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Zweiter Ritt durch die Wüste
nach Schendy


Unmittelbar aus einem erfrischenden Bade im Wasser des Nils brach ich am 11. Mai gegen Mitternacht mit meiner Karawane auf, nachdem ich einen Teil meiner Effekten und die ganze Schiffsmenagerie, mit einziger Ausnahme des treuen Susannis, der Obhut des gefälligen Kascheffs anvertraut hatte. Auch einen sehr brauchbaren arabischen Diener, den mir der Gouverneur von Doerr mitgegeben hatte, mußte ich zurücklassen, da er fast hoffnungslos an einem bösartigen Fieber darniederlag, an dem er auch, wie ich später erfuhr, einige Wochen darauf starb.

Wir marschierten langsam, fortwährend auf hartem Sandboden, bis wir am Morgen in ein mit vielen halbvertrockneten Mimosen waldartig besetztes Felsental kamen, wo sich ein tiefer und geräumiger Brunnen mit ziemlich gutem Wasser befindet. Er heißt Mseali, und seine Umgebung war zum Ziel unseres ersten Nachtlagers bestimmt. Wir hatten in der vergangenen sternhellen Nacht die Wüste voll schwarzer Granitfelsen und an vielen Stellen Spuren von Vegetation gefunden, was unterirdisches Wasser unter der Oberfläche vermuten ließ. Ich fand auch später so oft Gelegenheit, diese Bemerkung zu machen, daß ich von der Möglichkeit überzeugt bin, mit Hilfe artesischer Brunnen Tausende von Quadratmeilen der Wüsten Äthiopiens und des Sudans in fruchtbares Land umzuwandeln.

Zwei Stunden seitwärts unsrer Straße in östlicher Richtung soll sich in Baden-el-Gasali (dem Tale der Gazellen) ein noch ziemlich wohlerhaltener Tempel aus rötlichem Sandstein befinden, nach der Beschreibung aber nur von geringen Dimensionen sein. Ich würde die Mühe nicht gescheut haben, ihn aufzusuchen, da ihn noch kein europäischer Reisender gesehen, der Führer erklärte aber, des Weges nicht recht kundig zu sein, und besorgte, sich zu verirren, weshalb ich die Sache aufgeben mußte.

Wir schliefen bis um fünf Uhr abends, wo ich aufstand, um die Gegend zu besichtigen. Am Brunnen fand ich mehrere Beduinen, die ihre meistens schwarzen Kamele mit Wasser beluden. Sie waren mit recht eleganten leichten Speeren und schmalen, auf beiden Seiten zugespitzten Schildern aus Hippopotamushaut bewaffnet, die ich ihnen vergebens feil zu machen versuchte. Zwei Mädchen befanden sich bei ihnen, wovon die eine, noch sehr jung, wie uns die Männer sagten, die renommierteste Schönheit ihres Dorfes sei, das nur einige Stunden von hier liegen soll. Sie war in der Tat nicht übel, trotz der breiten Brandnarben in den Backen, schön bemalt und trug als Schmuck zwei schwere Fußschellen von Metall, gleich unsern Baugefangenen, an den Knöcheln. Sie lächelte uns zuerst sehr freundlich an, doch als ich mich ihr nähern wollte, um sie genauer zu betrachten, entsprang sie, von einer plötzlichen Panik ergriffen, in Begleitung ihrer älteren Gefährtin, wie ein Reh durch den Mimosenwald nach den entfernten kahlen Felsbergen. Ich nahm mit meinem Dragoman dieselbe Richtung und erstieg die Höhen, konnte aber der beiden Mädchen nicht mehr ansichtig werden; wogegen mich auf dem Gipfel eine weite Aussicht über hügeliges Land hin überraschte, in dessen Tälern mehrere grüne Oasen verstreut waren. Doch bemerkten wir nirgends Spuren von Wohnungen. Zu Burkhards Zeiten war dieser ganze von den Hassanjeh-Arabern bewohnte Teil der Wüste noch sehr unsicher, seit der neuen Herrschaft hat man nicht das mindeste zu befürchten und mag hier so unbesorgt reisen wie in Ägypten. Als wir zurückkehrten, fanden wir den Sklaven des Doktors heftig an einem Sonnenstich erkrankt. Man mußte ihn mehreremal zur Ader lassen, und obgleich bald danach einige Besserung eintrat, so erlangte der Knabe doch während der ganzen Reise nie ganz seine vorige Gesundheit wieder.

Beim nächsten Marsch ward die Karawane nach alter Weise vorausgeschickt, und wir folgten ihr um zwei Uhr in der Nacht. Die Distanz war ungefähr dieselbe wie gestern, und auch der Charakter der Gegend blieb sich gleich. Doch hatten wir eine Art Abenteuer unterwegs. Es war ziemlich dunkel, und wir mußten uns eng zusammenhalten, um nicht vom Wege abzukommen, als wir, durch ein vertrocknetes Gebüsch reitend, plötzlich mitten unter uns eine ganz unheimliche und wie verzaubert aussehende Gestalt gewahrten. Es war ein uralter Schwarzer mit langem weißen Bart, welcher ganz nackt, aber mit einem großen graden Ritterschwert bewaffnet, das er durch einen Riemen an der Schulter befestigt, nicht an der Seite, sondern über dem Rücken hängend trug. Er ritt auf einem schnellfüßigen Eselzwerge, der nicht über zwei Fuß hoch war, so daß der ansehnlich gewachsene Mann die Knie hoch über den Sattel erheben mußte, um darauf sitzen zu können, ohne mit den Füßen die Erde zu berühren. So trabte er dicht neben meinem hohen Dromedare her, unter dessen Bauch er füglich hätte hindurchschlüpfen können, ohne anzustoßen. Wir betrachteten ihn alle sehr verwundert, während er nicht die geringste Notiz von uns zu nehmen schien. Endlich rief er unserem Führer – der gewöhnlich etwas vorausreitet, um uns die wahrlich nicht leicht aufzufindende Direktion ohne Weg und Steg durch die so wenig Kennzeichen darbietende Wüste anzuzeigen – einige mit der den Negern eigentümlichen Art gellend ausgestoßene Worte zu; doch dieser, welcher noch mehr Scheu als wir vor dem fremdartigen Wesen zu hegen schien, ritt nur um so schneller vorwärts, ohne die Anrede zu beantworten. Der Alte lachte murmelnd in seinen Bart hinein, und ehe wir es uns versahen, war er, wie er gekommen, auch ebenso schnell hinter den Bäumen wieder verschwunden, gleich einem Gespenst der Nacht. Trotz aller unsrer Bemühungen konnten wir von dem Führer keine recht genügende Auskunft über das Vorgefallene erhalten. Doch bin ich überzeugt, daß er irgendeinen Aberglauben mit der Erscheinung dieses Mannes in Verbindung brachte, denn er war sichtlich betroffen und sprach nachher viel von einem übelwollenden Geiste, der im schwarzen Gebirge wohne, den alle Welt unter dem Namen «des Alten vom Berge» kenne, und dessen Erblickung unter den verschiedenen Formen, die er annähme, meist Unheil bedeute. Doch wollte er es niemals gradezu aussprechen, daß, was wir gesehen, dieser Geist gewesen sei. Die Wilden haben also, wie es scheint, auch ihren tropischen Rübezahl.

Wir rasteten abermals in einem mit laublosen Mimosen angefüllten Tale. Diese blätterlosen, völlig abgestorben aussehenden Bäume schienen den Winterschlaf der unsrigen hier nicht während der Kälte, sondern während der größten Hitze abzuhalten, nach der Regenzeit sollen sie alle wieder im hellsten Grün erglänzen. Der größte Teil davon gehört einer besondern Varietät an, die man hier Samra nennt. Die Hitze hatten wir in der Nacht fast ebenso drückend als am Tage gefunden, weil kein Lüftchen mehr wehte, während am Tage, besonders um die Mittagszeit, der Wind in oft unangenehmen Stößen und fortwährend umspringend, fast aus allen Abteilungen der Windrose blies. Nicht sehr ermüdet, belustigten wir uns nachmittags lange mit der Jagd, die jedoch nur auf Turteltauben und Wüstenrebhühner stattfindet. Die großen schwarzen und weißen Geier pflegten ganz ohne Scheu vor unsern Gewehren jedesmal, wenn ein Schuß fiel, eilig herbeizukommen, um die Vögel, welche etwa in einem Baum hängenblieben oder angeschossen sich zu retten suchten, schnell für sich selbst einzufangen. Ja, sie zeigten sogar manchmal Lust, dem Jäger seine Beute streitig zu machen, und es war lächerlich anzusehen, wenn einer der letzteren zu Knüppeln und Steinen seine Zuflucht nehmen mußte, um ihrer loszuwerden. Einige sehr hübsch gefiederte Singvögel belebten außerdem häufig die dürren Gebüsche, und nicht selten hörten wir, bei Tag wie bei Nacht, der Schakale heiseres Gebell, ohne jedoch einen derselben erlegen zu können. Von reißenden Tieren fanden wir keine Spur.

Am folgenden Tage erreichte plötzlich die Hitze einen fast unleidlichen Grad. Das Thermometer zeigte um zwei Uhr nachmittags in meinem Zelte, wo freilich die Reverberation der Sonnenstrahlen die Glut noch intenser macht, am schattigsten Orte desselben 39 Grad Reaumur und auf den Sand in die Sonne gelegt 55 Grad, eine Temperatur, die sich nachher drei Tage lang um dieselbe Zeit mit wenigem Unterschiede wiederholte. Der Wind kam direkt aus Süden und glühte, statt Kühlung zu bringen, wie aus einem Ofen. Nicht nur Metall und Glas, sondern auch Papier, Seide, Leinwand, Holz usw. waren ohne Unterschied als gleich brennend heiß anzufassen. Der einzige kühle Gegenstand, den man finden konnte, war die eigne Haut, weil der Temperaturgrad der Atmosphäre fast höher stand als der des Blutes. Das Fleisch eines Schafes, das um elf Uhr vormittags geschlachtet worden war, mußte schon um sechs Uhr abends als unbrauchbar weggeworfen werden, und zwei lebend mitgenommene Schafe starben über Nacht beim Transport sowie der größte Teil der von Meravi mitgenommenen Hühner, von denen wir später bis Khartum uns leider keine mehr verschaffen konnten. Auch mein Hund war dem Verscheiden nahe und grub sich, kläglich winselnd, einen Fuß tief in die Erde. Fast unbegreiflich ist es, wie trotz dieser Höllenglut die Eingebornen ganz nackt, mit einem bloßen schmalen Gürtel angetan, hier aushalten können, den Kopf ohne allen andern Schutz als ihre langen Haare dem fürchterlichsten Sonnenbrande, die Füße ohne Sandalen dem kochend heißen Sande ausgesetzt.

Der Schauplatz unsres Biwaks war diesmal in der Nähe einiger Hütten, von den Eingebornen, welche starke Viehzucht, aber wenig Ackerbau treiben und sich fast nur von Fleisch und Milch nähren, Marua genannt. Ein großer Teil der Wüste in dieser Region ist mit Binsengras und mehreren Akazien wie Mimosenarten bedeckt, die, wie bereits erwähnt, jetzt abgestorben scheinen, aber mit der Regenzeit grün werden, welche dann außer dieser Vegetation auch noch viele andere Futterkräuter hervorruft, von denen jetzt keine Spur mehr existiert. In diesem Zustande erhält sich die Vegetation vom Juli bis April. Während dieser Zeit ist Überfluß an Nahrung für die Tiere zu finden, der ohne alle Mühe erlangt wird. Dann aber – denn April, Mai und Juni sind hier die heißesten Monate – beginnt schnell das Vertrocknen aller Pflanzen, und in dieser Jahreszeit muß sich das Vieh mit gedörrtem Binsenstroh und trocknen Baumzweigen begnügen, wozu gelegentlich etwas dürre Körner kommen. Doch kann hiervon nur zu wenig gebaut werden, um irgend darauf zu rechnen. Auch war alles Vieh, was uns in dieser Oase zu Gesicht kam, durchgängig spindeldürr und von der elendesten Beschaffenheit. Wir lagerten etwa hundert Schritte vom Dörfchen in einer weiten, rings von Bergzügen umschlossenen Fläche, dicht am Fuß eines isoliert aus ihr emporsteigenden Felsens. Ich bestieg diesen abends um der Aussicht willen und fand, daß seine von Sonnenbrand und Regen schwarz gefärbten Massen aus dem schönsten steinkörnigen Marmor bestanden. Wenn man Stücke davon abschlug, zeigte er sich von blendender Weiße, an manchen Orten auch rot, an andern schwarz geädert. Von dem Gipfel dieses Felsens, der an 100 Fuß Höhe haben mochte, bemerkte man deutlich mehrere weithin durch die Baumgruppen geschlängelte, zum Teil sehr beträchtliche Flußbetten, wo sich in der Regenzeit das Wasser sammelt und dann, in großer Fülle hinströmend, die Wüste hier in eine gartenähnliche Landschaft umwandeln muß.

Kurz nach Sonnenuntergang sprang der Wind nach Norden um und ward in wenigen Minuten zu einem Orkan, der unsere Zelte widerstandslos niederriß, weil bereits alle Stricke durch die Hitze morsch geworden waren. Überhaupt gehen fast alle unsere Effekten nach und nach hier zugrunde, besonders was von Holz ist. Kein Koffer und keine Kiste will mehr zusammenhalten, selbst meine englische Schatulle von der besten Arbeit ist so auseinandergewichen, daß ich mein Geld in einer Serviette transportieren muß.

Am 14. Mai

Dem gestrigen Sturme war bald wieder eine totale Windstille gefolgt und die Nacht ohne Tau und Luftzug von der gewöhnlichen Ofentemperatur. Einer unsrer Dromedare versagte während des Marsches den Dienst, legte sich nieder, und nichts konnte ihn mehr zum Aufstehen bewegen. Es war ein sehr glücklicher Zufall, daß fast in demselben Augenblick zwei Reisende auf guten Kamelen uns entgegenkamen, von denen unser Kawaß sogleich das eine – denn Not kennt kein Gebot – mit Gewalt, wenngleich gegen Bezahlung, requirierte. Ohnedem weiß ich nicht, wie wir fortgekommen wären, da das krank gewordene Tier grade das des Führers und mit allen unsern notwendigsten Sachen bepackt war. Es ward sorglos von den Arabern an dem Fleck, wo es sich niedergelegt, zurückgelassen, in der Überzeugung, daß es schon selbst auf irgendeine Art für sich Sorge zu tragen wisse und auf dem Rückweg auch dort wiederzufinden sein werde.1) Die Gegenden, welche wir heute beim funkelnden Schein der Sterne durchritten, boten fast nirgends mehr einen öden, vielmehr einen so heiteren und mannigfachen Anblick dar, daß man sie füglich die Wüstenschweiz von Beheda nennen könnte. Beheda ist nämlich der Name des ganzen großen Landstriches, welchen der Nil, gleich einer Halbinsel, zwischen Schendy, Debbeh und Berber umschließt. Viele Züge dunkler, gezackter Berge von 1200 bis 1500 Fuß Höhe, wo sich über und zwischen Granit und Porphyr zuweilen Urkalkstein in zerrissenen Schichten hinzieht, umschlossen fast fortwährend bebuschte Täler, in denen auch jetzt noch mehrere Bäume grünten. Einer dieser Berge, den wir übersteigen mußten, ward sogar oft für unsre Bequemlichkeit fast zu pittoresk – denn die Dromedare sind schlechte Kletterer. Wir folgten hierauf zwei Stunden lang den Windungen einer tiefen Schlucht mit hohen und steilen Wänden auf dem rauhen kiesigen Bette eines ausgetrockneten Flusses, bis uns wieder freundlichere kleine Täler umfingen, deren Boden so glatt wie Wasser geebnet ist und die auch in der Regenzeit große Seen mit anmutigen grünen Inseln bilden sollen. Der Untergrund ist überall steinig oder harter Sand, und unter den Kieseln findet man häufig schöne Onyxe und andere bunte Steine von den verschiedensten Farben. Es fehlt hier nicht an Brunnen, und obgleich ihr Wasser meistens nur lau und so von Sand geschwängert ist, daß es wie Lehmtunke aussieht, so ist es doch gesund und ohne allen unangenehmen Geschmack. Es war uns um so willkommner, da das in vielen rohen Schläuchen mitgenommene Wasser wegen des üblen Geruches in kurzer Zeit beinahe untrinkbar wird, ein böser Umstand, wenn man täglich wenigstens fünf bis sechs Flaschen Wassers braucht, um den kaum je aufhörenden Durst nur einigermaßen löschen zu können.

Es war ein höchst wilder Fleck im grandiosesten Stile, wo wir am Morgen unsere Zelte aufgeschlagen fanden, ein schwarzblauer Felsenkessel ohne die geringste Vegetation. Das aus herrlichem Porphyr und gelblichem Granit bestehende Gestein war in Massen der heterogensten Formen wie durch ein Erdbeben aufgetürmt, und viele dieser riesigen Felsstücke balancierten sich auf eine so unglaubliche Weise übereinander, daß man jeden Augenblick erwartete, eins oder das andere derselben vom Winde herabgeschleudert zu sehen. Welch ein Schatz wäre ein solcher Steinbruch in einer Gegend, wo man besseren Nutzen daraus ziehen könnte! Hier herrschte nur die tiefste Einsamkeit, ein durch nichts unterbrochenes Schweigen, selbst der nahe Brunnen schien nichts Lebendes an sich zu ziehen, bis gegen Abend doch ein Volk Rebhühner herbeikam, unter dem unser mörderisches Blei auch sogleich eine bedeutende Verwüstung anrichtete. Ich kletterte eine Stunde lang auf den Felsen umher, konnte jedoch keine entfernte Aussicht erlangen, da immer wieder höhere Berge und Felsen diejenigen umgaben, welche ich im Schweiße meines Angesichts erstiegen hatte. Der hiesige Brunnen hatte von allen bisher und nachher angetroffnen das klarste und kühlste Wasser. Der Ort ward von unserem Führer Magaga genannt; es befindet sich aber weder ein Dorf noch sonst eine Wohnung weit umher. Ein scharfer Wind, der durch die schmalen Öffnungen der Schlucht sauste, ließ uns etwas weniger von der Hitze leiden als gewöhnlich, entführte aber zum zweitenmal unsere Zelte in demselben Momente, wo sowohl der Doktor als ich, fast nackt auf unseren Betten liegend, mit dem Schreiben unsrer Tagebücher beschäftigt waren, was zwar mehrere kleine Beschädigungen verursachte, aber zugleich eine sehr komische Szene der plötzlichen Aufdeckung und darauf folgenden Verwirrung aller Art veranlaßte. Da man sich hier nichts verschaffen konnte und Vorräte sich nicht mehr halten, so hätten wir heute einen gezwungenen Fasttag feiern müssen, wenn nicht die erwähnten Rebhühner und ein halbes Dutzend Turteltauben, welche der unermüdliche Ackermann uns nach einer Stunde Abwesenheit zurückbrachte, der Not abgeholfen. Die letzteren Vögel ist man sicher, von Alexandrien bis zur südlichsten Grenze des Sudan fast täglich in beliebiger Quantität erlegen zu können, so daß man, mit einem gehörigen Vorrat von Pulver und Blei versehn, auch in der Wüste, wie sie hier beschaffen ist, ohne weitere Lebensmittel nicht zu verhungern braucht. Schwerer ist es, den Gazellen beizukommen, von denen es uns auf dieser Tour bis jetzt noch nicht glückte, einer einzigen habhaft zu werden, obgleich wir eine große Menge derselben sahen. Insekten erblickt man, außer Spinnen und Heuschrecken, in dieser Jahreszeit fast gar nicht, und ich habe, seit ich Kahira verließ, nur zwei Schmetterlinge gesehen, sie aber nicht gejagt, weil mir dies die englischen Kritiker als kindisch verwiesen haben. Doch fanden wir abends den Brunnen von einer prächtigen großen Hornissenart mit breiten schwarzen und goldgelben Ringen reichlich umschwärmt, deren eine ich meiner Insektensammlung einzuverleiben mich unterstand.

Als eine wohltätige Notiz für die Reisenden will ich hier folgendes einschalten. Es ist wesentlich, seine Leute für die Aufschlagung der Zelte an stets zweckmäßigen Orten gut zu dressieren. Diese letzteren müssen zwar immer möglichst im Schatten, aber noch nötiger im Luftzuge aufgestellt werden, wobei die sich gegenüberstehenden Öffnungen des Zeltes schräg gegen den Wind zu richten sind, damit der Luftzug erhalten werde, ohne doch in grader Richtung den Staub hineinzujagen. Bei zu großer Hitze tut man am besten, die Seitenwände ganz wegzunehmen und nur das Dach als Sonnenschirm ausgespannt zu lassen. Die Decke des Zeltes muß stets da, wo die Sonnen eben darauf scheint, mit dicken Strohmatten belegt, und diese, wenn Wasser genug da ist, fleißig begossen werden, ebenso der Boden um das Zelt. Diese Kleinigkeiten, wenn man sie gut beobachtet, werden gewiß einen Unterschied von 8 bis 10 Grad in der innern Temperatur hervorbringen, was auch unter den ungünstigsten Umständen doch einigermaßen soulagiert. Hinsichtlich der Kleidung habe ich bei der häufigen schnellen Abwechslung von Hitze und Kälte helle und weite Halbtuch- oder Kaschmirkleider und außerdem eine feine Flanellweste auf dem bloßen Leibe zu tragen am zweckmäßigsten und einem zu leichten Leinwandanzug sehr vorzuziehen gefunden. Die Hauptsache aber ist, den Kopf drei- und vierfach zu bedecken, um ihn vor der Sonne zu schützen, und bei dem geringsten Frösteln, das man fühlt, muß man sogleich die wollne Burnus oder einen Tuchmantel umtun, welche beide Gegenstände daher immer bei der Hand zu halten sind, denn Verkältung hat hier jedesmal die nachteiligsten Folgen. Hinsichtlich der Diät habe ich nie ein bestimmtes System befolgt, sondern stets gegessen und getrunken, so viel oder so wenig als ich eben hatte und meine Bedürfnissen angemessen fand. Wozu ich Lust verspürte, habe ich mir nie versagt. Fleisch wie reife Früchte, Fettes und Mageres, Süßes und Saures genoß ich unbedenklich untereinander, jedoch nie im Übermaße. Bald trank ich Wein, bald süße oder saure Milch, Bier oder Branntwein (diese stärkeren Getränke aber meist mit Wasser gemischt), den dolgolesischen Bilbil, den ägyptischen Mischmasch aus Aprikosen, Mandelmilch (die, beiläufig gesagt, wenn man sich weder Milch noch Eier mehr verschaffen kann, ein vortreffliches Surrogat dafür beim Kaffee oder Tee abgibt), gewöhnliche Limonade oder «limonade gazeuse», künstliches Sodawasser mit englischen Pulvern bereitet oder Sorbet aus Melonenkernen usw., ganz nach Laune und Tunlichkeit, ohne je Nachteil davon zu verspüren. Nur die Vorsicht gebrauchte ich, faules Wasser vor dem Gebrauche stets abkochen zu lassen und mich vor kaltem Trinken nach einer innern Erhitzung wohl zu hüten; ferner überhaupt nie mehr zu essen und zu trinken, als Hunger oder Durst erforderten, doch auch nicht weniger. Vor nichts aber hat man sich in diesen Klimaten mehr in acht zu nehmen, als vor unnötigem Medizinieren, denn mehr als einen habe ich hier durch die bei uns unbedeutendsten, als Präservativ oder gegen nur leichte Unpäßlichkeit angewandten Mittel seine Gesundheit, ja sein Leben verlieren sehen. Ich selbst war so glücklich, bei der angeführten Lebensweise allen Folgen des Klimas und der «aria cattiva» in den den Europäern nachteiligsten Ländern und oft von Epidemien umgeben, stets ohne Fieber noch andere Krankheiten zu entgehen – denn Migräne und ein kurzes Übelbefinden darf ich dahin nicht rechnen. Die einzige Ausnahme hiervon machte eine gefährliche Dissenterie, die ich mir später während der Regenzeit im Sennar ganz allein durch das unnütze Nehmen einer Dosis «Seydlitz powder» zuzog und unglücklicherweise damals keinen Wein mehr hatte, um dem schädlichen Einflusse der Medizin wieder entgegenzuarbeiten. Denn dem Wein räume ich, wie man schon weiß, in heißen Ländern die größte hygienische Kraft ein, doch immer nur insofern man selbst Neigung zu seinem Genuß fühlt und vielleicht auch früher daran gewöhnt gewesen ist. Mein Hauptprinzip blieb immer: dem Impuls der Natur zu folgen, und die Lehre: in jedem Lande sich nach der Lebensart der Eingebornen zu richten – als höchst perniziös und abgeschmackt zu betrachten, wenn man sie nicht wenigstens, sowohl dem ersten Grundsatze als auch der Rücksicht auf lange Gewohnheit gänzlich unterordnet. So verlangte es wenigstens meine Konstitution, und jeder ihr gleichenden werden meine Ratschläge gewiß wohlbekommen. Ebenso glaube ich auch, daß, wer sich sorgfältig vor Erkältung hütet, möglichst frische und gesunde Nahrung genießt und seine Augen häufig mit frischem Wasser wäscht, gewiß keine Ophtalmie in Ägypten zu befürchten hat, und schreibe die tödlichen Fieber während der Regenzeit im tropischen Klima immer nur Verkältung und deren Wirkung auf den Magen oder dem Genuß giftiger Insekten in faulem Wasser zu. Wie ganz sorglos aber grade die Einwohner dieser Länder, welche man nachahmen soll, gegen beides sind, hatten wir täglich Gelegenheit zu beobachten. Auch werden sie, so gut als die Europäer, fortwährend die Opfer davon.

So wie der Mond über den Felsenspitzen sichtbar ward, setzten wir unsere Reise fort, marschierten vier Stunden lang über eine weite Plaine und benutzten dann die Zeit zwischen Mondesuntergang bis Sonnenaufgang zu einigen Stunden Schlafes.

Wir hatten nach diesem Ruhepunkt erst eine geringe Strecke von neuem in der Morgenkühle zurückgelegt, als wir mit Verwunderung die Kamele unsrer Karawane, die nach unsrer Rechnung schon auf der Station angekommen sein sollten, in der Ferne über einen weiten Raum zerstreut vor uns erblickten.

Bald darauf sahen wir im Sande mehrere einzelne Lagerspuren derselben und daneben Scherben von Glaslaternen und Flaschen, zerbrochenes Porzellan, einzelne Kistenbretter usw., die uns das Übelste prophezeiten, was leider auch bald die vollständigste Bestätigung erhielt.

Kurz vor Mitternacht hatten die Karawanenführer neben einer Viehherde naher Dorfbewohner angehalten, um etwas zu rasten und sich mit Milch zu erfrischen, als die Herde von einem Löwen, den man uns als von ungeheurer Größe schilderte, attackiert wurde. Glücklicherweise zog das Raubtier einen fetten Esel und eine Kuh der Araber – wovon er den ersten mit hinwegnahm und die zweite nur zerriß – unsern Kamelen vor, doch diese rannten nun in rasender Furcht davon, viele warfen ihr Gepäck zur Erde, andere stürzten, und es dauerte mehrere Stunden, ehe man sie sämtlich wieder eingefangen, die zerstreuten Kisten und Säcke sammeln, das Zerbrochne notdürftig zusammenbinden und das einzeln auf dem Boden Liegende von neuem einpacken konnte. Unser Verlust an den nötigsten Dingen wie an vielen andern, die uns der Luxus fast zu gleich nötigen gemacht, war höchst empfindlich, selbst mehrere der Wassersäcke, die wir mit dem Inhalt des letzten Brunnens frisch gefüllt hatten, waren zerplatzt und fast unser ganzer, so sorgsam geschonter Vorrat an Wein, Likören, Öl, Essig usw. hatte nutzlos den Wüstensand getränkt. Der Leser mag in seiner behaglichen Ruhe über eine solche Begebenheit nur lächeln, für uns war es beim Himmel eine tragische Szene, welche hier so unerwartet die Strahlen der tropischen Sonne beleuchteten, während wir aus den nahen Bergen noch das Gebrüll des Ungeheuers zu vernehmen glaubten, das uns diesen bösen Streich gespielt hatte.


1) Dies geschah auch wirklich, wie ich bei meiner Rückkehr vernahm.


Genötigt, jetzt bei der Karawane zu verbleiben, deren Schneckenschritt weit mehr als das rascheste Reiten ermüdet, erreichten wir erst gegen elf Uhr während der beschwerlichsten Hitze das Felsental von Jackdull. Herr Rüppel, der es, wie schon erwähnt, mit seiner gewöhnlichen Namensverdrehung «Gekdud» nennt, plaziert es auf seiner Karte mehr als einen Tagesmarsch zu weit westlich, was ich in mehreren späteren Karten genau ebenso kopiert finde. So erbt sich auch der Irrtum «wie eine ew'ge Krankheit fort», und es ist Pflicht, ihn zu berichtigen, selbst für den Ungelehrten, der doch an Ort und Stelle durch den Augenschein oft der Gelehrte wird. Herr Rüppel, der, glaube ich, nicht selbst hier war, spricht ferner von einem tiefen See in der Mitte des Tales. Dies müßte in der Regenzeit gewesen sein. Jetzt befand sich nur am Ende desselben eine sehr merkwürdige Grotte, die zu jeder Zeit mit Wasser von beträchtlicher Tiefe angefüllt ist. Wir fanden dies Wasser von lauer Temperatur und seine Oberfläche ganz mit grünem Schlamm bedeckt. Der sich darüber wölbende Teil der Grotte ist prachtvoll und zugleich eine wahre Naturmerkwürdigkeit zu nennen, da die untere Hälfte des Gewölbes bis zur Mitte aus Porphyr und die obere, wie abgeschnitten und genau darüber gefügt, aus Granit besteht. Man sieht, daß in den dunkleren Teilen der Höhle noch andere engere Vertiefungen in das Innere des Felsens führen, die sich weit hinein erstrecken sollen. Dieser Felsen, der einige hundert Fuß hoch ist, bildet auch auf seinem durchlöcherten Gipfel verschiedene natürliche Zisternen, die uns vortreffliches Trinkwasser lieferten, und mehrere Spuren an der Grotte selbst zeigten, daß in der Regenzeit ein ansehnlicher Wasserfall sich in sie ergießen muß, durch das Überschwellen der obern Zisternen veranlaßt, deren Inhalt sich dann am Boden der Grotte in solcher Tiefe sammelt, daß er nie mehr austrocknen kann. Das Tal selbst, rings von Felsen umgeben, ist jetzt ohne Spur eines Wasserbehälters und mit Steinen von verschiedner Größe übersät, zwischen denen viele Bäume stehen, die noch jetzt ihr volles Laub beibehalten hatten, was es für uns zu einem doppelt angenehmen Lagerplatze machte. Außer mehreren ansehnlichen Exemplaren der hier so häufigen Akazien- und Mimosengattungen bemerkte ich auch in großer Anzahl eine ganz verschiedene Art der letzteren, deren zierliche Gestalt, als sei sie von einem altfranzösischen Gärtner zugeschnitten, vollständig die Form eines ausgeschweiften Kelchglases mit dünnem Fuße darstellte. Außerdem fand sich eine schöne Prunusart vor, die unserem wilden Apfelbaume glich und die wir auch schon früher einigemale in der Wüste angetroffen hatten. Nach dem erlittenen Desaster fanden wir es für gut, noch einen Tag länger hier zu verweilen, und erfreuten uns während desselben einer nebligen Witterung, wo die Sonne den größten Teil des Tages über nicht in roter, sondern blaßblauer Farbe und ohne Strahlen zu werfen am Himmel sichtbar blieb. Ein sanfter Ostwind wehte dazu, der die angenehme Kühle von 24 Grad Reaumur herbeiführte. Dies stählte unsre Nerven und gab neue Kräfte zur Ertragung fernerer Strapazen. Gegen Abend langten mehrere Reisende aus Khartum mit ihrem Gefolge sowie eine Kamel- und eine Rindviehherde aus dem Sennar an, um von dem Wasser der Grotte ihren Teil zu nehmen. Einige der Zugochsen dieser Herde waren von der größten Schönheit, besonders zeichnete sich einer derselben, von kohlschwarzer Farbe mit weißer Schweifspitze, aus, der mir das wahre Modell eines göttlichen Apis der Vorzeit verbildlichte. Außerdem kamen auch regelmäßig früh und abends alle Herden der Umgegend zum Tränken nach dem Tale, so daß es unsrem Lager nicht an mannigfacher Belebung fehlte. Ich hatte meine Residenz in einer kleinen Höhle aufgeschlagen, die sich in halber Höhe des Felsenkranzes befand, welcher das Tal umgibt und von wo ich wie aus einer Theaterloge die wechselnden Bilder unsers Biwaks mit einemmal übersehen konnte, ein ganz eignes Schauspiel in der seltsamsten Beleuchtung einer himmelblauen Sonne und phantastisch darüberrollender Nebel. Mir gegenüber vertiefte sich bis in undurchdringliche Nacht die mystische Grotte, an deren grasgrünem Wasserbecken ein großes Feuer empor loderte; unter mir überschaute ich das ganze Steintal mit seinen eleganten Bechermimosen, zwischen denen alle die verschiedenen hier anwesenden Tiere, Pferde, Kamele, Esel, Rindvieh, Ziegen und Schafe umherwandelten oder im Schatten ausgestreckt lagen. Abwechselnd ward ich neben ihnen bald eines nackten Negers oder eines Arabers in seinem weißen Gewande gewahr, die mit Verwunderung die Ameisentätigkeit unserer Europäer betrachten mochten, von denen der eine eben sich bemühte, einen der großen Adler zu schießen, welche auf den hiesigen Felsen horsten und viel scheuer als die Geier sind, der andere sans façon eine der reisenden Kühe aus dem Sennar einfing, um sie zu unsrem Tee zu melken, ein dritter von Kessel zu Kessel schritt, um, den Kochlöffel gleich einem Szepter in der Hand schwingend, seinen wichtigen Funktionen obzuliegen, und der vierte endlich im grün und gelb vegetierenden Pfuhle der Grotte umherschwamm, deren kühlendes obgleich schmutziges Bad er unter dem Schutz ihrer unsichtbaren Nymphen allem übrigen vorzog.

Da wir noch einen Marsch von zwölf deutschen Meilen bis zum nächsten Brunnen zu machen hatten und daher die Distanz lieber mit abwechselnden kurzen Ruhepausen auf einmal zurücklegen wollten, als einen ganzen Tag lang ohne Wasser unterwegs zu lagern (denn der größte Teil unserer Schläuche war durch die traurige Avantüre mit dem Löwen zum ferneren Wasserhalten untauglich geworden), so verließen wir Jackdull am 16ten schon um fünf Uhr nachmittags und ritten dann in einem Strich sechs Meilen weit durch eine endlose Ebene, die nur hie und da wenige vertrocknete Bäume und Binsen aufwies. Als die Nacht einbrach, stand des Mondes Sichel schon hell am Himmel, und unsre beiden schwarzen Führer begrüßten ihn durch einen recht wohlklingenden Gesang, der mir besonders dadurch auffiel, daß dies die ersten afrikanischen Sänger waren, welche ich nicht durch die Nase, sondern wie Europäer mit voller Bruststimme singen hörte. Die Melodie war heiter, ich möchte sagen tändelnd, und nicht ohne Anmut. Es wird zum Behuf eines anschaulichen Lokalbildes dienen, diese beiden Eingebornen hier mit wenigen Zügen zu schildern. Der älteste von beiden war ein gedrungen gebauter, kleiner Mann von ungefähr 35 Jahren, der uns schon von Meravi an begleitet und von uns wegen seiner furienartigen Coiffure den Namen «des Waldteufels» erhalten hatte. Dickes pechschwarzes Haar, das er ohne alle weitere Kopfbedeckung trägt, hängt ihm von allen Seiten bis über die Schultern wie Schlangen herab und vermischt sich mit einem gleich üppigen und gleich schwarzen Barte, der auch nicht viel weniger lang ist. Schlohweiße große Zähne, die fast immer sichtbar bleiben, und brennende kleine Augen schauen aus dem runden Gesicht hervor, das in seiner Ungewaschenheit die Farbe eines von Ruß geschwärzten alten kupfernen Kessels hat. Brust und Schulterblätter sind so hervorstehend und so fleischig, daß sie auf die seltsamste Weise, vorn wie auf dem Rücken, die wiederholte Form eines weiblichen Busens präsentieren; die Beine dagegen mit den dicken Knien sind äußerst mager und fast ohne Waden, ein Fehler, der bei den Arabern häufig, bei den Barabras, Dongolesen und den hiesigen Einwohnern aber fast allgemein ist. Füße und Hände zeigen sich wohlgeformt, wie es ebenfalls bei den meisten der Eingebornen stattfindet. In jeder Backe sind unsrem Freunde fünf tiefe, parallel laufende Linien eingebrannt, was teils als Zierde, teils als Präservativ gegen Krankheiten dienen soll. Zu diesem letzteren Zwecke trägt er auch noch am rechten Arme ein Bracelet von Leder mit einer Kapsel aus gleichem Stoff, die ein geschriebenes Amulett verschließt. Am linken Arme bildet den Pendant zu diesem Schmuck ein messerartiger Dolch, und über der Schulter hängt, so wie wir ein Jagdgewehr tragen, an einem kurzen, breiten Riemen ein Schwert mit eisernem Kreuzesgriff. Man versicherte mir in Khartum, daß diese hier sehr allgemeinen Waffen in Holland verfertigt würden und einen bedeutenden Handelsartikel für die hiesigen Länder ausmachen. Die europäische Arbeit war wenigstens nicht daran zu verkennen. Außer einem kleinen Leinwandschurz um die Lenden geht unser Original, gleich seinen Landsleuten, völlig nackt, und nur höchst selten schnallt er sich dünne Ledersandalen an oder schlägt ein Tuch um den Kopf. Dafür sind Körper und Haare mit Fett fortwährend wohl eingeschmiert, und er ermangelt nie, nach der Mahlzeit der Diener, an der er sonst nur wenig teilnimmt, den Rest des Fettes oder der Butter, welcher in der Schüssel zurückbleibt, sorgsam auszukratzen, um ihn als kostbare Salbe für sich zu benutzen. So ekelhaft uns dies erscheinen mag, so befriedigend ist doch das Resultat, denn es hält die Insekten gänzlich ab und gibt der Haut des Körpers die größte Schönheit. Ich sah nie in Europa eine Frau, deren Haut am ganzen Körper einen so wundervollen matten Glanz, eine solche fleckenlose Ebenheit und eine solche Samtweiche gehabt hätte, als hier fast allgemein bei Männern und Weibern angetroffen wird. Dazu gestehe ich, daß mir die rötlich schwarzbraunen Nuancen von allen Menschenfarben als die schönsten erscheinen, weiß dagegen mir jetzt immer wie krankhaft vorkommt, das Negerschwarz aber wie verbrannt. Wenn die Sonne auf den Nacken eines Individuums von jener gerühmten Farbe scheint, so glaubt man einen dunklen Seidenflor über Goldplatten ausgebreitet zu sehen, und Atlas wie Samt fassen sich hart dagegen an. Ich für meine Person zweifle daher auch nicht – da die Bibel sich nicht deutlich darüber ausspricht –, daß Adam im Paradiese diese Hautfarbe als die normale besessen haben müsse, und seitdem erst seine nordischen Kinder von Kälte, Kummer, Not und zu vielem Nachdenken blaß geworden, die südlichen aber von der glühenden Sonne wie im Ofen schwarz gebeizt worden sind. Des Habib-Allah (dieser Name ist wörtlich unser deutsches «Gottlieb») Fassungskraft war weit schwächer als sein Körper und seine Seele wahrscheinlich auch weniger schön als seine Haut. Oft war es schwer, nicht ungeduldig über sein Benehmen zu werden. So ist es eine zwar im Grunde unnütze, aber bei einer beschwerlichen langen Tour doch gewissermaßen erleichternde Sache (ohngefähr so wie das Schreien beim Schmerz) zu fragen: ob man noch weit bis zum Ziele habe, ob die Hälfte, das Drittel des Weges zurückgelegt sei; wieviel Stunden noch durchritten werden müßten usw. Alle diese Fragen konnten Habib-Allah nie verständlich gemacht werden, und seine Antworten blieben immer ganz unbefriedigend, weil er unter «weit» nur das zu verstehen fähig war, was eine ganze Tagesreise oder darüber umfaßte; unter «nahe», was keine ganze Tagesreise betrug, eine Sonderung des Weges aber in verschiedene kleinere Abteilungen oder gar eine Berechnung nach Stunden durchaus nicht zu begreifen vermochte. Frug man ihn, auf entfernte Berge oder einen andern Gegenstand hinweisend: Liegt der Ort, nach dem wir gehen, vor oder hinter diesem Berge? – so konnte man keine andere Antwort von ihm erhalten als: «Der Ort, wo wir hingehen, liegt vor und nicht hinter uns.» Übrigens war er stets guter Laune und alles ihm recht. Indolenz und Heiterkeit scheinen wahrlich die Grundzüge des Charakters aller seiner Landsleute zu sein. Gutmütig und dienstfertig, mit scharfen Sinnen begabt, fast ohne Bedürfnisse und gegen alles abgehärtet gleich den Tieren, mit der kleinsten Gabe begnügt und die geringste Gunst des Schicksals als ein Glück ansehend, scheinen sie völlig zufrieden zu leben, ja sie genießen vielleicht so die einzig mögliche, wahre Freiheit. Denn nur wer für sich selbst nichts und folglich auch keinen andern braucht, mag sich mit Recht frei nennen – welche Galeerensklaven aber sind wir unglückseligen Europäer in dieser Hinsicht!

Wir spürten es in den letzten Tagen dieser Wüstenreise, wo wir sämtlich auf etwas Reis ohne Zutat und verfaultes Wasser reduziert blieben, was uns Herren niedergeschlagen und mißmutig, alle unsere europäischen Diener aber widerspenstig und nachlässig machte, während diese glücklichen Menschen von alledem gar nichts bemerkten, da jede Temperatur ihnen gleichgültig, jedes Wasser ihnen recht und ein bißchen angefeuchtetes Mehl zur Nahrung schon ganz hinlänglich war. Habib-Allahs guter Humor ward dabei oft noch so überfließend, daß er vom Kamel herabsprang und, ohne unsern Marsch aufzuhalten, in der fürchterlichsten Hitze neben den Tieren herlaufend, zugleich mit gezogenem Schwerte einen Waffentanz ausführte, dessen groteske Sprünge und linkische Körperverdrehungen auch den Verdrießlichsten zum Lachen bringen mußten. Je mehr wir aber über ihn lachten, desto zufriedner und geschmeichelter fühlte er sich selbst.

Unser zweiter Führer, den wir erst von Magaga aus angenommen hatten, war von etwas verschiednem Schlage und eine Art Dandy unter seinen Landsleuten, weit aufgeweckter als Habib-Allah, obgleich nicht scharfsichtiger in intellektueller Beziehung, aber gesprächiger, noch mehr zum Scherz geneigt und besonders viel eitler. Dies zeigte sich schon in seiner Tracht, denn außer seinem weit zierlicheren Schurz, Dolch und Amulett trug er auch noch Glasperlen in vielen Farben um mehrere Teile des Körpers gewunden. Seine Haare waren wie die der Weiber in hundert Flechten gedreht und an der Mitte des Halses in gleicher Länge sehr akkurat abgeschnitten. Um diesen sorgfältigen, altägyptischen Kopfschmuck fortwährend in bester Ordnung erhalten zu können, stak immer eine starke Binse hinter seinem rechten Ohr, wie bei uns die Comptoirschreiber ihre Schreibfedern zu plazieren pflegen. Wenn er nicht sprach, so sang er, trotzdem daß er fast den ganzen Weg zu Fuß neben uns herlaufen mußte, während Habib-Allah öfters ritt und ihm nur selten auf eine halbe Stunde lang den Platz auf seinem Dromedare einräumte. Beide vertrugen sich übrigens auf das beste, obgleich Habib-Allah, wahrscheinlich als der Ältere, immer den Ton einer gewissen Superiorität gegen seinen Gefährten beibehielt.

Wir konnten erst am 17. nachts um elf Uhr den ersehnten Brunnen Abadlech erreichen, die Tiere waren fast erschöpft, und wir selbst todmüde. Man nennt bekanntlich das Kamel «das Schiff der Wüste», und ein berühmter Reisender behauptet, daß auch die Bewegung des Dromedars der eines Schiffes gleiche. Dies finde ich so unbegründet als möglich. Im langsamen Schritt desselben wird man zwar allerdings vorwärts und rückwärts geschaukelt, aber so unsanft, daß es mit der Bewegung eines Schiffes auch nicht das Mindeste gemein hat. Im Trabe aber stößt das Tier so gewaltig, daß auf langen Touren die Folge dieser anhaltenden Erschütterung bei den meisten ein permanentes Kopfweh hervorbringt, welches sich erst nach einigen Stunden Ruhe wieder verliert. Für Hypochondristen mag jedoch die Bewegung heilsam sein, denn der ganze Körper wird durchschüttelt wie ein Mehlbeutel in der Mühle. Dazu kommen noch die höchst unregelmäßig konstruierten Sättel, deren üble Wirkung auf die Sitzteile man durch alle aufgebundne Kissen und Teppiche doch nicht gänzlich aufheben kann. Auf meinem Dromedar, einem schönen Tiere, das aber fast einem Elefanten an Größe gleichkam, saß ich über dem Gerüste meiner Kissen gerade so hoch als auf dem Bocke einer englischen stage coach. Der Eigentümer wollte diesen Dromedar, welcher einer besondern Renommée in der Gegend genießt, durchaus nicht hergeben, als der Kascheff die nötigen Tiere für mich in Meravi requirieren ließ (Requisitionen, die nicht verweigert werden dürfen, die aber das Gouvernement bezahlt), bis eine Botschaft des Kascheff, welche dem Widerspenstigen lakonisch andeutete: in einer Stunde deinen Dromedar oder deine Ohren und Nase – die Wahl nicht länger zweifelhaft ließ. Man erschrecke nicht zu sehr über diese Tyrannei. Die Redensart des «Ohren- und Nasenabschneidens» ist seit Mehemed Alis Regierung hier ebensogut nur figürlich geworden als bei uns etwa die Drohung: einem das Fell über die Ohren zu ziehen. Die erste Phrase bedeutet hier nur einige Kurbatschhiebe, welche eine Sache kurz abmachen, statt deren dem armen Teufel bei uns vielleicht ein Prozeß an den Hals geworfen wird, der tausendmal länger dauert und schweres Geld kostet – beides dem Araber viel empfindlicher als seine Haut. Das Arbiträre der Requisitionsmaßregel aber selbst betreffend, so haben wir auch dabei in unsrem Vaterlande nichts voraus; denn wenn man unsern Gutsbesitzern, Pächtern und Bauern ihre Pferde gegen die schwächste Vergütigung zur Landwehrübung wegnimmt, nachdem man die Menschen schon vorher ohne diese abgeholt hat – was ich übrigens keineswegs tadeln will, da es eines sehr löblichen und gemeinnützigen Zweckes wegen geschieht –, so sehe ich doch in beiden Ländern hinsichtlich des Zwanges wenig Unterschied. Gewalt herrscht im Grunde hier wie dort, nur daß sie bei uns so methodisch organisiert ist, daß selbst der Gedanke eines Widerstandes unmöglich wird, während hier noch häufig ein solcher versucht wird und nicht selten sogar der einzelne damit ungestraft durchschlüpft. Welt ist Welt, und die Hauptsachen verändern sich überall wenig – das unbestreitbarste Recht wird immer das des Stärkeren bleiben, und ebenso wird der alte französische Zyniker Recht behalten: «Qu'il y aura toujours et partout beaucoup de fripons et encore plus de dupes.» Freilich sind die Modifikationen unzählig – und diese brillanten Variationen, welche der große Geist fortwährend auf das Thema der Menschheit komponiert, höchst wunderbar. – Hier herrscht nun noch der absolute Herr «par la grâce de Dieu et du Kurbatsch». Bei uns glauben die Leute glücklicher zu werden, wenn ein konstitutioneller Apparat in Bewegung gesetzt wird. Die Macht weiß sich aber auch dort geltend zu machen, und – wie ein schlauer Advokat den dummen Bauer mystifiziert – wird auf diesem Wege oft eine Nation ganz leicht dahingebracht, sich durch erkaufte Repräsentanten dasjenige selbst aufzubürden, was kein Minister und kein Despot ihr unter andern Umständen je gefahrlos zuzumuten hätte wagen dürfen. Es ist aber viel besser, über all dergleichen zu lachen als zu weinen und sich überall recht herzlich mit dem zu begnügen, was da ist. In dieser Hinsicht finde ich selbst die Chinesen sehr weise.

Das von Jackdull mitgenommene Fleisch war verfault, ehe wir es genießen konnten; das Wasser des Brunnens, wo wir Halt machten, war ebenfalls faul und brackig, Brot und Wein hatten wir nicht mehr, etwas Reis mußte daher unser Abendmahl liefern, wie er schon am Tage unser Frühstück ausgemacht hatte und am folgenden wieder ausmachen mußte.

Während man am nächsten Morgen aufpackte, hatte ich Kissen und Teppich in den Schatten eines alten Baumes legen lassen und ruhte mit dem Kopfe hart am Stamm, bis man mein Dromedar vorführte. Im Aufstehen hörte ich einen zischenden Ton hinter mir und erblickte, mich umwendend, eine große, kohlschwarze Schlange, die, noch halb im hohlen Baumstamme verborgen, mit Kopf und Vorderteil zusammengeringelt auf meinem Kissen ruhte, dicht neben der Stelle, wo mein Haupt den Eindruck zurückgelassen hatte. Es ist kein Zweifel, daß die Schlange, von der Weiche und Wärme angezogen, schon eine geraume Zeit in dieser Stellung dicht neben mir verweilt haben mußte, und nur mein sie störendes schnelles Aufspringen ihr zorniges Zischen verursachte. Sie war ohngefähr zwei bis drei Finger dick, und nach der Eingebornen Aussage von der giftigsten Art. So entgeht man oft Gefahren, ohne das mindeste davon zu ahnen.

Der Teil der Wüste, den wir an diesem letzten Tage und in der Nacht durchritten, verdiente am besten den Namen Wüste, denn er bestand durchgängig aus einer endlosen Ebene, plan wie das Meer und ohne Spur des geringsten Gräschens; doch blieb der Sand hart und war an vielen Stellen dicht mit zerbröckeltem schwarzen Gestein bedeckt. Erst gegen das Ende unsres Marsches kamen wir an ein Akaziengebüsch, in dem das Grunzen einiger Hyänen unsre Tiere etwas beunruhigte. Wir stiegen ab, um womöglich eine davon zu schießen, wozu der Mond hell genug schien, konnten sie aber bei ihrer schnellen Flucht nicht einholen. Nach Mitternacht erblickten wir endlich die Häuser von Metemma, seit der Zerstörung Schendys der Hauptort des Distrikts, wo alles noch im tiefsten Schlafe lag und wir lange Zeit brauchten, ehe wir einen Boten auffinden konnten, um uns nach unsern Zelten am Nil zu führen, da der Fluß nur beim höchstem Wasserstand die Stadt erreicht, jetzt aber noch eine starke halbe Stunde davon entfernt strömt. Verdurstet und erschöpft, wie wir waren, kann man sich denken, mit welcher Wonne wir die kühlen Fluten begrüßten und uns in ihrem Nektar berauschten, denn diesmal ward ich vollkommen inne, wie frisches Wasser zum wahren Nektar werden könne.

Nicht viel weniger Genuß gewährte uns am Morgen das Bad, obgleich man uns wegen der nun immer häufiger werdenden Krokodile, die besonders beim Beginn des Flußanschwellens gefährlich sind, sehr davon abriet. Auch sahen wir während unsers zweitägigen Aufenthalts an dieser Stelle nie einen Eingebornen ins Wasser gehen. Es ist sonderbar, daß diese Tiere an gewissen Orten (und auch dort nicht immer, nach Proportion ihrer größern oder geringern Menge) weit mehr als an andern zu fürchten sind. In Assuan zum Beispiel hat man noch nie einen Menschen von ihnen angreifen sehen, während man sich in Ouadi-Halfa außerordentlich vor ihnen in acht zu nehmen hat. Bei Dongola sind sie wieder harmloser, obgleich zahlreicher. Der Kascheff von Ouadi-Halfa erzählte mir, als ich dort war, daß er im vorigen Jahre mit einem Freunde ausging, um sich unfern der Katarakten zu baden. Kaum waren beide nur wenige Fuß weit in den Fluß hineingeschritten, wo ihnen das Wasser noch nicht bis an den halben Leib ging, als ein Krokodil neben ihnen auftauchte, seinen Gefährten mit dem Schweif erfaßte, und sogleich wieder mit ihm im Wasser verschwand. Kurz darauf sah er in einiger Entfernung das Untier von neuem zum Vorschein kommen, mit seiner Beute spielend wie die Katze mit der Maus, bis es auf einer kleinen Insel landete, und dort den allem Anschein nach leblosen Körper vor des Kascheffs Augen zu verzehren anfing. Noch an demselben Abend ward ein Knabe und eine Ziege in derselben Gegend der Raub eines andern Krokodils. Die Hauptgefahr besteht darin, daß sich dieses Reptil im Sande des Flußbettes eingräbt, und dann, plötzlich daraus hervorbrechend, wie der Ameisenlöwe seine Beute erfaßt. Kommen die Krokodile von fern herangeschwommen, so ist es weit leichter, ihnen zu entgehen, doch hat man sie in Metemma häufig mitten im Fluß Jagd auf Menschen machen sehen, wobei man behauptet, daß sie, wenn ihnen die Wahl zwischen einem Schwarzen und einem Weißen freisteht, immer den letzteren vorziehen. Zuweilen verfolgen sie Menschen selbst auf dem festen Lande, wo man indes nur immer im Kreise umherzulaufen braucht, um ihnen bei der Schwerfälligkeit ihrer Wendungen des Einholen unmöglich zu machen.

Um zehn Uhr besuchte mich der Kascheff von Metemma mit mehreren andern Türken und Arabern, unter denen vorzüglich der Schech Bischir vom Stamme der Dschalin-Araber meine Aufmerksamkeit erregte, weil Herr Rüppel seiner erwähnt und angibt, daß dieser sehr zuverlässige Mann ihm Nachrichten über die noch nie von einem Europäer besuchten Ruinen der Stadt Mandera erteilt und als Augenzeuge, der selbst dort gewesen, davon gesprochen habe. Es fand sich indes, wie nach der Länge der seitdem vergangenen Zeit zu vermuten war, daß der Schech Bischir, den wir vor uns hatten, nur der Sohn desjenigen war, den Herr Rüppel gekannt. Auch der gegenwärtige hatte einmal von Mandera reden gehört, leugnete aber, daß sein Vater je dort gewesen sei, und wollte ebensowenig zugeben, daß er sich dessen gegen einen Europäer gerühmt habe. Hier war also keine genügende Auskunft zu erhalten, indes fand sich nachher ein Sklave des Kascheff vor, der das Dasein der Ruinen von Mandera bestätigte, zugleich aber dahin berichtigte, daß Mandera weder eine Stadt, noch ein Dorf, sondern ein Berg sei, auf dessen Gipfel wie an seinem Fuße einige Trümmer von Gebäuden stünden; doch sehe man weder Säulen noch Pyramiden darunter. Einige Stunden davon befände sich ein halb verlassenes Dorf, dessen Name er sich nicht mehr erinnern könne. Die Lage der Ruinen gab er ebenfalls nach den von ihm bestimmten Distanzen gewisser Städte verschieden von Herr Rüppel, nämlich mehr südlich und dem Nil näher an. Wir werden später sehen, daß die Nachrichten dieses Mannes in erster Hinsicht der Wahrheit entsprachen, was in der Tat in diesen Ländern als eine große Seltenheit zu betrachten ist, in der zweiten Behauptung aber irrte er sich. Herrn Rüppels eingezogne Nachrichten waren unrichtig, obgleich er die darauf bezügliche Stelle mit seiner gewöhnlichen Anmaßung folgendermaßen schließt:

«Die obigen Notizen über Mandera wurden zwei Jahr später von Herrn Cailliaud in seinen Reisen Vol. III. pag. 138 auch angeführt. Es wäre interessant zu wissen, ob er dabei bloß nach mir abgeschrieben hat oder ob auch ihm dieselben Angaben aus verschiedenen Quellen zugekommen sind.»

Herr Cailliaud hat wahrlich nicht nötig, Herrn Rüppel abzuschreiben; es gibt keinen Reisenden, der gewissenhafter, genauer und wahrheitsliebender selbst beobachtet und keine Mühe dabei gescheut hat als Herr Cailliaud, wie ich mich selbst zu überzeugen so vielfache Gelegenheit fand und ihm gar oft den wärmsten Dank dafür gezollt habe; denn obgleich Herr Cailliaud kein Gelehrter war, so ist doch kein Führer sicherer als er, wo er selbst gewesen, über Mandera ist er jedoch ebenfalls nicht genau unterrichtet worden und erzählte bloß, was er gehört hatte.


Dem Gefolge des Kascheff hatte sich auch ein Ober-Kawaß Mehemed Alis angeschlossen, dem dieser großmütige Herr ein Kapital von 50 000 Piastern auf zwei Jahre ohne Zinsen dargeliehen, mit der einzigen Bedingung: für die ganze Summe hier und im Sennar Vieh aufzukaufen und dieses nach Ägypten zu bringen, wobei aller Vorteil beim Wiederverkauf des Entrepreneurs Eigentum bleibt. Da nun das Vieh hier so wohlfeil ist, daß ein Kamel nicht mehr als achtzig Franken, der schönste Zuchtstier bis dreißig und ein Schaf nur einen Franken kostet, in Ägypten aber die Preise sechs- und zehnfach höher stehen (bei Schafen oft zwanzigfach), so ist kein Zweifel, daß mit allen Kosten des Transports und trotz des großen Verlustes auf der Reise – den hauptsächlich die noch sehr schlechten Einrichtungen für diesen Zweck und der gänzliche Mangel an Tierärzten, worüber ich in der Folge ausführlichere Nachricht geben werde, herbeiführen – der Gewinn sehr bedeutend sein und das verwendete Kapital bei weitem übersteigen muß. Mehemed Alis Zweck dabei aber ist allein (wie man sich aus seinen eignen Äußerungen erinnern wird): den Ägyptern den großen Vorteil dieses Handels immer anschaulicher und denselben dadurch populär zu machen, was für beide Länder natürlich vom größten Nutzen sein muß, da es hier fast ganz an Kapital, dort noch im großen Maße an der gehörigen Menge Vieh sowohl zur Bearbeitung der Felder als zum Betriebe der Sakis fehlt, die so viel Tausende von Ochsen jährlich erfordern, welche bei dem schweren Dienst und den häufigen Seuchen nie lange ausdauern.

Da sich weit und breit kein einziger Baum in dieser Gegend befand, so hielt uns die gewaltige Hitze den ganzen Tag über im Zelte zurück, das wir erst nach Untergang der Sonne verlassen mochten. Die Nacht entschädigte uns. Der Mond war fast voll und der schwarzblaue Himmel mit tausend duftigen zarten Wölkchen gesprenkelt, die sich, wie einander jagend, lustig darauf umhertummelten. Unter dieser Beleuchtung nahmen wir unsre Mahlzeit dicht am Wasser im Freien ein und fanden es dabei so hell, daß wir nachher sogar unternahmen, beim Mondenschein ein Buch über den Mond selbst zu lesen, das ich zufällig mitgenommen hatte, während wir abwechselnd mit unsern Perspektiven das glänzende Gestirn betrachteten und den Mann im Monde mit der vor uns liegenden phantasiereichen Karte des Münchener Astronomen verglichen. Der Thermometer zeigte in dieser Nacht 28 Grad Reaumur. Aller Appetit zum Essen verliert sich bei dieser Temperatur; den größten gastronomischen Genuß gewährt nur das Nilwasser und besonders die unlimitierte Menge desselben, welchem die vortrefflichen getrockneten Datteln von Sokkot noch einen angenehmeren Geschmack beimischen. Wenn das Kamel das Schiff der Wüste ist, so kann man die Dattel füglich das Brot derselben nennen. Auch nimmt man gar bald die Gewohnheit an, immer eine Handvoll dieser Früchte in der Tasche mit sich zu führen. Die Dattel erfrischt, nährt und vertreibt auch die Zeit gleich der Pfeife auf den langen Ritten in der Wüste, weil man sie nur langsam im Munde zergehen läßt, während man seinen Gedanken Audienz gibt.

Wir fanden den Nil schon bedeutend angeschwollen, und jede Minute hörte man den losen, durch seine treibenden Wellen unterminierten Sand in kleinen Massen von den schroffen Ufern nachstürzen, wovon das Wasser oft so hoch aufspritzte, daß wir im Anfang einem großen Fisch oder einem Krokodil die Ursache davon beimaßen, bis wir den wahren Grund ausfindig gemacht hatten.

Bei Gelegenheit des Gegenbesuches, den ich am 20. Mai dem Kascheff abstattete, hatten wir Muße, Metemma im Detail zu betrachten, das ziemlich so groß als Dongola und gleich ihm nur aus getrockneten Erdziegeln aufgebaut ist, aber im ganzen ein noch viel elenderes Ansehen hat. Das Wüten des Defterdar Beys, der hier an sechstausend Menschen, Schuldige wie Unschuldige, spießen und niedersäbeln oder in die Flammen der brennenden Häuser werfen ließ und dadurch Metemma wie Schendy fast entvölkerte, zeigt leider noch seine traurigen Folgen. Allen Weibern und Mädchen, die verschont wurden, ließ er das Sklavenzeichen aufbrennen und sandte sie nach Kahira. Doch befahl Mehemed Ali bei der ersten davon erhaltenen Nachricht, sie frei zurückkehren zu lassen, und verwies dem Defterdar seine Grausamkeit so streng, als es ihm damals möglich war. Der hiesige Kascheff konnte uns die beste Auskunft über diese Begebenheiten erteilen, da er als junger Mann mit dem Defterdar hierher kam und seit der Zeit seinen jetzigen Posten weit länger bekleidet hat, als es sonst unter dem ägyptischen Gouvernement üblich ist. Er schien uns ein ehrlicher und folglich auch ein armer Mann, der wenig Bequemlichkeiten des Lebens kannte und uns in seiner kümmerlichen Behausung nur mit Zuckerwasser zu regalieren imstande war. Er suchte den Defterdar, dessen Grausamkeit er nicht leugnen konnte, doch dadurch zu entschuldigen, daß er auch auf das heftigste von den Einwohnern dazu gereizt worden sei. Denn nachdem er Schendy, eine damals sehr blühende und viel Handel treibende Stadt, als Racheopfer für Ismael Paschas Tod verwüstet hatte, verkündete er dem übrigen Lande eine allgemeine Amnestie und begab sich zu dem Schech von Metemma als Gast. Nach einem großen Versöhnungsmahle, welches dort stattgefunden, näherte sich ihm einer der Eingebornen mit dem Ansehen, als wenn er ihn um etwas bitten wolle. Kaum hatte sich aber der Defterdar freundlich zu ihm gewandt, als der resolute Neger einem nebenstehenden Soldaten des Schechs die Lanze aus der Hand riß und den Defterdar damit so heftig unter der Schulter durchstieß, daß der Schaft abbrach und der Getroffene, noch mit dem Eisen in der Wunde, auf die Bodenmatte niederstürzte, wo er mehrere Minuten besinnungslos liegenblieb. Der Täter ward nicht gespießt und gemartert, wie gewöhnlich erzählt wird, sondern sogleich vom Gefolge des Defterdar in Stücke gehauen. Das folgende Trauerspiel aber war ebenso gräßlich als unsinnig, da es um eines Schuldigen willen alle Einwohner der Stadt vertilgte. Auch der Schech und alle in seinem Hause anwesenden Gäste wurden niedergemacht.

Es ist wahrlich zu verwundern, daß nach allen diesen Greueln die Gegend sich während der fünfzehn Jahre, die seitdem vergangen, noch insoweit wieder hat aufraffen und von neuem bevölkern können, als es wirklich der Fall ist, so daß man jetzt schon wieder viele tausend Einwohner hier zählt, welche mancherlei Gewerbe treiben. Unter andern verfertigt man in dieser Stadt ein schön hochrot gefärbtes Baumwollenzeug, eine grobe Art grauer Leinwand, und sehr zierliche Matten und andere Gegenstände aus Palmblättern. Straußenfedern wurden uns in großer Menge zu einem Spottgelde angeboten, und ich habe später sehr bedauert, aus Nachlässigkeit nicht mehr davon eingekauft zu haben.1)

Abends brachen wir unsere Zelte ab und fuhren mit dem Kascheff den Nil nördlich hinab nach dem zwei Stunden entfernten, auf dem entgegengesetzten Ufer liegenden Schendy, das auf Rüppels wie anderer Karten als Metemma gerade gegenüber und noch südlicher als dieses liegend verzeichnet ist. Korschud Pascha, der Generalgouverneur vom ganzen Sudan, welcher in der Regenzeit hier einige Monate zuzubringen pflegt, hat sich zu diesem Behufe eine Viertelstunde von der Stadt und dicht am Flusse einen weitläufigen Palast aus Lehm erbauen lassen, der mir jetzt zur Wohnung angewiesen wurde. Weder die äußeren Mauern des Gebäudes, noch das Innere der Gemächer waren geweißt, alle Fußböden rohe Erde, welche man fünf- bis sechsmal des Tages begießt; die Diwans selbst nur aus Lehm errichtet, worauf Matten und Teppiche gelegt werden; die Zimmerdecken rohe Holzsparren und darüber ein dickes Geflecht aus Palmenrinde gelegt, auf welches der Estrich der obern Dachterrasse gepappt ist; die Fenster bloße Holzgitter mit Läden aus ungehobelten, lose aneinander gehefteten Brettstücken, die zwischen sich immer durch breite Spalten blicken lassen. Doch waren die Zimmer sämtlich von stattlichen Dimensionen, sehr hoch, luftig und daher verhältnismäßig kühl. Dies ist durchgängig des Landes Sitte, jeder wohnt so, und nur der Umfang und die Größe der Räume zeigt den Reicheren und Vornehmeren an. Die Nacht schläft man gewöhnlich außerhalb des Hauses im Freien auf einem Teppich, was wir nachahmten und sehr angenehm fanden. Das Geschrei der Pelikane und großen Frösche ertönte dabei die ganze Nacht hindurch wie aus einer Judenschule. Der Fluß ist überhaupt hier mit vielem Geflügel belebt, und namentlich sieht man wilde Gänse und Enten in großer Quantität.

Als ich früh noch vor Sonnenaufgang mich badete, während mehrere Weiber daneben ihre Wäsche klopften, machte man mir Zeichen, daß sich ein Krokodil nahe. Wirklich sah ich das Tier ungefähr in der Entfernung von zwanzig Schritten einigemal den Kopf aus dem Wasser heben. Es war aber nur ein kleines Exemplar, dem ich zu weichen nicht für nötig fand. Mein Dragoman holte einige Araber herbei, die sich im Kreise um mich her stellten und fortwährend mit Stöcken in das Wasser schlugen, was mir Zeit gab, mein Bad ruhig zu beenden, ohne daß sich das Krokodil wieder blicken ließ. Der Kascheff tadelte dennoch meine Sorglosigkeit und führte zur Bekräftigung die folgende, fast unglaubliche Anekdote an. Einige der Anwesenden von seinem Gefolge wollten zwar die Wahrheit derselben verbergen, indes, wahr oder unwahr, ist sie doch von der Art, daß sie in einer neuen Ausgabe von Münchhausens Werken sehr wohl mit aufgenommen werden könnte.

«Es ist noch nicht lange her», begann der Kascheff, «daß ein Mann aus Berber sich hier niederließ, den wir alle gekannt haben. Eines Morgens führte er sein Pferd zum Tränken an den Nil, band den Strick, an dem er es hielt, um seinen Arm und kniete, während das Tier seinen Durst löschte, zum Gebet nieder. In dem Augenblicke, wie er mit dem Gesicht auf dem Boden liegt, fegt ihn ein Krokodil nach der gewöhnlichen Art seines Angriffs mit seinem Schweif in das Wasser und verschlingt ihn. Das Pferd, entsetzt, wendet alle Kräfte an, um zu entfliehen, und da der im Bauch des Krokodils befindliche Arm seines toten Herrn, an welchem der Strick festgeknüpft war, diesen nicht mehr loslassen konnte und der Strick auch nicht zerriß, so zog das entsetzte Pferd an demselben das Krokodil selbst nicht nur aus dem Fluß heraus, sondern schleppte ihn auch über den Sand bis an die Türe seines eignen Stalles fort, wo er bald von der herbeikommenden Familie getötet und der entseelte Körper des Verunglückten noch in seinem Innern ganz unversehrt gefunden wurde.»

Gegen Mittag kamen hundert Negerrekruten, als Ergänzungsmannschaften für den Krieg im Hedschas bestimmt, zu Schiffe hier an. Sie waren alle in weiße Leinwandhemden gekleidet und wurden bis zum andern Morgen, um ihr Desertieren zu verhindern, in den Hof des Schlosses eingesperrt, wo sie biwakierten. Ich besuchte sie des Nachts mit dem Doktor kurz nach ihrer Mahlzeit. Alle lagen in tiefem Schlaf, aber zugleich in so grotesken, wunderlichen Stellungen, wie ich nie von Europäern gesehen, wozu sie sämtlich ihre Leinwandhemden über den Kopf gezogen hatten; denn nur diesen Teil ihres Körpers bedecken die Einwohner immer sorgfältig während des Schlafes. Die Sterblichkeit unter diesen, so robust und stark aussehenden Leuten soll furchtbar sein, und viele Tausende von ihnen haben schon im Hedschas ihr Grab gefunden, wo sie meistenteils nicht durch die Waffen der Feinde, noch selbst am Klima, das, obgleich ungesund, doch von dem ihrigen nicht sehr verschieden ist, sondern – am Heimweh starben. Die alle Jahr regelmäßig vorgenommenen Sklavenjagden auf die wilden Neger im Innern liefern diese Unglücklichen dem Gouvernement, eine Grausamkeit, die nicht zu entschuldigen, leider aber bei allen Völkern im Innern Afrikas so allgemein ist und allen Gouverneuren dieser Provinzen, die zugleich ihren Privathandel mit den eingegangenen Sklaven treiben sowie ihren eignen Bedarf damit versorgen, so viel Vorteil bringt, daß es Mehemed Ali sehr schwer werden würde, sie radikal abzuschaffen.2) – Je weiter man von hier aus vordringt, desto mehr bemerkt man allerdings, daß des Vizekönigs persönliche Autorität schwächer wird und bei aller Ehrfurcht für ihn als Herrn doch direkt mehr auf seine Stellvertreter übergeht, die mehr gefürchtet werden und von denen mehr gehofft wird, eben weil sie an Ort und Stelle sind und Mehemed Ali fern.

In Khartum und in Kordofan sind in dieser Hinsicht seine Gouverneure mächtiger als er, und er muß, solange sie diese Posten bekleiden, um so behutsamer mit ihnen umgehen, um sich vor ihrem Abfall zu sichern, besonders seit sein Stern durch europäische Einmischung so sehr erblichen ist. Hier müssen die Folgen davon doppelt bedauernswert werden, da so unendlich viel hier zu tun, so viel Elend und Barbarei hier zu mildern und so viel neues Glück, Wohlergehen, ja Reichtum geschaffen werden könnte, wenn Volk und Land nur einigermaßen zivilisiert würden. Die gebrochne Macht Mehemed Alis kann dies nicht mehr unternehmen.

Mein Dragoman war am Abend bedeutend krank an einem entzündlichen Fieber geworden, was mich nötigte, einige Tage hier zu verweilen, doch haben ihn einige Aderlässe und Senfpflaster schon wieder auf den Weg der Besserung geführt. Während dieser Zeit langte ein Boot unter englischer Flagge hier an, auf dem sich Herr Doktor Holroy befand, ein junger Mann, der seit einem Jahre diese Gegenden bereist und jetzt aus Kordofan zurückkehrte. Dies war eine angenehme Diversion, und mehrere Stunden vergingen mir sehr angenehm in der Unterhaltung mit diesem unternehmenden und gebildeten jungen Mann. Er führte eine sehr vollständige Waffensammlung mit sich und erzählte viel Interessantes aus Kordofan. Unter andern von einem freien Stamme der Schallie-Araber zwischen Sennar und Kordofan, wo die Sitte herrsche, daß sich die meisten Weiber nur mit dem Beding verheiraten, den vierten Tag frei zu haben, das heißt an diesem Tage über ihre Person nach Gutdünken verfügen zu dürfen. Sie bekommen in diesem Fall bei der Hochzeit ein förmliches, schriftliches Attest ausgefertigt, das sie demjenigen, den sie an ihrem Frei-Tage zu begünstigen beschließen, für die Dauer des Tages einhändigen, wodurch er gesetzlich befugt wird, so lange in des Mannes Rechte zu treten. Bei der Hauptstadt Lobeid (nicht Obeid, wie auf den Karten steht) gibt es einen andern seltsamen Gebrauch. Viele Weiber und Mädchen vereinigen sich, um einzelnen Reisenden aufzupassen, und verlangen dann, sie mitten auf der Straße umringend, einen Bakschisch von ihnen, wogegen dem Reisenden das Recht gestattet wird, sich eine aus dem Trupp zum Ersatz seiner Spende auszulesen. Versagt jedoch der Reisende, den Handel einzugehen, so fallen die Damen gemeinschaftlich über ihn her und applizieren ihm statt ihrer süßen Gunst und nach dem Maßstab ihrer größeren oder geringeren Irritation 25 bis 50 sehr ernstliche Argumente a posteriori. Herr Holroy hielt dies anfänglich für eine bloße Fabel, als er aber eines Tages den Gouverneur auf seinem Landhause besucht hatte und erst spät abends mit einem jungen Führer, der zu Fuß neben ihm herlief, zurückritt, ward er selbst von diesen weiblichen Wegelagerern überfallen. Er für seine Person schützte sich leicht, da er zu Pferde war, aber der junge Führer ward gekapert, und da er sich durchschlagen wollte, niedergeworfen, festgehalten, umgedreht und wäre seinem traurigen Schicksale nicht entgangen, wenn nicht in dem Augenblick ein Trupp Soldaten von Lobeid des Weges angezogen gekommen wäre, bei welchem Anblick die Weiber ihren laut um Hilfe rufenden Gefangenen losließen und unter Lachen und Schreien in die Gebüsche entflohen.

In Lobeid wird nicht nur alles tote Vieh, sondern selbst die gestorbenen Sklaven zum ruhigen Verfaulen in der Luft auf die Straßen der Stadt geworfen. Der dadurch entstehende gräßliche Gestank scheint für die Eingeborenen weniger Unannehmlichkeiten zu haben als die Mühe, die Kadaver fortzuschaffen.

Lobeid ist der ansehnlichste und volkreichste Ort im Sudan unter ägyptischer Hoheit. Es zählte mehr als 20 000 Einwohner, die jedoch meistens nur in Toguls, zeltartigen Rohrhütten von eleganter Form, wohnen. Die Vornehmen allein haben Lehmhäuser wie hier.

Das ganze nördliche Kordofan ist eine unabsehbare Savanne, mit Akazien und Mimosen bedeckt, teils vereinzelt, teils zu Wäldern vereinigt, voll Giraffen, Herden von Straußen und einer Menge sehr verschiedener Antilopen. Alluvialsand mit ergiebigem Raseneisenstein, den die Einwohner schmelzen und sehr gute Waffen daraus fertigen, deckt überall das Land. Einzelnstehende Berge lagern sich um Lobeid, der Kurbatsch, el Kordofan, Abugher etc., sämtlich aus jüngerem Granit, dem herrschenden Gestein von Mittel-Kordofan, der Grauwacke parallel. Löwen, Panther und Leoparden sind häufig.

Den Viehreichtum im südlichen Sennar und Kordofan schilderte Herr Holroy als außerordentlich. Viele Einwohner besitzen Herden von mehr als 10 000 Stück, welche sich alle auf den Savannen nähren, was einen bedeutenden Wasseruntergrund beweist. Überhaupt meinte der Doktor, daß diese Länder zu den reichsten Afrikas gehören könnten, wenn nur ein Kanal von Dschebel-Moigl am Bahr-el-Asrak nach dem weißen Nil gegraben würde, was nicht die mindeste Schwierigkeit hätte. Es würde dann zwischen diesen beiden Flüssen bis Khartum hin ein Delta, noch üppiger als Unterägypten, gewonnen werden. Hier wäre in der Tat die wahre Goldgrube für Mehemed Ali zu finden, wo er durch den Anbau von Baumwolle, Zuckerrohr, Indigo, Senna (die schon jetzt dort überall wild wachse) und der meisten Zerealien ungeheure Revenuen für sich hervorrufen könne.

Ich selbst überzeugte mich später vielfach von der Wahrheit dieser Behauptung.

Üble Nachrichten brachte Herr Holroy von der abessinischen Grenze, wo die Truppen des Vizekönigs bei der jährlichen Sklavenjagd das fremde Territorium nicht respektiert und große Exzesse begangen hatten. Als nun die Beschwerden der Abessinier kein Gehör fanden und dieses Jahr von neuem 2000 Mann der Truppen des Gouverneurs von Khartum ihr gewöhnliches Geschäft begannen, kam ihnen eine Armee von 30 000 Abessiniern entgegen, massakrierte 1200 der ägyptischen Soldaten und nahm die übrigen nebst dem Kommandierenden und dem Rest der Offiziere gefangen. Sie haben jetzt eine Liste aller Gefangenen eingeschickt und den Auslösungspreis für jeden bestimmt, widrigenfalls sie drohen, in einer angegebenen Zeit die Unglücklichen sämtlich zu Eunuchen zu machen. Dies ist überhaupt hier sehr Mode. So befindet sich infolge einer früheren Revolution in Darfur ein Bruder des dortigen Kaisers als Flüchtling in Lobeid, wo er auf Kosten Mehemed Alis zu einer passenden Gelegenheit aufgehoben und so lange standesmäßig ernährt wird. Außerdem aber treibt dieser Prinz noch einen sehr einträglichen Handel mit – jungen Eunuchen. Seine Hoheit geruhen sogar, nebst seinem Herrn Sohne, zu ihrem besondern kaiserlichen Zeitvertreib den größten Teil der dazu nötigen Operationen selbst zu verrichten. Diese Operation findet folgendermaßen statt. Das beklagenswerte Opfer (meistens Kinder) wird in frischen Sand eingegraben. Bloß der Kopf und die zu operierenden Teile bleiben frei. Die letztern werden dann durch einen Messerschnitt vollständig vom Körper getrennt und die Verblutung durch schnell darüber gegossenes – siedendes Blei gestillt. Nach 40 Tagen ist alles wieder geheilt, und es muß uns fast unbegreiflich scheinen, ist aber vollkommen wahr, daß trotz dieser barbarischen Behandlungsweise in der Regel kaum zwei von zwölfen daran sterben. Noch schauderhafter als dies war es mir, von Herrn Holroy zu hören, daß kürzlich ein Europäer, der den Sklavenhandel dort als Spekulation treibt, dem Sultan fünfzehn von ihm erkaufte Kinder zur Operation mit dem Beding verhandelte, daß ihm, statt des Geldpreises, fünf davon als Eunuchen gesund und völlig hergestellt zurückgewährt werden müßten. Auch in Oberägypten gibt es zwei christliche (koptische) Klöster, deren Hauptrevenue aus dem Verfertigen von Eunuchen gezogen und dies so sehr ins Große betrieben wird, daß fast ganz Ägypten und ein Teil der Türkei von dort aus versorgt wird.

Im übrigen werden in Kordofan die Sklaven, wie überall im Orient, keineswegs grausam von den Eingebornen behandelt, doch sah Herr Holroy (aber wiederum bei einem Europäer) zwei Männer, denen wegen versuchter Flucht die Nasen abgeschnitten worden waren. Dergleichen ist schrecklich, dehnt sich aber nicht bloß auf Sklaven aus, da überhaupt in diesen noch ganz wilden Ländern jeder Besitzer mit seinen Untergebenen fast schalten kann, wie er will.

Herr Holroy war noch entzückt von den gemachten Jagden, von denen er mehrere Trophäen mitbrachte. Außerdem führte er auch mehrere Sklaven, ein Mädchen und fünf Knaben, mit sich sowie sechs merkwürdige Ziegen aus Kordofan, den Steinböcken ähnlich und so bunt wie Ostereier, rot, schwarz, weiß und rehfarben gesprenkelt oder marmoriert, graziöse Tiere, viel hübscher in ihrer Art als ihre menschlichen Kameraden. Auch Herr Holroy beklagte sich über die Unzuverlässigkeit aller in Europa herausgekommener Karten des Nillandes. Er war selbst mit der Anfertigung einer neuen beschäftigt und hatte bereits auf der besten englischen von Arrowsmith über 300 falsche Namen und einige 20 falsche Nilbiegungen korrigiert.

Es war für meinen kranken Dragoman sehr ersprießlich, daß ihm hier ein europäischer Doktor wie ein deus ex machina zu Hilfe kam, sonst hätten wir vielleicht noch lange hier verweilen müssen. Bei dieser Gelegenheit erzählte Herr Holroy, daß er selbst am klimatischen Fieber tödlich krank gewesen, sich im Anfang selbst zu kurieren versucht, aber vergeblich, bis er sich endlich entschlossen, sich blindlings einem einheimischen Faki zu übergeben, der ihn auch mit einer «Höllenkur», wie er sich ausdrückte, binnen acht Tagen glücklich geheilt.

So verging mir die Zeit angenehmer, als ich hoffen durfte, durch die reichhaltige Unterhaltung des englischen Doktors, und obgleich ich mich selbst fast ebenso unwohl fühlte als mein Dragoman, besonders aber an einer höchst peinigenden Abgespanntheit des ganzen Nervensystems litt, so benutzte ich doch meine Muße noch anderweitig, namentlich um Schendy einigemal zu besuchen. Es ist ein trauriger Anblick, den diese Stadt, welche einst an 50 000 Einwohner zählte, in ihrem jetzigen Zustande gewährt. Noch dehnen sich ihre zerstörten und längst verlassenen Häuser auf allen Seiten gegen die umliegenden Felder aus, welche ebenfalls größtenteils zur Wüste geworden sind. Nur hie und da sieht man noch ein spitzes Strohdach sich erheben, das in der großen Totenstadt ein einzelnes bewohntes Haus verkündet, alle übrigen sind dachlos und leer, gleich dem fast in der Mitte des Ganzen stehenden kleinen Lehmpalaste, in welchem Ismael Pascha sein tragisches Ende fand und wo die verräterische Fackel, welche nur die darumher gehäufte Strohbündel zu ersehnter Rache anzünden sollte, vom Schicksal bestimmt war, in grauser Folge eine ganze große Provinz mit mehr als der Hälfte ihrer Bewohner zu vernichten. Eine eigne Schickung ist es, daß der Schech, welcher die Verschwörung anzettelte und ausführte, mit seinem Sohne aller Strafe und Rache gänzlich entging. Er lebt noch unter den Arabern der Wüste, und Mehemed Ali hat nie etwas getan, um seiner habhaft zu werden, ja man versicherte mir, daß sein Sohn schon längst wieder zurückgekehrt sei und seit Jahren auf einer Insel nicht fern von Meroë lebe, wo ihn alle seine noch übrigen Anverwandten häufig besuchen, ohne daß die Regierung die mindeste Notiz davon genommen hat. Mehemed Ali, der ein besserer Politiker ist, als der Defterdar war, mißbilligte überhaupt dessen Verfahren im höchsten Grade und hat seitdem alles getan, was in seinen Kräften stand, um es vergessen zu machen. Der größte Teil der Schechs in dieser Gegend, von denen mehrere zu mir kamen, erhält Jahrgehalte von ihm ausgezahlt, und der Schech Bischir bezieht monatlich 500 Piaster vom Gouvernement, hier eine bedeutende Summe. Daß ich über Ismael Paschas Katastrophe nichts weiter erwähne, wird mir hoffentlich niemand verdenken, da die genauesten Details darüber von jedem seitdem hier Reisenden schon zum Überdruß wiederholt worden sind.


1) Das Pfund zu einem Franken, welches schon in Kahira 30 und mehr kostet.

2) Den Zeitungen nach hat er sie jetzt verboten, ich zweifle aber an der Ausführung des Befehls durch die Untergebnen und selbst an der ganzen Aufrichtigkeit desselben von oben.




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