (bis auf eine später unternommene kurze Ausflucht zu Lande bis zum Zusammenfluß des Dender mit dem blauen Flusse in der alten Provinz Sennar) der letzte Hauptpunkt, bis zu dem ich diesmal vordrang. Doktor Koch, der schon seit einigen Tagen über Unwohlsein klagte, bekam am Abend das Fieber des Landes mit den bedenklichsten Symptomen, was ihn zwang, sich zu einem hiesigen italienischen Apotheker mit Namen Bartolo bringen zu lassen, um dort womöglich Hilfe und Pflege zu finden. Ich mochte ohne ihn nicht gern allein weiter gehen, und da mir ohnedem der Apotheker, der das Land bis zum Fazoli genau kennt, sowie der Kascheff und der Befehlshaber der Truppen versicherten, daß bei der schon eingetretnen Regenzeit ich diese jetzt mit jedem Tage weiteren Vordringens immer unerträglicher finden würde, so daß selbst Eingeborne während derselben keine Reise zu unternehmen wagten, überdem aber bis weit über die Stadt Sennar hinaus ich genau nur die stete Wiederholung dessen sehen könne, was ich bereits hier vor mir hätte – so ergab ich mich um so leichter darein, das lange Impromptu von Ouadi-Halfa aus hier zu schließen. Ich beschloß nun, die mir übrigbleibende Zeit bis zur Wiederherstellung des Doktors womöglich zu der schwierigen Expedition nach Mandera zu benutzen, über welches bis jetzt immer noch die an verschiednen Orten eingezognen Nachrichten sehr dunkel geblieben waren und sich meistens widersprachen.

Ein wahrer Hemmschuh blieb es indes in jeder Hinsicht für mich, in dieser unglücklichsten Jahreszeit hier angekommen zu sein. Allen hier Reisenden ist es dringend zu empfehlen, sich so einzurichten, daß sie im November in Khartum eintreffen. Dann hat man den ganzen Winter vor sich, der hier ein Frühling ist. Der Mangel an Wasser in der Wüste zwingt in dieser Jahreszeit auch alle die für einen Europäer so interessanten Tiere als Elefanten, Löwen, Panther, Giraffen, Antilopen aller Art usw., selbst einen großen Teil der unzähligen Vögelsorten, sich in Masse ganz in die Nähe des Flusses zu ziehen, um dort täglich ihren Durst ohne Mühe löschen zu können. Jetzt, wo schon überall in der Wüste wie in den Wäldern und Bergen Regenwasser sich in allen Vertiefungen zu sammeln anfängt, werden sie immer seltner gesehen, und etwas später erscheinen selbst die dichtesten Wälder am Fluß wie ausgestorben. Der Hauptgrund davon ist, wie man mich hier belehrte, eine sehr giftige Fliege, die um diese Zeit des Jahres im Innern dieser Wälder existiert und besonders von den Elefanten außerordentlich gefürchtet wird. Ich hatte demungeachtet noch das gute Glück, in der Nähe von Ouad-Medina einen Trupp dieser Riesentiere, die vielleicht eben im Begriff abzureisen waren, von fern mit dem Perspektiv betrachten zu können, was man hier allgemein für eine große Seltenheit in der schon so vorgerückten Jahreszeit erklärte. Im Winter dagegen ist nichts gewöhnlicher, als ihnen in Trupps von 50-60, ja Hunderten zu begegnen, von denen mehrere eine fast unglaubliche Größe erreichen sollen. Der Pascha in Khartum besitzt zwei Zähne, die ... Oka (... Pfund)2) wiegen, und viele Personen bestätigten die Erzählung des hiesigen Kascheffs, daß man vor drei Jahren einen Elefanten bei Ouad-Medina fing, in dessen ausgeweidetem Leibe ein Mann zu Pferde ungebückt Platz fand. Die Art, wie man desselben habhaft wurde, war ebenfalls originell. Das gewaltige Tier war absichtlich in ein Durrafeld hineingelassen worden, wo es sich die Lieblingsfrucht so gut schmecken ließ, daß man acht Ardep (der Ardep ist ziemlich unserm Scheffel gleich) Körner, meistens noch unverdaut, in seinem Magen fand, und war gleich darauf, wie man voraussah, an den Fluß gegangen, um zu saufen. Der Durra schwoll davon so auf, daß sich das Tier kaum mehr zu rühren vermochte und ihm kurz nach der begangnen Verfolgung der Magen platzte. Die Elefanten sind hier in der Regel fast ebenso friedlich gesinnt als die Nilpferde, aber desto furchtbarer, wenn sie sich verwundet fühlen, und schon mancher Reiter auf gutem Pferde, der die Geistesgegenwart verlor, um mit Gewandtheit in fortwährenden Windungen der Gefahr zu entfliehen, ward von ihnen eingeholt und vernichtet. Korschud Pascha selbst befand sich einmal auf diese Weise in der drohendsten Lebensgefahr, aus der ihn nur der verzweiflungsvolle Sprung über eine breite Erdspalte rettete. Zwei seiner Mamlucken, deren Pferde dem seinigen nicht folgen konnten und die während der vergeblichen Bemühung dazu von dem sie verfolgenden und sich schon in der vollkommensten Berserkerwut befindenden Elefanten eingeholt worden waren, wurden beide von diesem mitsamt den Pferden in die Luft geschleudert und beim Niederstürzen zu unförmigen Massen zerstampft. Das Tier war so wütend, daß es selbst nach dem Tode seiner Gegner noch ihre Waffen und Lanzen mit dem Rüssel in lauter kleine Stücke zerbrach.

Demungeachtet gibt es einen Mann im Sennar, von allen Einwohnern wohlgekannt und seines Mutes wie seiner Kraft wegen «Tor» (Stier) genannt, der seit vielen Jahren kein anderes Geschäft als die Jagd der Elefanten, Krokodile und Nilpferde betreibt; und obgleich er sie stets allein bekämpft, gehört es doch zu den Seltenheiten, daß ihm eins dieser Ungeheuer entgeht, sobald er dessen Jagd einmal unternommen hat. Er ist dazu mit nichts als einem gewichtigen Speer und einem kurzen, wohlgeschärften, zweischneidigen Schwerte versehen, welche Waffen er auf folgende Weise gebraucht. Dem Elefanten schleicht er, wie ein Reptil auf der Erde kriechend, so lange nach, bis er ihn fast zu berühren imstande ist. Dann haut er ihm schnell die Sehnen eines der Hinterfüße durch, worauf er sich augenblicklich von neuem im Laube versteckt. Der Elefant, der nicht weiß, wie ihm geschehen, da er keines Feindes ansichtig geworden, sucht auf drei Beinen so schleunig als möglich fortzuhinken, bald aber zwingt ihn Blutverlust und Mattigkeit, sich niederzulegen. Diesen Augenblick benutzend, springt der Jäger, der ihn nie aus den Augen gelassen, herbei und stößt behend seine Lanze in einen Teil des Körpers, dessen Verwundung einen schnellen Tod herbeiführt. Um das Krokodil zu erlegen, nimmt er ein paar Hunde, und wie man mir versicherte, in Ermangelung dieser gelegentlich auch kleine Kinder mit sich, die er dicht am Ufer anbindet und sich neben ihnen unter einem Haufen Zweige verbirgt. Sowie das Krokodil naht und sich dreht, um mit dem Schweif den ihn lockenden Gegenstand ins Wasser zu streifen, erhält er schon die Lanze des geübten Jägers ins Genick, der ihm dann schwimmend folgt, bis er verblutend wieder an die Oberfläche des Wassers kommt. Dann schwingt sich Tor auf seinen Rücken, und dergestalt auf ihm reitend, gibt er ihm mit Bequemlichkeit den Rest. Das Nilpferd wird auf fast ähnliche Weise seine Beute. Er gräbt sich an einem Orte, wo er weiß, daß es zur Weide auszutreten pflegt, ein Loch in den Sand, worin er sich durch deckendes Reisig noch besser verbirgt, und während das Tier sorglos und langsam bei ihm vorbeigeht, bohrt er ihm seitwärts die Lanze in die Weichen, was dem Leben desselben ein schleuniges Ende macht.

Wieviel Mut und Geschicklichkeit zu einer solchen Jagdart gehören, ist nicht schwer zu ermessen; wo aber diese beiden Eigenschaften einmal in Vollkommenheit existieren, wird endlich durch die lange Übung der Erfolg fast sicher und die Ausführung sogar leicht.

Fazoli und die bergigen, noch nie von Europäern besuchten Gegenden östlich des blauen Flusses scheinen noch manche uns unbekannte Naturmerkwürdigkeit zu bergen. So sprachen die angesehensten Personen hier, von denen mehrere schon sehr lange sich in diesen Ländern aufhalten, von einem braunrot und schwarz gefärbten Vogel, etwas größer als eine Taube, dessen Flügelenden so seltsam getrennt sind, daß er, wenn er sie ausbreitet, wie der Schmetterling vier Flügel zu haben scheint.

Man sieht ihn nur gegen Abend fliegen, und er ist sehr selten. Sowohl der hiesige Militärarzt, ein Franzose, als der italienische Naturforscher Botta, der eine Zeitlang im Sennar zubrachte, gaben sich viele Mühe, ihn aufzufinden, jedoch vergeblich. Dennoch ist an seiner Existenz kaum zu zweifeln, da so viele der Eingebornen ganz einstimmig in dessen Beschreibung sind, und so unzuverlässig sich auch die Aussagen dieser Leute meistens über Altertümer erweisen, weil sie von diesen einen zu unvollkommnen Begriff haben, so fand ich doch ihre Notizen über Tiere und Pflanzen fast immer ganz richtig. Ich habe schon erwähnt, bei wie vielen ich mich nach dem Einhorn erkundigte und immer die genaue Beschreibung des Nashorns erhielt, was zugleich beweist, daß sie nicht absichtlich falsch, bloß nach dem ersichtlichen Wunsche des Fragers berichteten.

Der Kascheff, ein Tscherkeß und früher Sklave Korschud Paschas (wie jetzt die meisten Kascheffs im Sudan), war von sehr gesellschaftlichem Humor und überhäufte mich mit Attentionen aller Art. Auch brachte ich, solange ich in Ouad-Medina verblieb, den größten Teil meines Tages bei ihm zu, unzählige Pfeifen rauchend und unzählige Tassen Kaffee und Scherbet trinkend, welche Einförmigkeit noch durch vortreffliche Kompotts, aus Feigen, Melonen, Weinbeeren, Aprikosen und Kirschen bestehend, unzerbrochen wurde, die man dem Kascheff täglich aus seinem Harem zuschickte. Gewöhnlich war der Befehlshaber der regulären Truppen, ein ebenfalls lebelustiger Mann, und der Melek Kenbal, der 1000 freie Araber befehligt, nebst mehreren Hausoffizieren des Kascheffs gegenwärtig. Der Melek, obgleich schwarz wie Kohle, war einer der hübschesten jungen Männer, dabei von höchster Eleganz und Recherche, ja selbst von skrupulöser Reinlichkeit in seinem Anzuge (was bei einem Orientalen nicht sehr häufig angetroffen wird), mit einem Benehmen, das ganz dazu geschaffen gewesen wäre, den meisten unsrer Damen die Köpfe zu verdrehen. Er erinnerte mich auf das lebhafteste an Jussuf in Algier und hat auch gleich ihm die Reputation großer persönlicher Tapferkeit. Eben kam er von einer Expedition nach Takka zurück, um dort Tribut einzuziehen, ein den Europäern ziemlich unbekanntes Land, welches auf Cailliauds Karte ohne Grenzen und gewissermaßen nur aufs Geratewohl zwischen Groß-Redschab mit dem Fluß Atbarrah, dem roten Meer und Abessinien verzeichnet ist. Ein Teil des zahlreichen Volkes, welches dort wohnt, zahlt jetzt dem Vizekönig Tribut, dieser muß jedoch stets mit den Waffen in der Hand eingetrieben werden. Der Melek berichtete uns, daß das Land Takka in seinen weiten Plainen äußerst volkreich und wohl angebaut sei und die Hauptstadt gleichen Namens Khartum an Größe wohl sechsmal übertreffe. Eine Tagereise von Takka entfernt, dicht am Fuß einer langen Bergkette, sollen, wie er sagte, weitläufige Ruinen einer alten Stadt mit vielen Säulen, mit Reihen von Sphinxen (Schafen, wie er sie nannte) und Riesen zu Pferde (also Kolossen), die letztern stark beschädigt, aber alles aus hartem Stein (Granit wahrscheinlich) gebildet, sich befinden. Obgleich ich die Genauigkeit dieser Nachricht dahingestellt sein lasse, besonders was die Kolosse zu Pferde betrifft, so halte ich es doch der Mühe wert, Reisende darauf aufmerksam zu machen, und da jetzt in jedem Jahre, und dies zwar während der ersten Monate desselben, Truppen in diese Gegenden gesandt werden, so kann es nicht schwer fallen, sich, wenn man die rechte Zeit wahrnimmt, ihnen anzuschließen. Auch in dieser nicht so entfernten Region ist ein noch ganz jungfräulicher Boden zu explorieren.

Einmal kamen wir – und zwar über meinen Hund Susannis, den man aus Rücksicht für mich im Zimmer duldete, obgleich er in den Augen der Muselmänner ein unreines Tier ist – grade dieses Umstandes wegen auf Religion zu sprechen, und ich glaubte mich angenehm zu machen, indem ich einige Stellen aus dem Koran zitierte und meine gerechte Bewunderung derselben aussprach. Die Türken haben aber, wenigstens in Mehemed Alis Reich, jetzt ihre Voltairesche Epoche und scheinen ziemlich nahe daran zu sein, den bisherigen blinden Glauben mit einem vielleicht ebenso blinden Unglauben zu vertauschen. Man nahm mein enthusiastisches Lob halblächelnd auf und ließ den Gegenstand bald darauf fallen. Ich war im Anfang der Meinung, dies geschähe aus Bigotterie, weil man es unschicklich fände, daß ein Dschaur sich anmaße, den heiligen Koran zu loben, der nächste Tag aber überzeugte mich vom Gegenteil. Ich saß allein mit dem Gouverneur bequem auf seinem Diwan gelagert, während mein Dragoman zum Dolmetschen vor uns stand, als Selim Kascheff mit satirischer Miene begann: «Sie haben gestern unsere Koran so gelobt; ich will Ihnen nun auch etwas zu seinem Lobe erzählen. Ein hiesiger sehr frommer Mann las den Koran Tag und Nacht und ward nach kurzer Zeit närrisch darüber, eine Folge, die ich von derselben zu angestrengten Beschäftigung schon mehreremal auch an andern erlebt habe, obgleich ich selbst in dem Buche ebenfalls ganz gut bewandert bin. Unser Heiliger – denn mit der Einbildung dies zu sein, pflegt die Koranverrücktheit immer verbunden zu sein – kam eines Tages zu mir, um mir ohne Umstände anzukündigen, der Koran befehle ihm, mir und allen Kascheffs, die ihre Gewalt hier nur mißbrauchten, das Leben zu nehmen und sich zugleich unsers Geldes zu bemächtigen, um es zu frömmeren Zwecken zu verwenden. Ich suchte anfänglich den guten Mann mit aller Milde zu besänftigen und bot ihm versuchsweise meine Geldkisten an, im Falle er mir nur das Leben schenken wolle. Er bestand aber in seinem frommen Eifer darauf, beides haben zu müssen. Da fiel mir ein, daß es außer dem Koran noch ein anderes sehr mächtiges Mittel gibt, die Menschen zu regieren, nämlich den Kurbatsch. Demzufolge ließ ich meinem guten Freunde, der mir, aller Bitten ungeachtet, weder Leben noch Vermögen lassen wollte, sofort in meiner Gegenwart 500 derbe Hiebe aufzählen und ihn dann zur Heilung ins Militärlazarett bringen. Sollten Sie es glauben, der Kurbatsch kurierte radikal die Tollheit, welche der Koran hervorgebracht, und der arme Teufel, der jetzt so gescheit ist als wir, dankt mir noch immer von Herzen die an ihm vollbrachte Wunderkur. Hier also», setzte er lachend hinzu, «müssen Sie mit aller schuldigen Verehrung für das heilige Wort des Propheten doch gestehen, daß sich der Kurbatsch noch mächtiger als der Koran gezeigt hat.» Ich war etwas betroffen und dachte bei mir, daß auch die türkischen Ungläubigen doch immer noch echte Türken bleiben.

Die Krankheit des Doktor Koch war während dieser Tage immer bedenklicher geworden, so daß mir nichts übrig blieb, als ihn vorderhand in möglichst sorgsamer Pflege unter der Obhut des Kascheffs zurückzulassen und unterdessen die Aufsuchung Manderas zu versuchen. Da es aber vorauszusehen war, daß mich diese noch geraume Zeit in hiesiger Gegend aufhalten werde, so durfte ich hoffen, den Doktor nachher wiederhergestellt zu finden. Es tat mir übrigens leid, daß er sich nicht entschließen wollte, gleich den Eingebornen und dem englischen Doktor Holroy sich durch einen Faki heilen zu lassen. Diese Kur gegen das hiesige Fieber wird hier für unfehlbar gehalten, und selten leidet jemand, wenn er nicht stirbt, bei dieser Behandlung länger als acht Tage daran. Ich hielt die Sache zuerst, nach den unvollkommenen Nachrichten, die mir darüber zugekommen waren, und selbst nach dem flüchtigen Augenscheine bei einem Falle dieser Art, nur für eine sogenannte Sympathiekur, weil ein von dem Wundertäter beschriebener Zettel auf einem Kohlenfeuer verbrannt wird, währenddem der Patient, darüber hingebeugt und mit einem Tuche bedeckt, den Duft davon einatmen muß. Dieser erregt aber dem Kranken so heftige Konvulsionen, daß oft drei bis vier Menschen nötig sind, um ihn «per forca» unter dem Tuche zu erhalten. Ist die Operation vorbei, so legt man ihn auf ein Engareb, deckt ihn so warm zu, daß er gründlich schwitzen muß, und läßt ihn sechs Tage lang nur Brot und laues Wasser genießen, worauf er gewöhnlich vollständig geheilt ist. Man versicherte mir, wie gesagt, allgemein, daß diese Kur fast nie fehlschlage, aber von dem freigeistigen Kascheff allein erhielt ich den eigentlichen Schlüssel zur Sache. In das beschriebne Papier wird nämlich eine bedeutende Dosis des außerordentlich starken roten Pfeffers, den man hier baut, nebst andern ähnlichen Ingredienzen gewickelt, und der Höllendampf dieser Dinge ist es, der dem Kranken so schwer zu ertragen wird, obgleich er selbst seine Qual nur der Kraft der kabbalistischen Zeichen zuschreibt. Es wäre immer der Mühe wert zu versuchen, ob dasselbe Mittel sich auch in Europa so spezifisch gegen das dortige Wechselfieber erweisen würde, als es hier der Fall ist.

Damen werden ersucht, das nun folgende, selbst wenn sie griechisch lesen können, ebenfalls zu überschlagen 3).

 
s. Fußnote 3)

Heutzutage sind Damen nicht so zimperlich, als daß man ihnen diesen Text nicht zumuten könnte; deswegen jetzt hier diesen Text in deutsch:

Als Beitrag zur Schilderung der Landessitten mag auch noch Folgendes dienen. Am Abend ehe ich Ouad-Medina verließ, erschien im Audienzsaale des Kascheff's, zu welchem jeder Zutritt hat, ein junger Mann, der völlig wie eine Frau, und in noch übertriebenerem Schmuck gekleidet war, auch in allen Manieren dem weiblicen Geschlecht, mit einem Anflug von Karikatur, nachzuahmen suchte. Ich erkundigte mich bei dem neben mir sitzenden Arzte des Kascheff's, was diese Verkleidung bedeute? «O», erwiderte dieser mit einer ausdrucksvollen Pantomime, «das hier ist die beliebteste Soldatenhure in Ouad-Medina, die man alle Naechte in der Naehe der Kaserne antreffen kann.» Der naemliche junge Mann, der zugleich den öffentlichen Possenreisser zu spielen schien, sagte nacher zum Kasceff selbst, als dieser ihm einige Nekkereien adressirte, die auf sein Handwerk Bezug hatten: «O, lasst mich in Frieden und gebt mir lieber einen Backschisch, denn wenn Ihr es nicht tut, und ich mit leeren Händen nach Hause komme, so wird mein Kind schreien, das Ihr mir im vorigen Jahre gemacht habt.» Alle Welt schien diese spasshafte Antwort sehr ergötzlich zu finden.

Ein andresmal sah ich, von einem weiten Männerkreise, auch meistens Soldaten, umgeben, ein Mädchen den gewöhnlichen laskiwen Tanz des Orients ausführen, aber in einem remarkablen Kostüme. Denn sie war völlig nackt, und hatte nur eine lange Schnur von bunten Glasperlen um den Hals, an der ein monströser, schwarzgefärbter Priap tief herabhing, der unter dem wildesten Applaus und Gelächter der Umstehenden bei allen obszönen Bewegungen ihres Körpers mit agierte.

Dem Gouvernement Mehemed Ali's ist hierüber durchaus kein Vorwourf zu machen, denn alle diese krassen Unsittlickeiten sind, besonders beim Militaer, durch die Gesetze sehr streng verpönt, aber so weit ins Land hinein reichen diese Gesetze kaum mehr, und auch in unmittelbarer Naehe bleiben sie grossenteils unwirksam, da diese uralten Gewohneiten oft, je schlecter sie sind, desto schwerer ausgerottet werden. Der Kultus des Priapus, so alt als die Welt, hatte sich ja bis in die neueren Zeiten sogar im Katholizismus dergestalt fortvererbt, dass in Italien an mehr als an einem Orte Tonbilder desselben Weibern, um sie fruchtbar zu machen, als Reliquie umgehangen wurden, und in Frankreich selbst ein Heiliger aus dem alten Gotte gemacht ward.


1) Obgleich nun die neuesten Expeditionen Mehemed Alis nichts von solchen Pyramiden erwähnen, so kann man doch, wenn man die Menge der Arme und die Zuflüsse des Bahr-el-Abiad in Betracht zieht, sie noch immer nicht mit Bestimmtheit in das Reich der Fabeln versetzen.

2) Die Zahlen sind in meinem Tagebuch so verwischt, daß ich sie, um nicht zu lügen, unausgefüllt lassen muß.

3) Die folgenden Absätze sind nicht in griechischer, sondern in deutscher Sprache, aber griechischer Schrift geschrieben.




nach oben