Landreise mit dem Vizekönig |
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An einer schmerzlichen Migräne leidend, lag ich im heftigen Fieber schlaflos im Bett, als schon vor Aufgang der Sonne mehrere Kanonenschüsse die Abreise Seiner Hoheit verkündeten und zugleich ein Kawaß bei mir erschien, um mir von seiten des Vizekönigs anzuzeigen, daß derselbe mich auf der Frühstückstation erwarten werde, mir aber, damit ich schneller nachkommen könne, eines seiner eignen zwei kandiotischen Maultiere sende. Die notwendige Abwartung des Fieberanfalls erlaubte mir indes erst, um 8 Uhr zu folgen, so unangenehm mir diese unpassende Verzögerung war. Mein Weg führte mich ungefähr drei deutsche Meilen weit durch eine herrliche Aue, deren Fruchtbarkeit und vortrefflicher Anbau wohl wenig ihresgleichen in Europa finden dürften. Auf der unermeßlichen Fläche, die sich zwischen den beiden Gebirgsketten hinzog, schien nicht das kleinste Fleckchen unbenutzt geblieben zu sein, ganz in der Art wie in Malta und Gozo, nur mit dem Unterschied, daß dort ein steiniger Boden mühsam benutzt werden muß, hier durchgängig die üppigste Gartenerde nur die Mühe des Säens verlangt. Alle verschiednen Fruchtsorten standen in höchster Vollkommenheit; den Flachs erntete man bereits, die Gerste hatte noch vierzehn Tage zu reifen. Der Bersim (eine Art fetter Klee) war schon größtenteils abgemäht, und die reifen grünen Erbsen und Bohnen, von denen ich kostete, fand ich so süß und schmackhaft wie auf den gesegnetsten Fluren Frankens. Über die Brachen zerstreut weideten mehrere Sorten Rindvieh, Büffel, Pferde, Kamele, Schafe und Ziegen, durchgängig wohlgenährt, von starkem Schlage und guter Zucht. Eine Menge Dörfer blieben fortwährend im Gesichtskreis und bildeten mit ihrer Palmenumgebung einzelne dunkle Buketts in dem lichten Grün der Ebene, wo nur zuweilen in der Ferne des Nils Silber von den Strahlen der glühenden Sonne getroffen jählings aufblitzte. Es war ein Gemälde voll Reichtum, Fülle und Glanz – aber ich litt zu heftige Schmerzen, um mich dem Genuß an der Natur mit Freiheit hingeben zu können, und war daher sehr froh, als ich endlich längs eines der größeren Dörfer die lange Reihe der Zelte des Vizekönigs mit allen dem bunten und pittoresken orientalischen Schmuck seines Gefolges, das aus mehr als 300 Menschen und über 500 Tieren besteht, ansichtig wurde. Mehemed Ali hatte mit zu großer Güte seine gewöhnliche Eßstunde eine geraume Zeit hinausgeschoben, bis er glaubte, daß ich nicht mehr kommen werde, und hielt jetzt seine Sieste. Ich fand ein sehr elegantes Zelt mit mehreren abgeteilten Piecen für mich bereitet, in das mich Artim Bey und der Leibarzt Seiner Hoheit, Herr Gaetani, ein Spanier von Geburt, einführten, von denen der letztere mir zugleich seine ärztliche Hilfe anbot. Ich eilte indes, da ich selbst am besten die Mittel gegen mein Erbübel kenne, Küche und Apotheke gleichermaßen ablehnend, zur Ruhe zu kommen, und in der Tat kurierten mich vier Stunden tiefen Schlafes vollkommen. Die Reiseökonomie des Vizekönigs ist vortrefflich eingerichtet. Ich habe schon erwähnt, daß ein Gefolge von zirka 300 Menschen (unter dem sich, beiläufig gesagt, außer dem Generaladjutanten Zami Bey nicht ein einziger Militär befindet) und noch einer weit größeren Anzahl Pferde, Dromedare und Maultiere ihn begleitet. Zwei Garnituren, jede von fünfzig Zelten mit allen nötigen Möbeln und zwei komplette Kücheneinrichtungen wechseln auf der Reise dergestalt miteinander ab, daß man nie nötig hat, auf irgend etwas zu warten, sondern, so wie man ankommt, Wohnung und Mahlzeit auch schon bereit findet. Früh, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, steigt der Vizekönig zu Pferde, und außer seiner speziellen Dienerschaft ist nur der Mudir (Gouverneur) der Provinz, durch die er eben reist, verpflichtet, sich neben ihm zu halten, alle übrigen kommen nach, wie es sich eben trifft, und namentlich bekamen wir den Generaladjutanten fast nie unterwegs zu sehen. Überhaupt existierte – die strenge orientalische Sitte, daß man sich vor dem Herrn nicht setzen darf, ausgenommen – weit weniger Gêne und Rücksicht auf die Person des Vizekönigs, als ich erwartete, obgleich eine liebevolle Ehrfurcht für den Gebieter stets sichtbar war, ohne die mindeste Spur von Scheu, Furcht oder Verlegenheit an sich zu tragen. Dabei herrschte in allen Dingen eine feste und musterhafte Ordnung, ganz frei von jenen mannigfachen Konfusionen und dem verwirrten Getümmel, deren ich oft bei den Reisen europäischer Souveränen gewahr ward. Dennoch sind auf einer andern Seite die Formen dieses Hofes schon weit mehr europäisch als orientalisch geworden, ausgezeichnet durch ebenso vornehmen Anstand als ausgesuchte Höflichkeit und Ungezwungenheit im Umgang, ad regis exemplum. Denn wahrlich, es ist kaum möglich, einen liebenswürdigeren Greis in so erhabener Stellung zu sehen, als Mehemed Ali, so pünktlich (bekanntlich die Höflichkeit der Fürsten), so heiter und stets gleichen Humors, so ganz ohne Prätentionen irgendeiner Art, so einfach und natürlich, ja ich möchte wirklich sagen, so kindlich unbefangen, daß man oft erstaunt, wie dieser so harmlose, gütige und von seiner ganzen Umgebung fast angebetet erscheinende Greis doch derselbe ist, der mit seinem Kopf und seinem Arm allein ein mächtiges Reich unter den schwierigsten Umständen geschaffen und erhalten hat, der entsetzliche Vernichter der Mamlucken und der Besieger des Sultans, seines früheren Herrn, dessen wankenden Thron nach der Schlacht von Konieh gänzlich zu stürzen vielleicht nur von seinem Willen abhing – derselbe Mann endlich, der in Europa so lange als der größte Tyrann unsrer Zeit wie der gefühlloseste Egoist dargestellt ward und den heute noch manche dort nicht viel anders als im Lichte eines Knecht Ruprechts betrachten! Sobald die Sieste des Vizekönigs beendigt war, wurde Seiner Hoheit von Zami Bey der tägliche Vortrag gemacht und die Depeschen des ersten Kuriers (denn er erhält täglich zwei, einen von Alexandrien und einen von Kahira) geöffnet und die Antworten expediert. Nach Beendigung dieser Geschäfte ließ der Vizekönig mich rufen. Er empfing mich in seinem prächtigen Zelte, wo ein Diwan von rotem Samt mit Gold gestickt im Hintergrunde stand. Zum erstenmal sah ich ihn hier in kurzer, schwarzer Tracht, ohne den gewöhnlichen langen Pelz, was ihm außerordentlich gut ließ und ihn wenigstens um zehn Jahre zu verjüngen schien. Es war sonderbar, daß er in dieser fast altspanischen schwarzen Kleidung und mit dem imposanten Wesen, das ihm eigen ist, in diesem Moment auf das lebhafteste eine tief eingeprägte Erinnerung aus meiner Kindheit in mir hervorrief, denn er glich täuschend dem seligen Fleck (dessen ganze Statur er auch hat) in der Rolle König Philipps im Don Carlos. «Wissen Sie», sagte er, als ich eintrat, «was ich eben dekretiert habe? Eine Bank in Kahira, für die ich vorläufig ein Kapital von einer Million spanischer Taler hergebe, und außerdem alle Güter meiner unmündigen Kinder demselben Fonds zulegen will. Die Bank wird nach Landessitte Geld zu zwölf Prozent vorschießen und für die ihr geliehenen Summen zehn Prozent zahlen, und ich hoffe die guten Folgen dieser Maßregel bald zu erleben. Unternehmenden Leuten wird es von nun an nicht mehr an Kapital fehlen, ihre Spekulationen zu verfolgen, und das Volk, welches immer noch so töricht ist, jeden Para, den es erübrigt hat, zu verstecken – obgleich es jetzt schon aus Erfahrung wissen sollte, daß unter mir keiner mehr etwas für sein erworbenes Eigentum zu befürchten hat – wird vielleicht nach und nach mit seinem Gelde zum Vorschein kommen und einsehen, daß es besser sei, dieses weiter zu benutzen, als es tot liegen zu lassen. Neulich», fuhr er fort, «starb ein unbedeutender hiesiger Schech (Ortsvorsteher), den man kaum für wohlhabend hielt und der demungeachtet 60 000 Gazi in barem Gelde hinterließ. Ich würde nie etwas davon erfahren haben, wenn nicht unter den Kindern Streit über die Erbschaft entstanden wäre und eins davon zuletzt meine Hilfe angerufen hätte. Ich ließ alle kommen und riet ihnen, sich so schnell als möglich im Guten zu vergleichen, denn fallt ihr einmal dem Kadi in die Hände, sagte ich ihnen, so wird nicht nur einer von euch, sondern alle bald den kürzeren dabei ziehen. Sie folgten mir und taten wohl daran.» Einige Äußerungen, welche hierauf folgten, zeigten mir genugsam, daß Mehemed Ali mit der Geistlichkeit, die bei den Muselmännern einen großen Teil der Gerichtsbarkeit ausübt und überhaupt einen dem Staat gefährlichen Einfluß besitzt, ebenso unzufrieden ist und sich ebenso durch sie die Hände gebunden fühlt als der Sultan zu Konstantinopel, auch überhaupt jede Geistlichkeit, mit solcher Macht versehen, für alle Gouvernements als höchst schädlich und verderblich ansieht. Gelänge eine Reform in dieser Hinsicht, so wäre dem Orient mehr dadurch geholfen, als durch alle übrigen, ebenso wie früher der christlichen Welt durch den (später wieder zu lange eingeschlafenen) Protestantismus, denn ganz abgesehen davon, ob man dadurch in religiöser Hinsicht viel gewonnen habe oder nicht, war der politische Vorteil unermeßlich, daß durch die Reformation der christliche Priesterstand größtenteils in seine wahren Schranken zurückgewiesen oder diesen doch näher gebracht wurde, während er hier noch als eine mächtig in die Regierung eingreifende Korporation besteht und ihr bei jeder Gelegenheit hemmend entgegentritt. Nach einigem Nachsinnen griff der Vizekönig das vorige Geldthema wieder auf. «Ich bin überzeugt», sagte er, «daß große Schätze an barem Gelde auf die angegebene Weise in Ägypten noch immer in der Erde ruhen. Es war von jeher unsere Art so, und früher konnte man es auch nicht anders machen, solange bloße Willkür herrschte. Wir waren ja damals alle roh, unwissend, kaum mit dem Begriff des Verbrechens bekannt, sondern nur mit dem unsres Vorteils. Aber seit ich hier Herr geworden bin, kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß, soweit meine Einsicht reichte und soweit ich davon unterrichtet werden konnte, kein Unrecht in Privatverhältnissen wissentlich mehr von mir geduldet worden ist. Ich weiß, man sagt, ich selbst drücke die Fellahs, und doch ist leicht darzutun, daß ihr Zustand schon um das Doppelte besser und namentlich sichrer geworden ist, als er je vorher war, obgleich ich allerdings noch lange nicht imstande bin, für sie zu tun, was ich möchte, wovon die Schuld aber nicht an mir liegt. Man sagt ferner, ich habe mich zum einzigen Eigentümer in meinem Lande gemacht, und auch dies ist eine ganz falsche oberflächliche Ansicht. Der Feddan, den der Fellah bearbeitet, ist, was den daraus zu ziehenden Nutzen betrifft, so gut als sein wirkliches, wenn auch noch nötigerweise beschränktes Eigentum; ja er kann ihn sogar verkaufen, das heißt ihn einem andern Fellah zu beliebigen Bedingungen zedieren, nur dulde ich nicht, daß er ihn unbearbeitet liegen lasse, und diese Vormundschaft ist bis jetzt unerläßlich. Seine Abgaben sind keineswegs unverhältnismäßig, denn er zahlt dem Gouvernement, nach Lokalumständen etwas variierend, im Durchschnitt nur den vierten Teil der Ernte teils in natura, teils in Geld als Grundzins, und zwar nur von einer Ernte, während er meistens zwei und in Unterägypten oft jährlich drei Ernten aus seinem Boden zieht. Die Axalte oder indirekten Abgaben treffen nicht den Landbebauer, sondern den Handelsmann. Sie mögen ihr drückendes haben, aber ich bin durch höhere Gründe genötigt, sie vorderhand beizubehalten, und existieren sie nicht in Ihrem Europa gleichfalls überall, nur unter anderer Verkleidung, ja, wie man mir sagt, oft in noch viel erhöhterem Maße? Ich weiß, daß ein Engländer, dessen Buch Sie ohne Zweifel gelesen haben werden, eine Liste von alledem angefertigt hat, was ein Fellah meinem Gouvernement zahlen müsse, doch von Anfang bis zu Ende besteht diese ganze Berechnung kaum zur Hälfte aus Wahrheit, das übrige aus falschen Nachrichten und oft lächerlichen Mißverständnissen. Wäre jene Berechnung wirklich gegründet, so würde der Fellah dem Gouvernement mehr abgeben, als er selbst zu gewinnen imstande ist. Aber Ihre Reisenden kommen hierher und sehen selten über die Ufer des Niles hinweg, ausgenommen, wo es Antiquitäten aufzusuchen gibt, was immer ihr Hauptzweck scheint. Nur nebenbei wird auch etwas über meine Administration, nach dem Bericht des ersten besten Schwätzers, der ihnen aufstößt, gesalbadert.» Er führte jetzt mit vieler Laune mehrere drollige Anekdoten von Reisenden an, die ihm selbst über Afrika, Arabien und Syrien Dinge als angebliche Augenzeugen erzählt, deren wahre und ganze verschiedne Beschaffenheit er auf das genauste gekannt habe, und seitdem müsse er gestehen, setzte er hinzu, daß er, von der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit der meisten dieser Herren auf solche Weise selbst überführt, im allgemeinen eine sehr geringe Meinung von ihnen gefaßt habe, welche die Erfahrung ihm auch heute noch täglich bestätige. Ich gab zu, daß er in dieser Ansicht oft sehr recht haben möge und namentlich über ihn und sein Wirken die abgeschmacktesten Urteile fortwährend von ganz inkompetenten Richtern wirklich gefällt würden, aber dies sei vielleicht auch schwer besser zu machen, da kein geringes Talent dazu gehöre, einen Mann wie ihn zu ergründen, ihn richtig zu würdigen und zu schildern. «La, la!» rief er,«Talent braucht es dazu sehr wenig, sondern nur sich die Mühe zu geben, die Wahrheit aufzusuchen, und dann den ehrlichen Willen, sie auch zu sagen.» Ich suchte nun das Gespräch auf einen Gegenstand zu leiten, den ich schon einigemal gegen ihn berührt, und ihn bei jeder Gelegenheit deshalb drängen möchte, nämlich die Entdeckung der Nilquellen durch eine von ihm auszurüstende Expedition. Dafür hat er aber leider nicht mehr Sympathie als für Antiquitäten und Kunstgegenstände. «Geduld, Geduld!» rief er ungeduldig, «ich kann nicht alles auf einmal tun. Der Beherrscher von Darfur hat schon vor geraumer Zeit eine von mir in friedlichen Absichten an ihn geschickte Gesandtschaft zur Hälfte umbringen und zur Hälfte gefangensetzen lassen. Diese Unglücklichen schmachten noch daselbst, während der eigentliche rechtmäßige Besitzer des Landes zu mir geflüchtet ist und jetzt, von mir unterhalten, in Kordofan residiert. Die mir angetane Beleidigung ist schwer, und es ist wohl möglich, daß ich mich noch deshalb gezwungen sehe, einen Krieg mit Darfur zu führen, der jenes europäische Projekt: die Quellen des Nils zu entdecken, dann sehr erleichtern würde. Ja», unterbrach er sich hier, mit einem listigen Ausdrucke im Blick, «wären die Umstände anders, verstünde der Sultan von Darfur unsern beiderseitigen wahren Vorteil besser, und müßte ich nicht zu meiner eignen Sicherheit mich in Rüstungen gegen von Europa her drohende Gefahren erschöpfen – wieviel könnte ich hier für mein Volk und nebenbei auch für europäische Wissenschaft im Innern Afrikas leisten! Jetzt sind mir überall die Hände gebunden.» Er wollte es übrigens noch nicht für ausgemacht annehmen, daß der weiße Fluß der echte Nil sei, und äußerte, daß auch die Quellen des blauen noch keineswegs aufgefunden wären, und jedenfalls die wahren Nilquellen viel tiefer in oder selbst hinter Abessinien gesucht werden müßten, als die bisherigen, nach ihm wenig zuverlässigen Reisenden wie zum Beispiel Bruce angäben. «Auch das wäre leicht gründlich zu ermitteln», fuhr er fort, «und Abessinien sogar, wenn man wollte, ohne viele Schwierigkeit zu erobern, aber» – rief er lachend – «dies würde meinen Freunden, den Engländern, zuviel Verdruß machen und mir wenig nützen.» – Ich bestand auf meiner Meinung, daß der Bahr-el-Abiad der wahre Nil sei, welches gleichfalls von den meisten Gelehrten Europas geglaubt würde, und setzte hinzu, daß ich wohl den Augenblick zu sehen wünschte, wo sein königliches Reich sich tausend Stunden lang von den Mondbergen bis zu denen von Adana ausdehnen werde, und frug ihn nachher, wie weit er selbst persönlich im Süden seiner Länder, die sich jetzt schon bis zum zehnten Grad erstrecken, vorgedrungen sei? «Nicht weiter als bis Ouadi-Halfa», erwiderte er, «und auch dies nur, um die mir nötige Passage der dortigen zweiten Katarakte des Nils für meine Transportfahrzeuge zu regulieren. Das war eine der lustigsten Reisen, die ich in meinem Leben gemacht und die ich in einer kleinen Barke mit wenigem Gefolge und bei stets günstigstem Winde von Kahira aus in zwanzig Tagen hin und zurück abtat, was nie vorher noch nachher wieder bewerkstelligt worden ist.» Er erzählte mit sichtlichem Vergnügen die Details dieser in etwas jüngere Jahre fallenden Expedition, unter andern, wie einmal der Sturm das Segel seiner Kangsche zerbrochen und wie er sich, als sie umschlagend schon zur Hälfte ins Wasser getaucht war, an der panischen Furcht seiner Gefährten belustigt habe, «denn ich», sagte er, «kann erstlich gut schwimmen, zweitens weiß ich, daß eine Kangsche oder Dahabia, wenn sie auch umschlägt, nie auf dem Nil sinkt, solange sie nicht leck wird. Ich habe lange Zeit Versuche dieser Art anstellen und Kangschen mit dem unverhältnismäßigsten Gewicht beschweren und umwerfen lassen, ohne sie zum Sinken bringen zu können. Noch ergötzlicher war unsre allerseitige Jagdpassion während dieser Reise», fuhr er fort, «bei so elenden Schützen, als wir sämtlich zu sein uns rühmen konnten; und ich glaube, daß von 10 000 Schüssen, die wir durch die Luft feuerten, nicht zehn wilde Gänse gefallen sind.» Auf meine Bemerkung, ob nicht eine reguläre Schiffbarmachung der Katarakten möglich sei, antwortete er schnell: «Warum nicht? Alles ist möglich, aber ich kann daran nicht denken, zuviel anderes drängt mich, das mögen meine Kinder ins Werk setzen; mir bleibt überhaupt nicht viel Zeit mehr übrig!» Ich stritt gegen diese letztere Ansicht und sagte, seine Tatkraft bezeuge noch eine so echte Jugend seiner ganzen geistigen und körperlichen Organisation, daß er gewiß noch viele Jahre rastlosen Wirkens vor sich haben müsse. «Nein, nein», rief er, «wenn ich meine leidige Politik in Ordnung habe und den Barrage vollendet, so bin ich zufrieden, und lebe ich dann noch länger, so gedenke ich freiwillig vom Schauplatze abzutreten und das Regiment meinem Sohne zu übergeben. Auch ich sehne mich nach Ruhe. – Sie haben durch Ihre verbindlichen Worte mich über mein Alter trösten wollen, aber glauben Sie nur, bald siebzig Jahre tragen ihre Last! Doch es ist Zeit aufzubrechen», rief er sich erhebend, «und wir dürfen die festgesetzte Stunde nicht versäumen.» Des Vizekönigs Pferd stand schon gesattelt vor dem Zelt, und als wolle er seinen Worten durch die Tat widersprechen, schwang sich der kräftige Greis wie ein Jüngling in den Sattel und ritt so rasch vorwärts, daß wir auf unsere etwas müden Tieren ihm gleich dem größten Teil seiner Suite nicht folgen konnten. Er hatte schon zu Abend gegessen und war bereits mit Abfertigung der seitdem angekommenen Depeschen beschäftigt, als wir spät im Nachtquartier ankamen, wo ich noch ein weitläufigeres Zelt als das mir am Morgen eingeräumte für mich aufgeschlagen fand. Ich ahmte diesmal Mehemed Alis Beispiel nicht nach, der erst um Mitternacht zu Bett geht, obgleich er um vier Uhr schon wieder aufsteht, und suchte das meinige ohne Zeitverlust. Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang ward am andern Morgen wie gewöhnlich aufgebrochen, der Vizekönig mit einigen Kawaß und dem Marmuhr, die beiden Sais neben seinem Pferde herlaufend, sein Leibdiener zu Pferde vorausreitend und das Gefolge im Schweif von einer halben Stunde Länge einzeln hinterhertrottierend. Sobald er mich und seinen Dragoman Artim Bey (den ich nie aus den Augen lasse) erblickte, rief er mich gleich zu sich, mir sehr freundlich einen guten Morgen und eine glückliche Tagereise wünschend. Nachdem ich gedankt und versichert, daß eine Reise in seiner Nähe nur glücklich für mich sein könne, sagte er scherzend: Das frühe Aufstehen möge mir, nach dem, was er von meiner Lebensart gehört, wohl etwas beschwerlich vorkommen, er für seine Person sei immer gewohnt, die Sonne aufgehen zu sehen, und die Morgenzeit sei seine liebste. Die Unterhaltung ward sehr heiter fortgeführt, ich übergehe sie jedoch diesmal, weil sie sich nur auf Lokalitäten erstreckte, die zu wenig allgemeines Interesse darbieten. Unser Weg führte wie gestern durch beispiellos üppige Fluren so weit das Auge reichen konnte, und obgleich Herr von Cadalvene unter seinen vielen Übertreibungen unter andern auch behauptet: daß der Vizekönig die Fellahs zwinge, in ganz Ägypten fast nur Baumwolle zu bauen, weil diese ihm das meiste Geld einbringe, dem Fellah aber den wenigsten Nutzen gewähre, und ein großer Teil des Landes wegen dieses Druckes wüst liegen bleibe, welcher Zustand sich jährlich verschlimmere usw., so kann ich doch versichern, daß ich in vier langen Tagereisen durch eine fast ununterbrochene Ausdehnung der herrlichsten Fluren, wie sie vielleicht nirgends anderswo vorkommt, nicht ein einziges Feld mit Baumwolle bepflanzt angetroffen habe. Vielleicht sah Herr von Cadalvene Ägypten auch nur «vom Nil und seiner Barke aus», wo man allerdings, der hohen Ufer wegen, entweder gar nichts sieht oder sehr häufig nur unkultivierten Boden, aus dem sehr natürlichen, von gar vielen aber übersehenen Grunde, weil dicht am Nil das Terrain an vielen Orten sehr hoch ist und erst in der weitern Fläche nach den fernen Bergketten abdacht, was von dem immerwährend ansteigenden Flußbette herrührt. Da nun eine Höhe von 21-24 Pick Wasser zu einer hinlänglichen Überflutung nötig ist, so können diese erhobnen Stellen, solange bis nicht ein regelmäßiges System von Kanälen, Dämmen und Schleusen existiert (woran der Vizekönig rastlos arbeitet), nicht ohne unverhältnismäßige Kosten tragbar gemacht werden, obgleich der Boden gut ist. Der Reisende, der aus seiner Barke diese breiten, oft von dort nicht abzusehenden Blößen erblickt, ist dann schnell bereit, seine Schreibtafel mit der Bemerkung zu bereichern: Aus Mangel von Händen, weil der Pascha den Fellah durch den Militärdienst und den unerträglichen Druck der Abgaben, den er ihm auflegt, jährlich dezimiert, liegt jetzt halb Ägypten wüst, und eine baldige gewaltsame Änderung der Dinge scheint unvermeidlich. Wir passierten eine Menge Dörfer und fanden überall zahlreiche Arbeiter an Kanälen und Schleusen beschäftigt. Allerorten ward der Vizekönig von den versammelten Einwohnern mit ihrem nationellen Vivat empfangen, das im Ausstoßen eines schrillenden Tones besteht, der dem Gesang der Rohrdommel gleicht. Diese Freudenbezeigungen waren vollkommen freiwillig, denn das Vivatrufen durch die Polizei anbefehlen zu lassen ist hier (wo es überhaupt an Polizei fehlt) noch unbekannt. Was mich überraschte, war die gänzliche Abwesenheit sklavischer Manieren bei den Fellahs, die nur mit dem einfachsten Gruß ihre Ehrerbietung und gute Gesinnung auszudrücken suchten, ja die Bewohner eines Dorfes kamen sogar in Prozession herbei, um dem Vizekönig bittere Vorwürfe darüber zu machen, daß er nicht bei ihnen seine Mittagsrast bestimmt, sondern seine Zelte eine halbe Stunde weiter im freien Felde habe aufschlagen lassen. Dieselbe Ungezwungenheit und Freimütigkeit fand auch bei den Hofleuten wie der ganzen Dienerschaft statt, und der alte Leibdiener Mehemed Alis, der nicht hinter, sondern immer neben ihm ritt, sprach häufig mit seinem Herrn, ohne die Hand nach dem Gesicht zu führen, was sonst de rigueur und unserm Berühren des Huts oder der Mütze äquivalent ist. Andere Fellahs kamen und verlangten auf höchst ungestüme Weise schreiend und lärmend, daß man sie nicht nötigen solle, an einem Damme zu arbeiten, den der Vizekönig im System seiner großen Arbeiten für die bessre Irrigation des Landes angeordnet hat. Diese Leute wurden hart angelassen und von den Sais mit aufgehobenem Stocke vertrieben, doch blieb es bei der Demonstration. «So sind sie», sagte Mehemed Ali, sich zu mir wendend, «diese Arbeit ist zu ihrem eignen Unterhalt unerläßlich, und man muß sie demungeachtet dazu zwingen. Ich muß den Kopf für alle haben, und ein einziger für so viel Menschen ist wahrlich zu wenig!» Er ging hierauf in einiges Detail über diesen Gegenstand ein und versicherte, daß nur für die immediat dringenden und nicht zu entbehrenden Gegenstände der Unterhaltung die Fellahs auf corvée zu arbeiten genötigt wären, dies aber bloß während drei Monaten des Jahres, während welcher Zeit überdies die Dorfbewohner so angelegt würden, daß immer jeden Monat nur ein Drittel derselben dabei beschäftigt sei, daher im Grunde jeden Fellah nicht mehr als ein Monat Hofdienste im Jahre treffen könne. Alle Arbeiten an neuen Kanälen und Schleusen würden für Lohn gemacht und in der Regel, wo nicht die größte Not dränge, niemand dazu gezwungen; künftig gedenke er aber auch das Militär zu diesen Unternehmungen zu verwenden, womit sein Sohn schon einen Anfang gemacht. Man gestatte mir bei dieser Gelegenheit einige Worte über das schöne und edle Verhältnis einzuschalten, welches zwischen Mehemed Ali und seinem Thronerben stattfindet. Weit entfernt von kleinlicher Eifersucht, wie sie im zivilisierten Europa noch häufig eine Art stillschweigenden Staatsgesetzes ist, wird Ibrahim nicht nur fortwährend zu Rate gezogen, sondern die Zügel der Regierung sind ihm vertrauensvoll übergeben, wo der Vizekönig abwesend ist. So vertritt er jetzt ganz des Vaters Stelle in Kahira, und ein von ihm geäußerter Wunsch bleibt selten unerfüllt. Mit welcher Diskretion übt auf der andern Seite der sonst oft rohe Ibrahim diese Macht, mit welcher kindlichen Ehrfurcht behandelt er seinen Vater und Souverän! Es ist wahrhaft rührend zu sehen, wie dieser wilde sieggekrönte Krieger, dessen Rang als türkischer Diener (nämlich als Pascha von Mekka) sogar den seines Vaters übersteigt, sich nicht ohne wiederholte Aufforderung vor diesem zu setzen wagt und in seinem ganzen Benehmen nie einen Augenblick die demütigste Unterwürfigkeit verleugnet. Und dabei sieht man doch deutlich, wie jeder von beiden stolz auf den andern ist, ein menschlich schönes Verhältnis, wie es mir in gleichen Sphären selten so ehrfurchtgebietend erschienen ist. In der Tat aber ergänzen sich auch diese beiden Naturen zu verdoppelter Stärke und würden, wenigstens unter den jetzigen Konjunkturen, nur schwer eine der andern entbehren können, so untergeordnet auch Ibrahim in jeder Hinsicht dem ist, was sein Vater teils noch ist, teils im gleichen Alter war. Auch nur entfernt vom Vater, zum Beispiel in Syrien, begeht Ibrahim zuweilen Torheiten und erlaubt sich eine schädliche Willkür, in Ägypten ist er nur aufmerksamer Diener des Herrn und dabei emsiger Landbauer. Wenn wir bei der Mittagsstation ankamen, pflegte ich gewöhnlich, wie auch Artim Bey und die übrigen Hofleute, eine Stunde im Zelte auszuruhen und mich mit Pfeife und Kaffee zu erfrischen, während der unermüdliche Vizekönig oft währenddem noch ganz allein spazierenging. Nachher erst begaben wir uns zu ihm, worauf nach einer Viertelstunde Konversation die Mahlzeit serviert wurde, an der ich mit Seiner Hoheit immer nur allein teilnahm. Nach aufgehobener Tafel setzte sich der Vizekönig meistenteils sogleich auf den Diwan, ich nahm auf seinen Wink neben ihm Platz, Artim Bey stellte sich mit dem Fliegenwedel auf die andere Seite, und sobald der Kaffee gebracht wurde, entfernte ein graziöses Zeichen mit der Hand die Hofleute und Diener. Dies war der Zeitpunkt, wo Mehemed Ali, wie man zu sagen pflegt, sich immer am meisten gehen ließ, am vertraulichsten und aufrichtigsten sprach. Heute erzählte er mir allerlei aus seinem Leben. «Ich kann nicht mehr lange dauern», sagte er, den Kopf auf die Hand gestützt, «denn ich habe zuviel schon in jungen Jahren erleiden müssen. Mein ganzes Leben war ein beständiger Kampf. Als ich noch im Vaterhause in Makedonien war, drückten die Vornehmen und Mächtigen die ganze Provinz mit empörender Willkür. Aufstand nach Aufstand erfolgte, und auch unser Dorf, mit andern vereinigt, versuchte Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Wer aber befehligte die Insurgenten in diesem Streit? – Der junge Mehemed Ali. Und schlecht genug erging es ihm. Ich erlitt so viele kleine Niederlagen, daß einmal der glücklichste meiner Gegner mir während des Gefechtes zurief: ‹Bist du noch nicht müde, geschlagen zu werden, da ich schon müde bin, dich zu besiegen?› Zuletzt erlangten wir indes mit Beharrlichkeit doch einen Teil unsres Zwecks.» Nun ging er zu seinen langen Kriegen mit den Mamlucken in Ägypten über. «Es waren tapfre Leute», sagte er, «und alles unter meinen Truppen fürchtete sich dergestalt vor ihnen, daß, wenn sie Gott nur halb so sehr gefürchtet hätten, sie den sichersten Anspruch auf die ewige Seligkeit im Paradiese gehabt haben würden. Die Mamlucken hätten im Anfang gar keine Waffen gegen uns gebraucht, es war hinlänglich, daß sie ihre kleinen Trommeln schlagen ließen, um all meine Leute davonlaufen zu machen, denen ich dann wohl notgedrungen auch selbst folgen mußte. Mein Sohn Tossum Pascha wie meine übrigen Verwandten hatten dasselbe Los. Nach und nach lehrte ich indes meinen Soldaten den Krieg durch den Krieg, und Gott unterstützte mich. Auf einer Seite fliehend, gelang es mir zuweilen auf der andern, ein Häuflein zu überrumpeln und zusammenzuhauen. Das gab uns etwas Mut, ich fuhr rastlos fort zu organisieren, setzte mich überall, wo es irgend möglich war, selbst an die Spitze, und nach vielen ungewissen Jahren, hundertmal meinem gänzlichen Untergange nahe, ward meine Ausdauer endlich durch den vollständigen Sieg gekrönt.» «Und wie», rief er mit seiner lebhaften Phantasie wieder eine lange Epoche überspringend, «wie ging es mir in der letzten Zeit mit der Pforte! Ich träumte nicht an das, was geschehen ist! Ich wollte, der Himmel ist mein Zeuge, nur meinen persönlichen Feind Abdallah Pascha aus Acre entfernen, dort sichernde Maßregeln für mich treffen und mich nachher mit der Pforte über das weitere auf billige Weise einigen. Als ich aber deutlich inne ward, daß man es in Konstantinopel auf meinen Untergang abgesehen hatte, mußte ich diesem zuvorkommen. Damals schickte man Leute aus der Hauptstadt an mich ab, um mir zu raten, mich doch nicht in das wahnsinnige Unternehmen einzulassen, dem Sultan widerstehen zu wollen. Ich solle bedenken, sagte man, was Paswan Oglus, Ali Paschas, der Paschas von Skutari, von Bagdad usw. trauriges Ende gewesen sei. Darüber konnte ich nur lachen und antwortete: Die Herren sollten nur des baldigsten zurückkehren, und wenn sie guten Rat zu geben hätten, diesen dem Sultan selbst erteilen, der ihn nötiger habe als ich; denn alle genannten Paschen zusammengenommen hätten noch nicht den vierten Teil der Macht Mehemed Alis besessen, folglich möge man sich besinnen, ehe man diesen zwinge, sie zu gebrauchen. Man wollte nicht hören, und das Resultat liegt vor Augen. Jetzt, ich wiederhole es, wünsche ich nur eins – daß man mich in Ruhe und Frieden das Glück und die Wohlfahrt Ägyptens begründen lasse.» Als ich nun, rekapitulierend was er gewesen und was er sei, trotz aller ausgestandenen Widerwärtigkeiten, dennoch sein Glück rühmte, machte er eine eigne Bemerkung. «Das Glück», sagte er, «ist gleich dem Sturmwind, der das Schiff schnell in den Hafen bringt, aber wenn der Steuermann keinen festen Kopf hat, auch leicht das Schiff zerschellt. Glück ist oft schwerer zu behandeln als Unglück.» Bei diesen Worten nahm er, von der Hitze, die fast unerträglich war, belästigt, seinen Tarbusch ab und, sich mit der Hand über den kahlen Scheitel streichend, sagte er: «Dieser alte Kopf ist schon längst ergraut!» Aber deshalb nicht weniger fest, erwiderte ich und betrachtete ihn mit phrenologischem Auge, was um so bequemer anging, da die Haare abgeschoren waren. Es war ein schöner Schädel mit kräftig ausgedrückten Organen und dadurch auffallend, daß wie bei denen Napoleons und Alexanders der animalische Teil ebenso vollständig als der intellektuelle ausgebildet erschien, wobei denn auch ein gewisses Organ besonders merkwürdig hervortritt. Seine Ärzte bestätigten mir später ganz die Richtigkeit meiner Bemerkung und sprachen von kolossalen Gaben in dieser Hinsicht, derengleichen ihnen nie vorgekommen sei, was mir wiederum Napoleons kräftigen Ausspruch bestätigte: «qu'il n'y a pas de héros sans etc. etc.» Mit Anerkennung sprach der Vizekönig von den großen Diensten, die ihm verschiedne Europäer geleistet, obgleich er sich auch bitter über die Unredlichkeit und Inkapazität andrer äußerte. Höchst naiv war die Schilderung, welche er vom Charakter eines der am meisten von ihm Geschätzten, des Herrn von Cerisy, machte. «Es war unmöglich», sagte er, «mit diesem Manne auf gewöhnliche Weise auszukommen, über jedes Wort fing er Feuer und wollte nie etwas nach meiner Idee, sondern immer nur nach der seinigen machen. Einmal, erinnere ich mich, machte er mir heftige Vorwürfe über meine Ungeduld, wodurch ich ihn, sagte er, zur Übereilung aller Angelegenheiten nötige und schlechte Schiffe zu bauen zwinge, da er doch, wenn ich ihm die gehörige Zeit lassen wolle, makellose herzustellen imstande sei. Ereifere dich nicht, erwiderte ich gelassen, denn trotz dem, dessen du dich jetzt rühmst, weiß ich doch bestimmt, daß du nie vermögen wirst, mir bessere Schiffe zu bauen, als deine ersten waren. Ich sah bei diesen Worten dem leidenschaftlichen Manne schon das Blut ins Gesicht steigen und eine Explosion im Anmarsch, als ich ihn lachend unterbrach. ‹Du Tor›, rief ich, ‹deine Schiffe, schlecht oder gut, haben mir St. Jean d'Acre und dadurch ganz Syrien erobert, weil sie zur rechten Zeit fertig waren. Was hätten mir die allervollkommensten genutzt, wenn man, als ich sie brauchte, noch im Arsenal an ihnen gehämmert hätte!› Doch es blieb nicht immer bei solchem Scherz, immer häufiger hatte ich Streit mit ihm, und beim geringsten Anlaß forderte er seinen Abschied. Ich bestand indes ruhig auf meinem Willen, mit Geduld übersehend, was zuweilen direkt gegen meine Autorität unternommen wurde, und gebrauchte öfters meinen Freund, den französischen Konsul, um den stets ohne Grund empörten Cerisy wieder zu besänftigen. Endlich verlor ich ihn doch, was ich immer bedauern werde. Man wollte, als er fort war, weil man ihn in meiner Ungnade glaubte, allerlei gegen ihn vorbringen, ich verbot aber jedem, mir weder im Guten noch im Bösen mehr von ihm zu sprechen; denn diesen Mann hatte mir Gott geschickt. Er hat meine Geschäfte zu fördern gewußt, aber nicht seine eigenen – andere verstehen beides, die meisten nur das letzte.» Da wir nur einen kurzen Marsch bis zum Nachtquartier hatten, brachen wir erst mit der Abendkühle auf. Ich blieb diesmal absichtlich zurück, um den Vizekönig nicht durch meine fortwährende Gesellschaft zu ermüden, soupierte mit Artim Bey und dem höchst liebenswürdigen Doktor Gaetano und wollte mich eben zu Bett legen, als gegen elf Uhr Seine Hoheit mich unerwartet einladen ließ, noch eine Stunde mit ihm zuzubringen, ein Befehl, dem ich natürlich mit der größten Bereitwilligkeit, wenngleich, aufrichtig gesagt, mit gähnendem Munde, Folge leistete. Ich fand den Vizekönig mit Abfertigung der Depeschen seines zweiten Kuriers beschäftigt, auf einer niedrigen Bettottomane sitzend. Mit der größten Höflichkeit steht er jedesmal auf, wenn ich in sein Zelt trete, und tat es auch diesmal, obgleich mitten in der Arbeit begriffen. Er bat mich, neben ihm Platz zu nehmen und zu entschuldigen, daß er sein Geschäft beende, er werde sogleich fertig sein, und ich möge unterdessen die eben für ihn angekommenen Journale durchgehen. Artim Bey überreichte sie mir – es war der Constitutionel! Es interessierte mich indes mehr, Mehemed Ali zu beobachten als zu lesen. Er ging jedes Blatt, das man ihm vorlegte, selbst aufmerksam durch und erteilte dann einem dicht neben ihm stehenden Sekretär mit leiser Stimme die Resolution. Was hiermit beseitigt war, warf er auf den Teppich zu seinen Füßen, was noch weiteres bedurfte, reichte er dem Sekretär hin und befrug auch einigemal Artim Bey. Alles schien sehr einfach, schnell und praktisch abgemacht zu werden. In einer Viertelstunde hatte er geendet, der Sekretär packte seine Papiere zusammen, erhielt noch einige Befehle und ging. Wie ein einfacher Bürgersmann, der, nachdem er das letzte Tagesgeschäft abgetan, sich es nun bequem macht und mit genußreicher Bedächtigkeit seine letzte Pfeife raucht, so setzte sich auch der Vizekönig gemächlich in der mit seidenen Kissen umgebenen Ecke seiner Ottomane zurecht, und nachdem aus der unerschöpflichen Sammlung seiner mit kostbarem Email und Edelsteinen verzierten Tschibuks uns zwei derselben gebracht worden waren, rief er: «Nun lassen Sie uns noch eine halbe Stunde verplaudern, ehe wir den Schlaf aufsuchen.» Diese Lust am Gespräch hat er mit Napoleon gemein, der während seinen letzten Kampagnen in Deutschland selbst mit dem sächsischen General Gerstorf stundenlang in die Nacht hinein schwatzte, obgleich dieser so schlecht französisch sprach, daß der Kaiser meistenteils sich des Generals Phrasen noch einmal selbst laut übersetzen mußte, ehe er sie richtig zu verstehen imstande war. Ich fing damit an, dem Vizekönig ein Kompliment darüber zu machen, daß er seine Beamten generöser als irgendein Souverän, Englands Beherrscher allein ausgenommen, bezahle, was ihm billigerweise gute Diener verschaffen müsse. «O, mit der Zeit soll das gewiß geschehen», erwiderte er ablehnend, «jetzt bin ich noch nicht imstande, in dieser Hinsicht zu tun, was ich möchte.» «Doch», sagte ich, «ist, nach europäischem Maßstabe wenigstens, meine Behauptung sehr wahr, denn die Apanage vieler unsrer deutschen Prinzen erreicht bei weitem nicht den Gehalt Ihres Gouverneurs in Kandia, und unsere Generale und Minister besitzen nicht das Vierteil des Einkommens der Ihrigen, obgleich das Leben in Europa weit teurer ist als hier und überdies auch weit mehr Repräsentation von ihnen verlangt wird.» «In diesem Falle», meinte der Vizekönig, «sind diese Beamten gewiß immer Besitzer eines eignen großen Vermögens und dienen für die Ehre, während meine Diener nur von ihrer Besoldung leben müssen.» Ich verzog unwillkürlich bei dieser Antwort das Gesicht, denn allerlei ergötzliche heimatliche Gedanken kamen über mich, es wäre aber sehr unnütz gewesen, sie auszusprechen, und so führte ich das Gespräch auf England zurück. Nach einigen Äußerungen meinerseits sagte Mehemed Ali mit etwas satirischer Miene: «Sie scheinen kein großer Verehrer der Engländer zu sein.» «Mit Ausnahme», erwiderte ich; «liebenswürdig finde ich sie allerdings nicht, und als Europäer erweckt mir ihre schlaue, nichts achtende Handels-Universalmonarchie ein ebenso demütigendes Gefühl, als einst die Gewaltherrschaft Napoleons. Wer könnte aber auf der andern Seite ihnen die größten Eigenschaften, das imposanteste, organisch erwachsne und durchgebildete Nationalleben und die ruhmreichsten Taten absprechen! Schade, daß sie diese durch zu krassen Egoismus, durch zu unleidliche Arroganz so häufig verdunkeln; und die letztere wird um so gehässiger, da sie fast allein auf ihre größeren Reichtümer gegründet ist, die sie doch nur auf anderer Kosten, direkt und indirekt, zu erlangen wußten.» «Das liegt in der Natur des Menschen», fiel Mehemed Ali ein, «und darf den Engländern nicht zu sehr verdacht werden. Reichtum gibt Macht und diese notwendig ein Selbstgefühl, das bei der menschlichen Schwäche nicht ohne alle Arroganz bleiben kann. Ist nicht jeder Stand in England reicher als auf dem Kontinent, und gibt es nicht viele Edelleute dort, die mehr als eine Million spanische Taler Revenuen besitzen? Wie sollen solche Leute bescheiden bleiben können!» Ich mußte über dieses «argumentum ad hominem» lachen und fing, mich gefangen gebend, von etwas anderem an. Die Konversation über das Geld ward aber vom Vizekönig wie gewöhnlich mit besondrem Wohlgefallen fortgesetzt. Er erwähnte wieder seines Bankprojekts und klagte von neuem über die eingewurzelte Neigung der Ägypter, ihren Mammon zu vergraben, statt ihn durch Nutzung zu verdoppeln. Es schien ihm sehr wohl bekannt, daß nicht die Masse des baren Geldes, sondern seine schnelle Zirkulation und der daraus entstehende Kredit den wahren Reichtum einer Nation ausmache. «Von jeher», fuhr er fort, «schwebte mir diese Wahrheit vor, und fortwährend stritt ich mich mit meinen Ministern, die in mich drangen, einen großen Schatz zu sammeln für die Zeit der Not. Ich setzte ihnen beharrlich entgegen, daß, um zu guter Zeit über viel disponieren zu können, man sein Geld nicht in den Kasten legen, sondern arbeiten lassen müsse, und wenn man mich auch täglich dafür züchtigte, rief ich aus, so würde ich doch nie eine andere Meinung annehmen. Ich habe meinen Untertanen das Beispiel einer Handlungsweise nach diesem Grundsatz gegeben, und werden sie einst selbsttätig geworden sein, so werden sie mir zu ihrem und meinem Vorteil nachahmen.» Mit der größten Unbefangenheit sprach er dann von seiner früheren Unwissenheit und wie er sich nur durch langes und fortgesetztes Nachdenken über jedes einzelne zu unterrichten gesucht, bis er das Wahre aufgefunden, denn alles, was er höre, behalte er wohl im Gedächtnis und prüfe es lange – dann aber handle er schnell und lasse sich durch nichts mehr irre machen. «Man tadelt mich unter andern», sagt, er, «daß ich allen Handel des Landes zu meinem eignen Vorteil an mich gezogen habe. Hätte ich es nicht getan, es würde so gut wie gar kein Handel bei uns existieren, wenigstens nicht zu unsrem Nutzen. Schon habe ich einen Teil des innern Handels der Konkurrenz der Partikuliers überlassen, weil ich zu sehen glaube, daß die Nation langsam aus ihrem Schlaf zu erwachen und den sich darbietenden Vorteil zu verstehen anfängt; ich bin im Begriff, auch einen Teil der Fabriken gleichfalls den Spekulanten in die Hände zu geben. Aber den Handel mit dem Auslande muß ich noch selbst fortführen. Schon Napoleon hat es ausgesprochen: ‹que les négociants de l'Europe sont des bandes organisées.› Wir besitzen noch keine solche Banden, und meine unwissenden und indolenten Ägypter würden bald die Beute der fremden Kaufleute werden, wenn ich selbst mich diesen nicht entgegenstellte, ich – den anzuführen ihnen nicht so leicht wird. Finde ich einst, daß die Zeit dazu gekommen ist, so werde ich auch hierin ein andres System ergreifen, denn weiß ich etwa nicht, daß das Geld nur der Repräsentant der Produkte ist? Wird mein Volk fähig sein, durch sich selbst reich zu werden, so will ich ihm gern auch die Mühe überlassen, welche damit verbunden ist, und hoffe mich nicht schlechter dabei zu befinden. Aber man muß mir zutrauen, daß ich besser zu beurteilen verstehe, als der Redakteur des Journal de Smyrne, was in einer Epoche meinem Lande frommen mag und was in einer andern. Die Franken haben ein gutes Sprichwort, welches sagt: ‹Le mieux est l'ennemi du bien›. Ich habe immer das letzte, soweit es eben möglich war, zu erlangen gesucht, ehe ich an das unerreichbare erste dachte. So fand ich vor allem nötig, ein festes und ein reiches Gouvernement in Ägypten zu gründen, und gleichzeitig rastlos an der bessern Bildung meines Volks zu arbeiten. Zu seiner Zeit wird das jetzt Erlangte ohne Zweifel dazu dienen, ein noch Besseres zu begründen, aber wer mit einem Sprung am Ziele sein will, langt nie dabei an. Manches, was ich tue, mag hart erscheinen, und größere Männer, als ich bin, sind nicht anders beurteilt worden – doch das darf mich nicht kümmern. Was ich zum Beispiel von Peter dem Großen gehört, zeigt mir, daß dieser Fürst, der gleich mir alles selbst schaffen mußte, zehnmal eigenmächtiger und despotischer als ich dabei verfuhr, und dennoch hat ihm seine früher murrende Nation wie die ganze Nachwelt endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auch ich erwarte diese Nachwelt als meinen unparteiischen Richter, und gibt mir Gott nur noch einige Jahre des Wirkens und gewährt mir die Möglichkeit, das Begonnene zu befestigen, so fürchte ich ihren Richterspruch nicht. Warum arbeite ich Tag und Nacht, warum scheue ich keine Mühe, keine Anstrengung noch Unbequemlichkeit in meinem hohen Alter, um alles, so viel es mir möglich ist, mit eignen Augen zu sehen und zu beurteilen – wenn es nicht wäre, um jenes große Gebäude zu vollenden, was längst in meinem Geiste feststeht. Ich besitze ja überflüssig genug, um für meine Person das Gewonnene und alle Freuden irdischer Existenz in der behaglichsten Ruhe zu genießen, und wenn ich mich statt dessen rastlos plage, so kann es wahrlich nicht aus Egoismus sein! Der Ruhm und das Bewußtsein, die einstige bleibende Wohlfahrt der Länder, über die ich gebiete, begründet zu haben – darin liegt mein teuerstes Interesse, und nur diesem Zweck ist mein ganzes noch übriges Leben geweiht.» Diese mit Feuer und Enthusiasmus ausgesprochenen Worte waren zwar meiner Ansicht von Mehemed Alis Charakter nicht entgegen – sie erschienen aber zugleich so verschieden von dem, was uns im Auslande die meisten Berichte über diesen merkwürdigen Mann zu insinuieren gesucht haben, daß ich sie mit einer gemischten Empfindung innerer Genugtuung und doch unwillkürlicher Verwunderung und nicht ganz zu bezwingendem Zweifel aus seinem eignen Munde vernahm. Das materielle Leben während unsrer Reise blieb sich so gleich, daß ich darüber nichts mehr hinzuzusetzen brauche, und ebenso blieb es die Umgebung und das Ansehn wie die beispiellose Fruchtbarkeit der Gegenden, durch die unser Weg führte. Nur die Unterhaltung mit Mehemed Ali gewährte mir immer neue Abwechslung. Ich habe nicht leicht einen Mann irgendeines Ranges gesehen, der, wenn er will, ein einschmeichelnderes und anziehenderes Wesen gehabt hätte als der Vizekönig. Das lebendige Spiel seiner Augen und seiner ganzen Physiognomie ist dann von einem so feinen, so gutmütig liebenswürdigen Ausdruck begleitet, daß man unwillkürlich sich davon gefesselt fühlt. In der Diskussion ist er voller Mäßigung und Geduld, obgleich ich bemerkte, daß er nicht leicht auf andere Meinung zu bringen ist, aber sein wohlwollendes Benehmen und seine ausgezeichnete Höflichkeit verleugnen sich nie. Zuweilen wenn ich, neben ihm sitzend, unwillkürlich in Gedanken verfiel und zur Wiederanknüpfung des Gesprächs eine Äußerung von ihm selbst erwartete, bog er sich mit jener verführerischen Grazie, die nur ihm eigen ist, langsam zu mir herüber und mich sanft beim Arme fassend rief er: «Jetzt sage mir auf der Stelle, worüber du in diesem Augenblick so tief nachdenkst» – und ich fühlte mich jedesmal wie magnetisch gezwungen, ihm die reine Wahrheit zu bekennen, wenn sie auch nicht immer de saison war. Er nahm aber auch diese stets auf das gütigste und unbefangenste auf, und es frappierte mich überhaupt, wie selbst die kitzlichsten Gegenstände, die aus seinem Leben zur Sprache kamen, ihn nie im mindesten in Verlegenheit setzten oder bei seinen Antworten irgendeine Verlegenheit bemerklich werden ließen. Dies scheint mir ein sichres Zeichen, daß dieser Mann bei allem, was er getan hat, immer vollkommen mit sich selbst einig blieb, und solange man dies bleibt, hat man sich im Grunde keine Vorwürfe zu machen. Selbst kleine Angewöhnungen, die Mehemed Ali hat und die bei andern Menschen in der Regel ein Ridikül sind, erscheinen bei ihm nicht störend. So pflegt er, wenn er erzählt, oft innezuhalten und sich, ehe er wieder fortfährt, des Wortes schendy (jetzt, nun, wohl) weit häufiger als nötig zu bedienen. Es liegt aber so etwas Eifriges, Vertrauliches und Naives in dieser sonst unnützen Wiederholung, er weiß dem Worte so viele verschiedne Modulationen zu geben, und seine Miene dabei hat einen von aller Affektation so entfernten, kindlich gutmütigen Ausdruck, daß das angeführte Lieblingswort jenen Erzählungen voll dramatischen Lebens in meinen Augen nur einen eigentümlichen Reiz mehr verlieh. Er hat noch einige andere Eigenheiten, die sich indes mehr auf allgemeinere Sitten der vornehmen Türken gründen. So trägt er zum Beispiel nie irgend etwas bei sich. Sitzt er auf dem Diwan, so liegt die Tabakdose und das Schnupftuch neben ihm, aber zu Pferde auf der Reise trägt beide Gegenstände sein ihm immer zur Seite reitender Leibdiener. Verlangt er eins oder das andere, so gibt es der Leibdiener einem der beiden Sais, die, sich an die Schabracke anhaltend, neben des Paschas Pferde herlaufen, geht es bergauf, ihm den Rücken stützen und bei schwierigen Passagen das Pferd beim Zügel fassen. Der betreffende Sais bedient nun den Vizekönig mit dem Verlangten und stellt nach dem Gebrauch den Gegenstand sogleich wieder dem Kammerdiener zu; eine sehr umständliche Komplikation, um sich zu schneuzen oder eine Prise zu nehmen. Der erwähnte Leibdiener zog meine Blicke sehr häufig auf sich. Es war eine wahre Charaktermaske, das Ideal eines Roman-Knappens aus alter Zeit, wie sie bei uns in der Wirklichkeit nicht mehr angetroffen werden. In den scharfen, von manchem innern und äußern Unwetter gefurchten Zügen malte sich ein unerschütterlicher Ernst, unbedingte Ergebenheit, felsenfeste Treue und eine keinen Augenblick ruhende Aufmerksamkeit für den Dienst seines Herrn, den er kaum je aus den Augen ließ. Er dient Mehemed Ali bereits 30 Jahre, mochte selbst einige fünfzig zählen, und sein schlohweißer Schimmel, von der Stärke und Dauer eines alten Ritterpferdes, schien gleichfalls nicht wenig Jahre mit ihm gemeinschaftlich gedient zu haben. Das Benehmen dieses Mannes gegen den Vizekönig war zwar voll Ehrfurcht, aber mit jener vertraulichen Sicherheit gepaart, die nur ein so langes Beisammensein, so viel und so wichtiges zusammen Erlebtes geben können. Man sah deutlich, daß dieser Mann seinem Herrn ganz angehörte, bei ihm das Ich im Diener völlig aufgegangen war und jeder Wink des Herrn, im Guten wie im Bösen, im Gefahrvollsten wie im Alltäglichsten, augenblicklicher Folgeleistung sicher war. Zu einem solchen Verhältnis gehörten vielleicht große Eigenschaften im Herrn wie im Diener und außerdem ein großartiges Schicksal des ersten, dem der andere durch Glück und Unglück viele Jahre gefolgt. Vielleicht gehören auch orientalische, primitive Naturen dazu, denn Napoleon wurde, als sein Glücksstern erblich, auf die gemeinste Weise von seinem französischen Mamlucken Rustan verlassen. Solange Mehemed Ali als Regent, als Gesetzgeber, als Soldat, als der Reformator seines Landes sprach, erschien er mir immer ausgezeichnet; dem billigen Beobachter kann es aber keineswegs auffallen, daß derselbe Mann, sobald von Wissenschaft oder Kunst die Rede war, für die letzte wenig Sinn verriet und in Hinsicht auf die erstere, aus Mangel an früherem Unterricht, oft in die seltsamsten, ja unglaublichsten Irrtümer verfallen mußte. Unsere Leidenschaft, Antiquitäten und Kunstgegenstände aufzusuchen, und unser Entzücken beim Anblick dieser alten Trümmer war ihm ein unauflösbares Rätsel. Noch weniger konnte ich ihm begreiflich machen, daß man außer Feldbau, Nutzholzpflanzungen und einem Garten auch Anlagen und ästhetische Verschönerungen zur Ausschmückung und künstlerischen Veredlung einer ganzen Gegend bloß zum Genuß für Auge und Geist unternehmen könne. Er frug immer nach dem Nutzen, der daraus erwachse, und wenn ich zum Beispiel die pittoreske Form einer Felsenkette, bei der wir vorbeikamen, rühmte, bedauerte er, daß man sie nicht bewässern, folglich auch nicht tragbar machen könne, ja er lachte mich herzlich aus, als ich äußerte: man solle doch in der unmittelbaren Nähe Kahiras, das die von Ibrahim angelegten Promenaden jetzt so prachtvoll erhöhen, zu besserer Aussicht in die Ferne auch die nahe Wüste noch zu bepflanzen suchen. «Solange wir noch gutes Terrain in Ägypten unbebaut haben», sagte er, allerdings ganz praktisch, «wollen wir wahrlich nicht an die Wüste denken!» Übrigens hat er doch den Nutzen von Baumalleen eingesehen, weil sie dem Reisenden Schatten geben, und befohlen, nach und nach alle Dämme und den Aufwurf der Kanäle mit solchen Baumreihen zu zieren. Mehrere schon begonnene Versuche dieser Art scheiterten indes hier wie in Alexandrien an der Abneigung und Indolenz der Einwohner, die sie vernachlässigten oder zerstörten. Jetzt mildert sich nach und nach dieser bei allen ungebildeten Klassen sich wiederholende Vandalismus. Artim Beys Miene verspottete mich oft, wenn mir später wieder solche Ausdrücke wie «romantisch», «pittoresk» usw. entschlüpften, und er ließ sie im Gespräch als gänzlich deplaziert und unverständlich auch meist unübersetzt. Bald nahm ich mir daher den Wink zur Richtschnur bei der Wahl meines Themas. Hinsichtlich der wunderbaren Verwirrung der historischen Kenntnisse des Vizekönigs möge folgendes Beispiel dienen. Er sprach nicht ungern von seinem Landsmann Alexander und trug allerlei über die Einzelheiten seiner Geschichte, die ihm im allgemeinen ganz gut bekannt war. Einmal sagte ich, daß ein Architekt aus Alexandrien dem griechischen Helden einen Plan vorgelegt haben solle, den Berg Athos, der Mehemed Alis väterlichem Dorfe gegenüberliegt, in Alexanders Statue umzuwandeln. Nicht ohne Ironie frug Mehemed Ali, ob dies bloß eine «pittoreske» Idee gewesen sei oder ob der Baumeister auch gleich den Kostenanschlag mit eingereicht habe? Ich erwiderte, daß ich zwar darüber nichts Positives berichten könne, aber die Macht und die Schätze des Eroberers Asiens wohl auch zu einem so kolossalen Unternehmen ausgereicht haben würden. «Ich glaube keineswegs», fiel der Vizekönig ein, «daß Alexander so reich gewesen ist; alle diese Herrscher der alten Welt müssen gegen die jetzigen nur arme Teufel gewesen sein, denn sonst würden die Römer, die nach Alexander kamen und soviel Jahrhunderte lang noch mehr Länder als er besaßen, nicht bloß kleine Silber- und Kupfermünzen gehabt haben.» Von dieser sonderbaren Idee wollte er nicht ablassen und behauptete, erst seit der Entdeckung Amerikas und der daselbst gefundenen Bergwerke gäbe es soviel Schätze und bares Geld in der Welt. Daß die Römer sehr arm gewesen, davon wolle er mir gleich einen Beweis geben. Zu des Regenten Philipp von Orleans Zeit sei ein türkischer Gesandter nach Paris gesandt worden und habe sich dort eine damals berühmte Stuterei angesehen. Nichts aber habe ihn mehr darin frappiert als die luxuriösen Wohnungen aller Stallbeamten wie auch die Pracht der Pferdeställe, deren Krippen alle von Marmor gewesen seien. Als er nun seine Verwunderung darüber dem ihm als Führer mitgegebnen Hofmanne geäußert, habe dieser fast entrüstet ausgerufen: «wie, habt Ihr eine so geringe Meinung von der Größe der französischen Nation? Wißt, daß bei uns jeder Stalldiener besser logiert ist als der römische Kaiser in seinem Palast! – Wenn nun dies», setzte der Vizekönig hinzu, «auch nur eine französische Großsprecherei war, so beweist sie doch, daß der römische Kaiser im Rufe gestanden haben müsse, sehr schlecht zu wohnen, folglich sein Volk arm gewesen sein müsse, was auch, da es nichts als Kupfergeld gehabt, sehr natürlich sei.» Uns scheint eine solche Unwissenheit allerdings possierlich, aber wenn man sich in die Person eines Türken versetzt, der nie die mindeste Erziehung erhielt, der erst im fünfunddreißigsten Jahre aus eignem Antriebe lesen und schreiben lernte und dennoch ein sozusagen durch tägliche Taten bezeichnetes Leben mit dem seltensten Genie durchführte, so erscheint der vernünftigen Beurteilung ein solcher Mangel nur wie ein leichtes Fleckchen in der Sonne. Doch habe ich absichtlich, um nicht für einen bloß parteiischen Lobredner zu gelten, auch diese schwache Seite des großen Mannes nicht verschweigen wollen. Wer weiß übrigens, ob Gottfried von Bouillon und mancher gefeierte Herrscher des Mittelalters sich bei einem Examen über dergleichen Gegenstände nicht noch viel unwissender als Mehemed Ali gezeigt haben würde, und was ist am Ende unsre eigne Konversationslexikonsgelehrsamkeit bei einem Leben wert, das meistens so tatenlos wie das einer Kohlpflanze verstreicht? Damit kommt man weder in den Himmel, noch in die Hölle, noch in den Tempel des Nachruhms. Wir ritten im Lauf des Tages bei einer großen Fabrik vorbei, die ich für einen Palast Seiner Hoheit hielt, da sie, blendend weiß an einen Palmenwald gelehnt, wirklich der ganzen Gegend einen glänzenden Charakter gab. Meines Vorsatzes vergessend, sagte ich zum Vizekönig, sein Land würde auf den Reisenden einen weit malerischeren Eindruck machen, wenn er beföhle, daß alle Dörfer, die jetzt in ihrer Kotfarbe so schmutzig aussähen, geweißt würden. «Mit der Zeit, mit der Zeit», erwiderte er fast ärgerlich, «ich kann nicht alles auf einmal tun, und ehe ich an das Weißen der Außenseite der Dörfer denke, muß erst mehr Wohlhabenheit im Innern derselben herrschen, als jetzt der Fall ist und sein kann. Ja», rief er, «nur noch zehn Jahre wünsche ich zu leben, ich hoffe, das ist genug, mein Werk so weit zu fördern, daß meine Kinder mit Ruhe daran fortarbeiten und dann glücklichere Untertanen beherrschen können!» Ich wiederholte ihm, daß er bei der ungeschwächten Kraft seines Geistes und Körpers auch noch auf mehr als diese Zeit mit Zuversicht rechnen und jene heilbringenden Resultate selbst zu erleben hoffen dürfe – ich aber freue mich schon im voraus darauf, nach zehn Jahren weiter mit ihm über diesen Punkt zu sprechen, wenn sich statt der Konsuln Botschafter der fremden Mächte bei ihm befinden würden. «Gut», erwiderte er freundlich und in der heitersten Laune, «lebe ich nach zehn Jahren noch, so schicke ich einen expressen Abgesandten zu Dir nach Europa, um Dich einzuladen, selbst zu sehen, ob ich nach meinen Worten getan. Eines Morgens, wenn du längst nicht mehr an mich denkst, wird ein schöngekleideter Türke in den Hof Deines Schlosses einreiten und Dich mit einem Gruß vom alten Mehemed Ali an die zweite Reise nach Ägypten mahnen.» «Ich nehme mit dem größten Dank Euer Hoheit beim Wort», sagte ich, «und lebe ich selbst gesund wie heute, was freilich Bedingnis aller zukünftigen Pläne ist, so rechnen Sie sicher auf mein Erscheinen. Was ich der Hoheit gelobe, hoffe ich der Majestät halten zu können.» «La, la», rief der Vizekönig, sich den weißen Bart streichend, «ich brauche keinen Titel und habe nie in meinem Leben einen andern Titel unterzeichnet als: Mehemed Ali.» Am folgenden Tage, wo wir in einem großen Dorfe Mittag machten, dessen Namen ich aufzuzeichnen vergaß, war daselbst auch die zierliche kleine Nilflotte des Vizekönigs angekommen, und ich benutzte seine Siesta, um mit Artim Bey Mehemed Alis Dahabia zu besichtigen, das zierlichste kleine Schiff dieser Art, das ich je gesehen, obgleich Kleopatras berühmte Barke es ohne Zweifel noch weit übertroffen hat. Das Hauptzimmer, möglichst hoch und geräumig, war mit meergrün lackierter Boiserie und Gold verkleidet, die Vorhänge bestanden aus schwerer violetter Seide mit goldnen Fransen sowie die Diwans rund umher aus gleichfarbigem Samt mit goldenen Tressen und reichen Quasten besetzt. Die Fensterrahmen waren aus vergoldetem Metall und die Scheiben aus Kristallglas, wie in den Kutschen mit einer Borte zum Auf- und Herabziehen versehen; grün lackierte Jalousien schützten vor der Sonne. Die Schlaf- und Toilettenkabinetts zeigten gleiche Eleganz, und als Vorzimmer diente ein prächtiges Zelt von persischem gelb gesticktem Zeuge, was zugleich als Speisesaal benutzt wurde. Vierundzwanzig uniform gekleidete Schwarze setzten selbst beim ungünstigsten Winde mit taktmäßigem Ruderschlag das leichte Schifflein in die schnellste Bewegung, und gegen den Strom ziehen es fünfzig, sich alle halbe Stunden abwechselnde Fellahs im Trabe eines raschen Pferdes. Als ich nachher beim Vizekönig von meinem Besuch auf dieser Flottille sprach, erfuhr ich von ihm, daß jetzt im ganzen über 6000 Barken den Nil befahren, wovon an 2000 Mehemed Alis Eigentum sind. Beim Nachtmahl erzählte er viel interessante Details über jene Zeit, wo er definitiv in Ägypten zur unumschränkten Macht gelangt sei, wovon ich andernorts bereits einen kurzen Auszug mitteilte. Als ich ihm hierauf mein Bedauern ausdrückte, daß er keinem Europäer diese unterrichtenden Memoiren diktiere, um sie der Geschichte aufzubewahren, erwiderte er die merkwürdigen Worte: «Warum sollte ich das tun? Ich liebe diese Zeit meines Lebens nicht, und was kann die Welt jenes unaufhörliche Gewebe von Kampf, Not, List und Blutvergießen helfen, zu denen die Umstände mich gewaltsam fortrissen. Wen kann dieses widerliche Detail zu hören erfreuen! Es ist genug, wenn die Nachwelt wissen wird, daß alles, was Mehemed Ali geworden ist, er nicht der Geburt noch der Gunst, sondern niemandem als sich selbst verdankte, aber meine Geschichte soll erst von dem Augenblick angehen, wo ich ungehinderter beginnen konnte, dieses Land, das ich wie mein Vaterland liebe, aus seinem Jahrhunderte dauernden Schlafe zu wecken und es zu einer neuen Existenz heranzubilden. Sonderbar», fuhr er fort, «daß von siebzehn Kindern ich das einzig übriggebliebene bin! – Neun meiner Brüder starben schon im zarten Alter, was auch der Grund war, daß meine Eltern mich fast gleich einem vornehmen Kinde erzogen. Ich war daher bald weichlich und ein Tagedieb geworden, so daß mich meine jungen Kameraden verspotteten und oft ausriefen: ‹Was wird, wenn seine Eltern sterben, aus Mehemed Ali werden, der nichts hat und zu nichts taugt!› Dies machte endlich einen tiefen Eindruck auf mich, und als fünfzehnjähriger Knabe beschloß ich, mich selbst zu besiegen. Oft hungerte ich mehrere Tage lang oder zwang mich ebenso lange nicht zu schlafen, und in allen Arten von Leibesübungen ruhte ich nicht, bis ich der Geschickteste unter meinen Kameraden geworden war. So erinnre ich mich, daß wir einmal um die Wette bei stürmischem Wetter ruderten, um eine kleine Insel zu erreichen, die jetzt noch mein Eigentum ist. Keiner kam hin als ich, aber alle Haut hatte sich von meinen Händen gelöst, ohne daß die heftigsten Schmerzen mich in meinem Entschluß irre zu machen vermochten. Auf diese Weise härtete ich fortwährend Leib und Seele ab, bis ich später, wie ich Dir schon erzählt, hinlängliche Gelegenheit fand, mich in meinem etwas ernsteren Wirkungskreise, dem kleinen Kriege unsrer Dörfer, mir selbst und andern als tüchtig zu erproben. Als ich mein neunzehntes Jahr erreicht hatte, wo mein Vater schon tot war, zeigte sich noch eine bessere Gelegenheit. Griechische Seeräuber hatten verschiedene Exzesse verübt, und mein Onkel, welchen mehrere der mächtigen türkischen Gutsbesitzer zu verderben trachteten, erhielt auf ihre Veranlassung den Befehl, mit einem kleinen Kriegsschiffe des Sultans die Räuber aufzusuchen und ihnen das Handwerk zu legen. Mein Onkel mußte gehorchen, begab sich aber vorher selbst zum Pascha, um diesem vorzustellen, daß all sein Hab und Gut zugrunde gehen würde, wenn er es jetzt so plötzlich und auf unbestimmte Zeit verlassen müsse, da niemand in seiner Familie sei, dem er es anvertrauen könne. Zugleich schützte er seine eigne Unfähigkeit zu einem solchen Kommando vor und nahm davon Gelegenheit, mich, der des Krieges schon gewohnt und unternehmend sei, statt seiner dazu vorzuschlagen. Es gelang ihm, den Pascha zu überreden, ich selbst verlangte nichts besseres und hatte wirklich das Glück, die Räuber nicht nur in die Flucht zu schlagen, sondern auch nach kurzer Verfolgung ihr Fahrzeug zu entern und alle, die nicht niedergemacht wurden, zu Gefangenen zu machen. Für diese Tat ward ich schon im zwanzigsten Jahre zum türkischen Seekapitän ernannt. Ein so schnelles Steigen erweckte mir indes viele Neider und sogar die Eifersucht meines Onkels selbst, der mich einige Zeit darauf, vielleicht nicht in der besten Absicht, nach Ägypten sandte. Wie wenig ahnte ich damals, zu welchen Schicksalen ich in diesem Lande bestimmt sein sollte, aber Gottes Wege sind wunderbar.» – «Sie können sich in der Tat glücklich schätzen», sagte, als ich mich beurlaubt hatte, Artim Bey zu mir, «solche Züge aus des großen Mannes Leben aus seinem eignen Munde vernommen zu haben, die selbst uns bisher ganz unbekannt geblieben waren. Ich habe Mehemed Ali noch mit niemandem so kommunikativ gesehen.» Ich mag nicht leugnen, daß diese Äußerung wie eine der angenehmsten Schmeicheleien auf mich wirkte, vielleicht auch nichts andres war. Am folgenden Tage, wogleich am frühen Morgen der Vizekönig verlangt hatte, daß ich neben ihm reiten sollte, denn, sagte er, auf Reisen muß man die Zeit durch Unterhaltung abkürzen – war dennoch alle Konversation durch die glühende Hitze und einen unerträglichen Staub fast unmöglich gemacht, da der in unserm Rücken blasende Wind uns ohne Unterlaß mit allen den schwarzen Wolken, die so viel Hunderte von Kamelen und Pferden hinter uns aufwühlten, umhüllte. Endlich ward es dem Vizekönig selbst zu arg, und er befahl, in einem Haine stachlicher Mimosen eine Ruhestation zu machen. Im Augenblick waren eine Menge Teppiche auf den Boden gebreitet, eine scharlachrote Wolldecke mit goldnen Fransen darüber gelegt und an beiden Enden dieser für Seine Hoheit und mich Samtkissen aufgeschichtet, wo wir so bequem wie auf einem Bette ruhten. Wir hatten uns kaum niedergelassen, so erschienen auch schon mitten in der Wildnis wie auf den Wink des Geistes von Aladins Lampe kalter Punsch und andere Sorbets in goldnen Schalen, denen unmittelbar Pfeife und Kaffee folgten. «Nun», rief Mehemed Ali, sobald er einige Züge getan, «warum sagst Du nichts? Ich habe heute noch kaum zehn Worte von Dir vernommen.» Ich muß bekennen, daß ich von Hitze, Staub und Erschöpfung so gedankenlos geworden war, daß ich nicht mehr wußte, was ich vorbringen sollte. Mit meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit machte ich kein Geheimnis daraus, «und überdies», setzte ich hinzu, «sann ich schon oft nach, wie ich Euer Hoheit etwas Neues erzählen könne, was Sie zu interessieren imstande sei, und fand dann mehr als einmal zu meiner Beschämung, daß Sie schon besser davon unterrichtet waren als ich selbst.» Über diese Äußerung lachte er, meinte aber, jemand, der so viel gesehen als ich, dürfe nie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sein, wenn er nur wolle. Dies schien mir eine gute Gelegenheit, da ich zum Reden aufgefordert wurde, ein Thema auf das Tapet zu bringen, das man neuerlich nicht gegen den Vizekönig zu berühren wagen wollte. Diese Dinge gehören nicht hierher; der Erfolg bewies mir aber, daß der ausgestreute Samen auf kein unfruchtbares Land gefallen war. Ich erwähnte eigentlich dieser kleinen Szene nur, um zu zeigen, «qu'il faut un peu payer de sa personne avec Son Altesse», wenn man das Feuer der Mitteilung und seine willige Laune dazu auf gleicher Höhe erhalten will. Dazu ist er nicht wenig inquisitiv, nicht so leicht mit Gemeinplätzen abzuspeisen als manche andere große Herren, und weiß jede Blöße, die man gibt, auf der Stelle zu entdecken. Mich wenigstens hat er mehr als einmal auf solche Weise hart in die Enge getrieben, was freilich nicht sehr viel sagen will, da ich von Natur schüchtern bin und den sogenannten Mut der Öffentlichkeit nur in geringem Grade besitze. Ich habe nie auf einem Privattheater ohne Herzklopfen auftreten können, geschweige denn auf dem großen Welttheater. Jedoch gelang es mir allerdings manchmal, mich zu bezwingen. In Dschirdscheh schifften wir uns ein, worauf ich Seine Hoheit nicht eher als in Keneh wiedersah, um, da ich meine Reise weiter fortzusetzen wünschte, Abschied von ihm zu nehmen. Ich kam eben vom Besuch des Tempels zu Denderah zurück, der auf eine abscheuliche Weise durch Schutt und elende Hüttenreste verdeckt wird. Da mir nun der Vizekönig die größte Freiheit meiner Äußerungen gestattete, so sagte ich ihm gradezu, daß man ihm in Europa die gänzliche Vernachlässigung der alten Monumente, an denen sein Land das reichste in der Welt sei, sehr verdenke, und er es seinem hohen Rufe in jeder Hinsicht wirklich schuldig sei, auch hierin mit gutem Beispiele vorzugehen. «Eure Hoheit», fuhr ich fort, «haben gleich hier die beste Gelegenheit dazu. Der Tempel zu Denderah ist einer der besterhaltensten Ägyptens und nicht durch den schwer zu entfernenden Wüstensand verschüttet, sondern nur durch Schutt und Unrat versteckt. Ein Wort von Ihnen, und er steht fast wieder in seiner alten Pracht da.» «Gut, gut», erwiderte Mehemed Ali, «ich will Ihnen zu Liebe einen Beweis meiner europäischen Bildung geben.» Und auf der Stelle ließ er den Mamuhr rufen und erteilte ihm die gemessenste Ordre, nicht nur sämtliche drei Tempelreste von Denderah frei zu machen, sondern auch den ganzen Platz darum her zu ebnen und mit einer Befriedung zu umgeben, die jede künftige Beschädigung abhalte. Ich glaubte also auch hier, wie einst in Tunis, den günstigen Moment nicht versäumt zu haben, den Freunden des Altertums einen kleinen Dienst zu erweisen, um dessentwillen sie mir es verzeihen könnten, wenn ich ihnen bei der Beschreibung der gesehenen Monumente oft zu kurz und oberflächlich erschienen bin, weil ich nicht wiederholen oder abschreiben mochte, was sie in zehn andern Werken soviel gründlicher und weitläufiger behandelt finden können1). Ehe ich abging, hatte ich Seiner Hoheit noch eine große Freude zu danken, denn er sandte mir Briefe aus der Heimat, die im Paket seines Kuriers angekommen waren und deren Schreiber schwerlich vermutet hätten, durch welche hochberühmte Hand sie an mich gelangen würden. Der Wind schwellte unsre Segel, und noch in derselben Nacht erreichten wir im Schlafe Theben, dessen riesige Wunderbauten uns beim ersten Anblick am Morgen fast die Empfindung gaben, als lägen wir noch im Traume. 1) So glaubte ich; als ich aber nach sechs Monaten zurückkam, fand ich mit Demütigung und Verdruß, daß auch nicht ein Spaten an die Räumung des Tempels gelegt worden war, ein Beweis, daß der in meiner Gegenwart erteilte Befehl an den Mudir nur eine Komödie gewesen und Mehemed Ali nie ernstlich daran gedacht hatte, ein in seinen Augen so abgeschmacktes und unnützes Werk zu unternehmen, dessen eifrige Betreibung er bei mir wohl nur für eine europäische fixe Idee ansah, und mit der duldenden Nachgiebigkeit behandeln zu müssen glaubte, welche die Türken jeder Art von Tollheit angedeihen lassen. Seitdem soll indes doch etwas von Mehemed Alis damaligen Befehlen ins Werk gesetzt worden sein. |