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Audiens bei Mehemed Ali


Es ist ein so großes Ding um einen Herrscher über Millionen, die nur von seinem Winke abhängen, daß ich nie einem solchen ohne eine gewisse innere Bewegung nahe, um wieviel mehr dann, wenn er zugleich ein so außergewöhnlicher Mann ist wie Mehemed Ali.

Ich hoffe, man wird es mir daher Dank wissen und auch keine törichte Eitelkeit darin suchen, wenn ich diesen erste Besuch bei dem Vizekönig auf das ausführlichste beschreibe, wobei ich freilich gezwungen bin, neben dem Großen auch vom Kleinen zu sprechen, nämlich von mir selbst.

Mehemed Ali ist fast täglich (oder war es wenigstens damals) ein Gegenstand der Unterhaltung in Europa, und doch kennt man ihn im Grunde dort nur sehr wenig; denn was man über ihn so mannigfaltig publiziert hat, ist zu widersprechend, um ein sichres Resultat daraus ziehen zu können. Ich wenigstens muß aufrichtig gestehen, daß ich auch jetzt noch nichts der Art gelesen, was mich vollständig befriedigt hätte. Viele dieser Autoren, die Mehemed Ali nur oberflächlich gesehen, beurteilen ihn nach unzuverlässigen Anekdoten und bloßem Hörensagen, und die meisten derjenigen, welche ihn besser kennen, sind, wie ich schon früher angedeutet, zu oft von persönlichen Motiven bei ihrem Urteil geleitet, so daß sie ihn entweder zu hoch zu erheben oder zu tief zu erniedrigen suchen. Es gibt aber überhaupt nur sehr wenige Europäer, die Gelegenheit hatten, Mehemed Ali in einiger Intimität zu beobachten, was bei den gewöhnlichen Privataudienzen, wenn man dergleichen auch noch soviel erhält, durchaus nicht stattfindet, am wenigsten grade da, wo es sich nur um Geschäfte handelt. Noch wenigere Personen aber gibt es vielleicht, die, selbst wenn ihnen die Gelegenheit nicht fehlte, philosophischen Scharfblick und unbefangene Freiheit des Charakters genug besaßen, um einen Mann wie Mehemed Ali ganz richtig zu schildern. Weit entfernt, mich selbst für kompetent hierin zu halten, scheint es mir doch eine Art Pflicht, auch meinen Beitrag auf die vollständigste Weise zu der richtigeren Würdigung dieses Fürsten zu geben, dessen gewaltiger Einwirkung auf eine beginnende Regeneration des Orients, wohin ich die nördlichen Länder Afrikas mitrechne, die Zukunft erst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Er teilt diesen glorreichen Einfluß, was den Orient betrifft, nur mit dem Sultan Mahmud, den man in vieler Hinsicht seinen gelehrigen Schüler nennen kann; in Europa aber hat nur Frankreich Anspruch auf solchen Ruhm durch die Eroberung Algiers, deren noch unberechenbare Folgen für die künftige Welt, selbst wenn Algiers jetzige Abhängigkeit von Frankreich im Laufe der Zeiten aufhören sollte, doch immer einen Glanzpunkt in der Geschichte der Franzosen begründen werden. Sie möchten sogar höher in manchem Bezuge anzuschlagen sein, als alle fruchtlos und ephemer gebliebenen, wenngleich des militärischen Ruhmes so vollen Überrennungen Napoleons.

Wenn ich also sagte, daß ich mich gewissermaßen verpflichtet fühle, Mehemed Ali als ein Hauptthema meines Werkes zu betrachten, so liegt doch der Grund davon keineswegs in irgendeiner Parteiabsicht, sondern nur darin, daß mich während eines Aufenthaltes von beinahe zwei Jahren in den Ländern, welche Mehemed Ali damals regierte und die ich von den Grenzen des Sennar bis Adana in einer ununterbrochenen Ausdehnung von mehr als fünfundzwanzig Breitengraden durchstrichen, die Umstände auf eine Art unterstützt haben und die Gelegenheit Mehemed Ali genauer kennenzulernen sich mir so oft und in so günstigen Verhältnissen dargeboten hat, als dies selten einem reisenden Privatmanne zuteil werden kann.

Demohngeachtet ist es weit weniger meine Intention, eine erschöpfende Charakteristik desselben zu liefern, noch, wenn ich mein persönliches Urteil über ihn ausspreche, dieses als Norm aufzustellen, als vielmehr nur durch die einfache, treue Erzählung dessen, was mir mit ihm begegnete, was ich von ihm sah und aus seinem Munde hörte und welche Betrachtungen dies in mir hervorrief – soweit die Diskretion dies gestattet –, den Leser zu befähigen, sich selbst aus allem diesen ein wahres ähnliches Bild des Individuums zu abstrahieren, von dem hier die Rede ist. Man wird die dahin gehörenden Züge daher auch nur zerstreut in dem vorliegenden Buche finden, was die allgemeine Disposition desselben unvermeidlich machte, aber die Zusammenstellung im Gedächtnis des Lesers ist nicht schwer und der Stoff so reich, daß eine ungetrennte Bearbeitung desselben leicht hätte ermüden können. Diese Prärogative haben aber nur klassische Schriftsteller, die ich aus der Ferne bewundern muß, ohne die Präsumtion hegen zu können, ihnen nachzuahmen. Aus diesem Gesichtspunkte also wünsche ich mein sehr anspruchsloses Bestreben, Mehemed Ali betreffend, in der Folge stets beurteilt zu sehen.

Seine Hoheit empfing mich in einem untern Saale des Palastes, der mit einer ehrerbietigen Menge seiner Hof- und Staatsdiener angefüllt war. Erst als ich durch diese hindurchgedrungen, sah ich den Vizekönig, von den übrigen getrennt, auf der Estrade vor seiner Ottomane stehen, nur Artim Bey, den Dragoman, an seiner Seite. Meine Überraschung war groß – denn nach der in Alexandrien befindlichen Büste und einigen Portraits, die man für ähnlich ausgab, hatte ich mir einen streng, ja hart aussehenden Mann im prunkvollen orientalischen Schmuck gedacht, mit Zügen, die, wie ich an der Büste bemerkt, auffallend an Cromwells Bilder erinnerten. Statt dessen stand in einen schlichten braunen Pelz gekleidet, mit dessen weißem Besatz der ehrwürdige Bart von gleicher Farbe seltsam zusammenfloß, den einfachen roten Tarbusch ohne Shawl und Edelsteine auf dem Haupte, keine Ringe an den Fingern, noch, wie im Orient gewöhnlich, einen kostbaren Rosenkranz in der Hand haltend (die übrigens so schön geformt ist, daß eine Dame sie beneiden könnte) – ein kleiner freundlicher Greis vor mir, dessen kräftige, wohlproportionierte Gestalt nur durch eine fast kokett zu nennende Frische und Reinlichkeit geschmückt war; dessen Gesichtszüge aber ebensoviel ruhige Würde als wohlwollende Gutmütigkeit aussprachen, und der, obgleich seine funkelnden Adleraugen mich durch und durch zu schauen schienen, doch durch die Grazie seines Lächelns wie die Leutseligkeit seines Benehmens nur unwillkürliche Zuneigung und nicht die mindeste Scheu einflößte. Auch entsprach diesem Eindruck, wie ich später zu beobachten Gelegenheit hatte, vollkommen das Benehmen seiner Hofleute, die, wenn auch voll Respekt, doch sehr zutraulich und unbefangen mit ihm verkehrten, während er selbst sie zwar mit einer Nuancierung gegen einzelne, aber im allgemeinen stets mit vieler Urbanität behandelte. Überdies ist nichts leichter, als vom Vizekönig Gehör zu erhalten. Kein Herrscher kann zugänglicher sein und weniger Maßregeln für seine persönliche Sicherheit nehmen als Mehemed Ali, der sich täglich jedem Versuche unbesorgt preisgibt, den ein Fanatiker auf sein Leben zu richten beabsichtigen könnte. Wie möchte er dies wagen, wenn er der Tyrann wäre, den alberne Unwissenheit und bösartige Absichtlichkeit in Europa so häufig aus ihm machen wollen! Indes ist doch nicht zu leugnen, daß ungeachtet des stets humanen Betragens Mehemed Alis und seines meist freundlich milden Blickes, der ihm das Ansehn eines der gutmütigsten unsrer christlichen Monarchen gibt, dieser Blick doch zuweilen, besonders in den Momenten, wo er sich unbemerkt glaubt, einen ganz eignen Ausdruck bittren Mißtrauens annimmt, bei dem dann das etwas unheimlichere türkische Element, von dem ohne Zweifel der Vizekönig auch einen guten Teil besitzt, voll hervortritt. Man kann vielerlei in diesem Blick lesen, was vielleicht die Schattenseite seines Charakters ausmacht, womit ich jedoch keinen besondern Tadel aussprechen will; denn zu einem großen Manne gehören ebenso notwendig dunkle und helle Seiten, als bei jedem andern Sterblichen.

Nach der ersten Begrüßung setzte sich der Vizekönig und winkte auch mir, mich neben ihm auf der Ottomane niederzulassen, worauf für ihn und mich Pfeifen und Kaffee gebracht wurden.

Ich muß hier eine kurze Notiz über die Höflichkeitsbezeugungen im Orient und namentlich in Ägypten einschalten, über die wenige meiner Leser unterrichtet sein möchten und deren Verständnis doch nicht ohne Interesse ist. Es herrscht hier in dieser Hinsicht weit mehr Etikette als bei uns, und die Abstufungen sind bestimmt. Zuerst das Grüßen betreffend, kann man schon aus diesem sogleich auf die verschiedne Stellung beider Teile schließen. Der Vornehmste grüßt stets zuerst. Der viel Höhere legt die Hand auf die Brust, während der ihm im Range Nachstehende die Hand gegen die Brust und dann gegen die Stirn emporhebt, dies auch wohl zweimal wiederholt. Gleiche oder im Range nur wenig Verschiedne grüßen sich entweder auf eben diese letztere Manier gegenseitig oder aber nur mit einer Bewegung der Hand nach dem Gesicht, fast so wie wir uns eine Kußhand zuwerfen. Ganz Niedrige machen als Zeichen der Unterwürfigkeit die Pantomime, als wenn sie Staub von der Erde aufheben und diesen sich auf die Brust und Stirn legen wollten. Gegen den Vizekönig trifft es sich indes wohl, daß gelegentlich auch Generale und Paschas dieses Zeichen machen. Der Vizekönig selbst grüßt seine Untergebnen, indem er die Hand auf den Leib legt; gegen Fremde, die er auszeichnen will, erhebt er die Hand nach dem Gesicht.

Man muß schon im Rang einem andern einigermaßen nahestehen, um sich bei ihm auf die Ottomane setzen zu dürfen, und die Arten selbst, wie man sich setzt, sind dreifach nach den verschiednen Graden der schuldigen Ehrerbietung: 1) mit einem untergeschlagnen Beine auf dem Rand der Ottomane, 2) auf beiden Knien, aber etwas entfernt, ganz darauf Platz nehmend, ohne sich anzulehnen, 3) endlich es sich nach Belieben bequem machend, wo man vertraut oder gleich und gleich ist. Kaffee und Pfeife reichen zu lassen ist eine Ehrenbezeigung, aber die Nuancen sind auch hierbei vielfach und werden zum Teil durch das mehr oder minder kostbare Material ausgedrückt. Wer das Recht zu sitzen hat, erhält in der Regel auch den Kaffee, die Pfeife aber ist eine größere Auszeichnung. Man darf weder Pfeife noch Kaffee noch irgend etwas, sei es auch nur ein Glas Wasser, empfangen (außer bei Tafel, wo alle Zeremonien wegfallen), ohne beim Nehmen und auch beim Wiederabgeben des leeren Geschirrs oder der Pfeife durch einen Gruß zu danken. Ja selbst der Wirt in seinem eignen Hause, sobald ein Vornehmerer als er bei ihm ist, grüßt diesen, dankend für alles, was ihm seine eigenen Diener servieren. So wird auch dem Vornehmsten immer zuerst präsentiert, er sei Wirt in seinem eignen Hause oder Gast in einem fremden.

Diese ganz genau festgesetzten Sitten haben ihre große Bequemlichkeit, sobald man einmal bekannt mit ihnen ist, und scheinen mir deshalb den jetzigen europäischen vorzuziehen, wo man, außer England, in welchem die Etikette auch genau geregelt ist, nirgends mehr weiß, was andere zu prätendieren haben, noch was einem selbst zukommt, und immer in Verlegenheit ist, zuviel oder zu wenig zu tun. So finden wir zum Beispiel in einem der ersten Staaten Deutschlands, wo in größeren Dingen so viel Vortreffliches besteht und noch viel Größeres zu erwarten ist, in der erwähnten Hinsicht einen recht empfindlichen Mangel für gesellschaftliche Bequemlichkeit, indem das Rangverhältnis nur im Dienste fest normiert und dabei überhaupt das dienende Prinzip so sehr dem freien vorgezogen wird, daß eigentlich nur diejenigen der Auszeichnung eines bestimmten Ranges und Ansehens dort teilhaftig werden, die zur Hierarchie des Hof- oder Staatsdienstes gehören, jeder außerhalb dieser Kategorie Stehende aber hinsichtlich seiner Ansprüche, er sei nun dazu durch eminente Geburtstitel oder ständische oder Besitzeswürden berechtigt, in der Gesellschaft und selbst an den verschiednen Höfen niemals genau weiß, wo er hingehört, indem ihm nach Laune oder Gunst heute der, morgen jener Rang angewiesen wird. Es ist gar nicht nötig, rang- und titelsüchtig zu sein, um dies sehr unbequem zu finden, da man ebensowenig gedemütigt werden, als andere demütigen will, was bei dieser Unbestimmtheit ganz unvermeidlich, bei fester Rangordnung aber ganz unmöglich ist. Nur ein Narr kann sich darüber ärgern, wenn jemand das ausgesprochne, anerkannte Recht hat, sich in der gesellschaftlichen Stufenleiter als über ihm stehend anzusehen, er komme ursprünglich her, woher es sei; wenn dieser es sich aber nur anzumaßen scheint, so ist es eine halbe Beleidigung, und geht der unbegründet gegebne Vorzug von einem Höchstgestellten aus, eine Kränkung. England ist das freiste und gewiß liberalste Land in Europa, demohngeachtet ist bei diesem praktischen Volke durch alle Stände und Grade, was jedem zukommt, so fest geregelt, daß ein Präzedenzstreit dort ein Unding ist. In Rußland hat nur der Dienst Rang, und der Leibkutscher des Kaisers würde dem Abkömmling der ältesten Bojarenfamilie vorgehen, wenn dieser keinen Dienstrang hätte. Es mag uns dies etwas seltsam vorkommen, aber es ist doch bestimmt. Man weiß, woran man ist.

Als Ludwig der Vierzehnte in Frankreich eine Rangordung beliebt hatte, durch welche die Pairie sich verletzt fand, wagten einige dem König darüber Vorstellungen zu machen. Der König frug M. Legrand (wie der damalige «grand écuyer» abgekürzt genannt wurde): «Et vous, qu'en dites vous?» «Sire», antwortete dieser, «tout ce que je sais, c'est que le charbonnier est maître chez lui.»

So ist es ohne Zweifel, der absolute Herrscher kann die Sache ordnen, wie ihm beliebt, nur sie unbestimmt zu lassen, scheint mir eine Anomalie.
Daß aber solche ungewissen Verhältnisse zwischen Geburts-, Hof-, Dienst- und Verdienstrang nicht bloß die Gefühle der Eigenliebe auch bei dem Bescheidensten häufig verwunden müssen, sondern daß sie selbst in einzelnen Fällen dem oder jenem den reellsten Schaden zu bringen imstande sind – das könnte ich durch mehrere schlagende Beispiele ins hellste Licht setzen, wenn dabei nicht Persönlichkeiten bloßgestellt werden müßten, die mir die orientalische Lehre ins Gedächtnis rufen: «Wenn die Rede Silber ist, so ist das Schweigen Gold.» Vielleicht habe ich in den Augen der Sparsamen schon zuviel Silber ausgegeben.

Seine Hoheit der Vizekönig behandelte mich durch die Art seines Empfanges mit der größten Courtoisie, und der einzige markierte Unterschied bei der Bedienung bestand darin, daß, obgleich uns die Pfeifen zu gleicher Zeit von zwei Dienern gebracht wurden, doch ihm die seinige einige Sekunden früher als mir präsentiert wurde, ferner auch nur die Pfeife, nicht aber die Tasse für mich ganz so reich als die für ihn bestimmte mit Diamanten besetzt war. Die Auszeichnung war um so schmeichelhafter, da sie bisher nur wenig Personen zuteil ward, namentlich dem Marschall Marmont, dem rückkehrenden Gouverneur von Indien und einem außerordentlichen Gesandten Frankreichs während des Krieges mit der Pforte, der eigentlich diesen Charakter nicht vollständig hatte, von Mehemed Ali aber nicht ungern als solcher angesehn und behandelt wurde. Den Generalkonsuln, wenn sich deren gegenwärtig befanden, sah ich immer nur Kaffee in ordinären Tassen und keine Pfeifen, und von den anwesenden Muselmännern im Dienste des Vizekönigs keinem weder Kaffee noch Pfeife präsentieren, selbst dem Sheriff von Mekka, Ibn-el-Aun, nicht, den ich zweimal bei Seiner Hoheit antraf. Es war dies ein schöner, geistreich aussehender schwarzer Araber, in einen grasgrünen Talar und weißen Turban, als Anverwandter des Propheten, gekleidet; er betrug sich sehr unterwürfig gegen den Vizekönig und nahm seinen Platz zwar auf der Ottomane, aber nur weit ab, in der von mir angezeigten zweiten Stellung, das heißt auf den Knien, ein. Nur die Paschas ersten Ranges und besondre Lieblinge läßt der Vizekönig neben sich sitzen und ihnen Kaffee reichen. Einzelne Ausnahmen fallen indessen vor, da sein Wille immer Gesetz ist. Ein so Begünstigter war der bereits mehrmals erwähnte Mehemed Bey, und ich hörte hierüber eine artige Anekdote erzählen.

Mehemed Bey hatte eigenmächtig einem sehr tätigen Unterbeamten eine Gehaltszulage bewilligt, worüber der Vizekönig, dem man es sogleich hinterbrachte, ungehalten war. Als sich nun Mehemed Bey das nächstemal bei ihm einfand, gab er ihm nicht nur einen Verweis, sondern auch sein Mißfallen noch dadurch zu erkennen, daß er ihm keinen Kaffee reichen ließ. Der Gescholtene erwiderte kein Wort und ging. Sobald er aber nach Hause kam, stellte er eine Order aus, daß die Besoldung des in Rede steigenden Beamten noch um vier Beutel jährlich vermehrt werden solle, und genehmige es der Vizekönig nicht, er das Geld aus seiner Tasche bezahlen werde. Am andern Tage erschien er wie gewöhnlich bei Seiner Hoheit – und was tat der Tyrann Mehemed Ali? Kaum ward er den vielleicht doch etwas ob seiner Kühnheit besorgten alten Freund gewahr, als er lachend laut nach Kaffee rief. «Komm her», setzte er hinzu, «ich werde mich wohl hüten, Dir keinen Kaffee mehr zu geben, denn ich sehe, es kommt mir zu teuer zu stehen.»

Ich zweifle nicht, daß manche alle diese zeremoniellen Details sehr kleinlich finden werden, meines Erachtens gehören sie aber wesentlich zur Schilderung hiesiger Sitten und sind deshalb nicht überflüssig.

Ich begann das Gespräch mit den bei den Orientalen ebenfalls zur Etikette gehörenden Sanitätskomplimenten und eilte dann, meinen Dank für die Freundlichkeit und edle Gastfreiheit auszudrücken, deren Seine Hoheit mich würdige, was, glaube ich, nicht ganz der türkischen Sitte gemäß war. Denn Mehemed Ali schüttelte lächelnd den Kopf, erwiderte dann aber verbindlich: Wenn ein fremder Mann von Ansehn so weit herkäme, ihn zu besuchen, so wäre es wohl das wenigste, was er tun könne, ihm durch möglichste gute Aufnahme seine Freude darüber zu bezeigen. Er bedaure nur, setzte er mit großer Bonhomie hinzu, daß ich, gegen Europa gehalten, alles hier noch sehr unvollkommen finden müsse.

Dies gab mir die natürlichste Gelegenheit, mein Erstaunen über die Wunder auszudrücken, die ich bereits in Alexandrien und Kahira gesehen, und ich bat im voraus Seine Hoheit, mir zu verzeihen, wenn der Enthusiasmus, den so Außerordentliches in mir erwecke, meinen Worten das Ansehen der Schmeichelei gäbe, da sie doch nur der treue Ausdruck meiner Empfindungen und der hohen Verehrung für einen Fürsten wären, der dem Orient jetzt das sei, was einst Peter der Große für Rußland gewesen, zu dessen jetzt so furchtbar angewachsener Land- und Seemacht dieser doch allein den ersten Grund gelegt.

«In wieviel Zeit», fiel Mehemed Ali lebhaft ein, «hat Peter der Große seine Marine hergestellt, und aus was für Schiffen bestand sie?»

Ich muß gestehen, daß ich im Augenblick weder eins noch das andere wußte, aber wohlbekannt mit der Regel, daß man große Herren nicht ohne Antwort lassen darf, gab ich in Erwiderung der unerwartet praktischen Frage Zahlen an, die zu verifizieren glücklicherweise niemand gegenwärtig war, schnell hinzufügend, daß zu des Zars Zeiten diese Branche überhaupt viel unvollkommner als jetzt gewesen sei und daher die Resultate in jeder Hinsicht auch nur viel geringer ausfallen können als die Schöpfungen des Vizekönigs, die wahrscheinlich einzig in ihrer Art in der Geschichte des Orients dastanden. Und damit sagte ich nur die Wahrheit.

«Wohlan», fuhr Mehemed Ali fort, «ich will nicht leugnen, daß hier mehr als Alltägliches geschehen sei, und ich habe allerdings gestrebt, den Beispielen großer Männer zu folgen, soweit ich es vermochte. Es ist auch gewiß, daß ich jetzt mit mehr Beruhigung fortarbeiten kann. Ich stehe nicht mehr, wie früher, ganz allein. Man fängt wenigstens an, mich zu verstehen, und die Maschinerie ist im Gange. Doch nur meine Enkel können einst ernten, was ich gesät habe. Wo eine so grundlose Verwirrung herrschte als hier, wo eine so vollständige Auflösung aller gesunden Staatsverhältnisse stattfand, wo ein so ganz verwildertes, unwissendes, zu aller heilsamen Arbeit unfähiges Volk lebte – da kann die Zivilisation nur langsam wieder emporwachsen. Sie wissen, daß Ägypten einst das erste Land der Erde war, das allen übrigen vorleuchtete; jetzt ist es Europa. Mit der Zeit nimmt die Aufklärung vielleicht auch hier von neuem wieder ihren Sitz. Es schaukelt ja alles ewig in der Welt!» (Ein Lieblingsausdruck des Pascha.)

Er trug mich hierauf, wie ich Kandia gefunden, und ich konnte nur mit größter Gewissenhaftigkeit erwidern, daß ich nirgends die Griechen wahrhaft freier, wohlhabender und größtenteils selbstzufriedner angetroffen habe als dort, aber auch überzeugt sei, daß des Vizekönigs früher daselbst geübte Strenge während einer partiellen, durch auswärtigen Einfluß fomentierten Insurrektion, ebensoviel als seine unparteiische Gerechtigkeit und Milde seitdem dazu beigetragen hätten, einen solchen erfreulichen Zustand hervorzurufen. «Sie hatten mich bei meiner Herrscherehre angegriffen», rief der Vizekönig mit Feuer, «und das darf kein Fürst dulden, der seine Pflicht kennt und sich selbst achtet. Im übrigen bin ich immer bereit gewesen, alles für die von mir abhängigen Griechen zu tun, was in meinen Kräften stand, ja ich habe sogar, als die europäischen Mächte mir fortwährend Vorstellungen in dieser Hinsicht machten, mich erboten, Kandia ganz nach dem Muster zu regieren, das europäische Weisheit in Griechenland selbst aufstellen würde, und nur gebeten, mich so bald als möglich mit genauen Notizen über die Resultate zu versehen, doch ist mir nie dergleichen zugekommen.»

Die Ironie dieser Äußerung war nicht zu verkennen, ich eilte daher, das Gespräch auf Fabriken und neue Anlagen jeder Art, welche die höhere Kultur des Landes bezwecken, zu lenken, und damit traf ich auf des Vizekönigs Steckenpferd – wahrlich kein unwürdiges für einen Souverän!

Er hoffe, sagte er, ich würde mit dem, was er hierin bereits geleistet, zufrieden sein, obgleich man auch hier nie einen europäischen Maßstab anlegen müsse, wie er sich gern bescheide. «Bald», fügte er hinzu, «wird dieses Land wenigstens imstande sein, sich im Notfall, unabhängig von andern Ländern und ihren Produkten, eine Zeitlang selbst genügen zu können. Deshalb, und nicht bloß des Gewinnens wegen, obgleich auch dieser mir nicht entgeht, lege ich eine so große Anzahl neuer Manufakturen und Fabriken an. Überdies», fuhr Mehemed Ali fort,«sind diese Etablissements in mehr als einer Hinsicht eines der kräftigsten Zivilisationsmittel für das Volk und würden mir zugleich», setzte er mit einem glänzenden Aufblick der Augen hinzu, «im Nu 40 000 gute Soldaten mehr liefern, wenn ich sie brauchen sollte. Doch wünsche ich weit mehr, daß das Schicksal mir gestatten möge, alle meine Kräfte der Industrie und dem Ackerbau allein widmen zu dürfen. Krieg habe ich immer nur geführt, wo er nicht zu vermeiden war, und ich bin fern davon, ihn zu lieben.»

Es ist wahr, daß Napoleon immer dasselbe zu versichern pflegte – indessen benutzte ich die gute Gelegenheit, sofort auf die glorreichen Kampagnen Ibrahims überzugehen; aber obgleich ein Wink Mehemed Alis schon seit einiger Zeit den ganzen Hof entfernt hatte und wir allein waren, ließ sich doch der Vizekönig über diesen Gegenstand nur in Gemeinplätzen oder, wenn man lieber will, in diplomatischen Phrasen aus. Doch lächelte er, als ich ihm sagte, es sei Seiner Hoheit wahrscheinlich ergangen wie dem Feldmarschall Suwaroff, der oft versicherte, er liebe den Krieg nicht, aber der Krieg liebe ihn; und ich hätte zugleich, fuhr ich fort, auf den Werften von Alexandria wohl bemerkt, wie gut Seine Hoheit es verstanden habe, sich durch den Krieg Mittel zum Kriege zu erwerben, womit ich das Holz zu seinen Schiffen meinte, das ihm früher gänzlich fehlte, während Adana jetzt fast allen Bedarf zu diesem Zweck im vortrefflichsten Materiale liefert. Die nicht ganz heitre Miene Mehemed Alis verriet während dieser Rede, daß er über das angeregte Kapitel mehr dachte, als er sprach. Gewiß ist es, daß er jetzt vollkommen einsehen muß, wie seine Zögerung nach der Schlacht von Konieh, wo ein zu unerwartetes Glück ihn überraschte, der einzige große politische Fehler bleibt, den ihm die Geschichte bis jetzt vorwerfen kann. Sachkundige wissen sehr wohl, daß Ibrahim, wenn er die Erlaubnis seines Vaters gehabt hätte, Brussa zu besetzen und bis in die Nähe Konstantinopels vorzudringen, was nach jener Schlacht militärisch keine Schwierigkeit mehr hatte, er unter den damaligen Umständen dem Sultan den Frieden nach Belieben diktieren konnte, ehe Rußland dies mit gewaffneter Hand zu verhindern imstande war. Die europäischen Mächte aber fürchteten mit gutem Grunde seit Jahren insgesamt den Krieg zu sehr und bewachten sich selbst gegenseitig mit zu eifersüchtigem Auge, um einem einmal solid erlangten Status quo sich irgendwo ernstlich entgegenzusetzen, wie die Erfahrung seit Napoleons Tode überall zur Genüge bewiesen hat. In dem vorliegenden Falle würde die Diplomatie ohne Zweifel einige Millionen Federn mehr abgeschrieben und eine verhältnismäßige Anzahl Papierriese und Tintenfässer verbraucht haben, ja die Protokolle der Konferenzen wären vielleicht auch jetzt noch nicht geschlossen – aber «der große Pascha» (wie ihn hier die Fremden nennen) würde deshalb nicht minder seine Stellung befestigt und die letzte Katastrophe dadurch vielleicht vermieden haben und jetzt ein selbstgekrönter, wenigstens teilweise anerkannter unabhängiger Monarch geworden sein, gleich Louis Philippe in Frankreich, König Leopold in Belgien und Donna Maria da Glória in Portugal, ohne von St. Domingo, den spanischen Kolonien und Spanien selbst zu sprechen, in welchem letztern der endliche unzweifelhafte Sieger ebenfalls der Anerkennung nirgends ermangeln wird. Selbst die Polen würden sie erhalten haben, wenn sie nur zu siegen verstanden hätten.

Ich glaube, daß alle Parteien bei diesem Ausgange der Sache gewonnen haben müßten, selbst der Sultan, der Syrien nicht regieren kann, und wenn er auch heute Ägypten wieder eroberte, es doch immer nur dem Namen nach in seinem Besitz zu erhalten vermögen würde, der also vielleicht weiser gehandelt haben würde, das immer noch kolossale, von der Natur soviel mehr als andere Länder begünstigte Reich, welches ihm geblieben war, durch Zivilisation und allmähliche Reform zu konsolidieren, als davon einmal abgerissene Provinzen wiederzuerlangen zu suchen; der ferner vernünftigerweise es hätte vorziehen sollen, statt eines bei jeder günstigen Gelegenheit wieder drohend dastehenden Feindes, unter der bloßen Firma eines von ihm abhängigen Paschas einen freien muhamedanischen Souverän zum Nachbar zu haben, dessen eignes Interesse ihn von dem Augenblick an, wo er seine Unabhängigkeit erlangt hat, zum natürlichsten Bundesgenossen der Pforte machen muß; der endlich zu berücksichtigen hatte, daß Mehemed Ali für eine solche Konzession jedes mögliche nachhaltige Geldopfer freiwillig zu bringen bereit gewesen sein würde, eine Ressource, welche bei dem Zustande der türkischen Finanzen willkommener gewesen wäre als ungehorsame Provinzen wiederzuerlangen, die mehr kosten als einbringen. Wie oft mag es das spanische Gouvernement schon bereut haben, in ähnlicher Lage mit seinen insurgierten Kolonien zu lange gezögert zu haben. Daß ganz Europas Ruhe und der allgemeine Friede in mehr als einem Bezuge auf lange Zeit durch kein Ereignis mehr hätte gesichert werden können, kann wohl kaum bezweifelt werden. Den größten Vorteil würden allerdings Mehemed Alis eigne Länder nebst einem großen Teile Afrikas daraus gezogen haben, wenn dieser Fürst die ungeheuren Summen, welche ihn sein prekärer Zustand zwang, auf eine Flotte von mehr als fünfzig Schiffen und eine Landarmee von nahe 150 000 Mann inklusive der irregulären Banden zu verwenden, zum höhern Flor der innern Industrie jeder Art und zu einer durchgreifenden Verbesserung der Lage seiner Untertanen zu benutzen imstande gewesen wäre. Kunst und Wissenschaft, die neubegonnene Zivilisation eines ganzen Weltteils, waren gleich lebhaft bei der Sache interessiert – und es blieb praktisch und theoretisch unpassend, so mannigfachen Interessen nur die Illegitimität Mehemed Alis entgegensetzen zu wollen, da dieser Begriff im Orient gar nicht auf dieselbe Weise existiert als bei uns. Und war seine Macht illegitim, zugleich aber doch zu fest begründet, um anders als gewaltsam umgestoßen werden zu können, so wäre es eben der beste Weg für künftige Ruhe und Stabilität des Orients gewesen, sie je eher je lieber zu legitimieren, damit sie nicht ewig ein offenes Pulverfaß darbiete, das der erste vorüberfliegende Funke wieder entzünden kann. Mehemed Ali bedurfte es zur unerschütterlichen Konversation seiner selbst, seiner Familie und des großen Werkes seines tatenreichen Lebens, daß die Unabhängigkeit, welche er de facto errungen, auch de jure anerkannt worden wäre. Und er konnte dieser Hoffnung Raum geben, da man anderwärts ja überall in diesem Sinne gehandelt. Gehörte denn Griechenland dem Sultan nicht ebenso rechtmäßig, als Syrien und Ägypten, und ist König Otto ein Vasall der Pforte? Hatte der Sultan nicht auch auf Algier dieselben legitimen Ansprüche wie auf die ägyptischen Länder, und erkennt Louis Philippe daselbst etwa die Oberherrschaft der Pforte an, welche diese früher über den dortigen Dey ausübte? Oder fehlte es Mehemed Ali etwa an gleich fest begründeter Autorität? Er ist bis auf diesen Augenblick noch ein weit unumschränkterer, ein weit besser respektierter Herrscher in dem Gebiet, was er sich erhalten hat, als es bis jetzt weder König Otto in Griechenland, noch die Franzosen in Algier, noch der Sultan in seinem eignen Reiche sind. Hätte er daher nur den rechten Moment benutzt und sich damals als Sieger nach seinen gewonnenen Schlachten nebst der Sache auch den Namen gegeben und sich mit kühner Hand selbst die Krone aufgesetzt, so würde sie ihm wahrscheinlich weder das Schwert noch die Diplomatie wieder entrissen haben, ja entreißen wollen. Was er aber damals als schnelle Tat versäumte, auf dem Wege der Negotiation zu versuchen, war eine Schwäche und das Gelingen unmöglich, wenn er auch alle Vernunftgründe der Welt auf seiner Seite gehabt hätte. In der Politik wie in der Liebe gibt es Dinge, «qui se font, mais qui se ne disent pas», und wenn die europäischen Mächte sich auch, um die Selbständigkeit der Hellenen zu fördern, in einer Zeit ritterlichen Rausches zur Schlacht von Navarin mitten im Frieden berechtigt geglaubt haben, so war es doch zu bezweifeln, daß sie für die Selbständigkeit des Reichs der Pharaonen eine gleiche Sympathie zeigen würden. Einige Altertümler, Geschichtsforscher und Geographen möchten allein mit Prädilektion dabei zu Werke gegangen sein; diese Art Leute aber kommandieren weder Flotten noch Armeen. Ich fürchte daher, daß, zum Nachteil der Ruhe und des Friedens Europas und Asiens, zum Nachteil der Kunst und der Wissenschaft, für die mit einer neubeginnenden Zivilisation auch eine neue Morgenröte tagte und zum endlichen Ruin Ägyptens selbst sich unsres Schillers Worte an Mehemed Ali bewähren werden: «Was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück.»

Man mag obiger Stelle freilich die Farbe der Zeit ansehen, in der sie hauptsächlich geschrieben wurde, aber ich frage jeden Unparteiischen noch heute: Was hat die Welt dadurch gewonnen, daß man mit europäischer Übermacht Mehemed Ali erdrückte? Ist die Türkei dadurch selbständiger geworden, oder ist Syrien und Kandia durch so viel vergossnes Blut jetzt glücklicher, zivilisierter, reicher oder besser regiert? Hat der täglich mehr aufblühende englische, französische und deutsche Handel mit Syrien und Ägypten dadurch gewonnen, oder ist er nicht vielmehr größtenteils vernichtet? – Mit einem Wort: Hat irgendeine Macht, ja ich möchte sagen, irgendein Individuum gewonnen? Wieviel aber ist, vielleicht für Jahrhunderte, dadurch verloren, wieviel Samen gefährlichen Aufgangs für die Zukunft ausgestreut worden!

Man lese zur Beleuchtung des hier Gesagten unter vielen andern Zeugnissen der neuesten Zeit beispielsweise den Brief des Herrn von Wildenbrucks, Preußischen Konsuls in Syrien, in den Monatsberichten über die Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, welcher so beginnt:

«Vom politischen Zustande denken Sie sich das Schlimmste, und Sie werden der Wahrheit nahe kommen: Alles, auch die Stimmung gegen Christen und Franken schlimmer, feindseliger, unordentlicher, unsicherer, ärmlicher und hoffnungsloser als zur Zeit meines ersten Aufenthaltes. Alles verfällt und löst sich mit einer Schnelligkeit auf, die ich dem sonst so stationären Orient nie zugetraut hätte; nur die Geldbeutel der Paschas und der an Gewissenlosigkeit ihnen gleichen europäischen Kaufleute prosperieren. Nur einen Wohltäter hat dieses unglückliche Land seit Jahrhunderten gekannt, Ibrahim Pascha, und diesen hat man hinausgetrieben! Mit Verwunderung sehe ich, daß nicht ein Mensch, wes Glaubens er sei, etwas anderes zurückwünscht als die Tage der ägyptischen Herrschaft. Die einzige Ausnahme machen jetzt jene von oben her gewaltig angefeuerten und begünstigten fanatischen Muhamedaner, welche sich freuen, einen Raja für 50 Piaster Strafe (1½ Tlr.) erschießen zu können. Dies geschah kurz vor meiner Ankunft trotz der schönen Worte von Gülhaneh, Ibrahim hatte vollständige Sicherheit im Lande gegründet, unglaublich viel für den Landbau geleistet und die Beamten am übermäßigen Stehlen gehindert: Aber das alles ist spurlos verschwunden und bald wird auch das letzte Bollwerk eines besseren und freieren Zustandes, der Libanon, in den allgemeinen Ruin hingezogen werden. Die türkische Regierung (die ich ein für allemal wohl von dem individuell so achtungswerten türkischen Volke zu trennen bitte) hat hier durch Aneinanderhetzen der Drusen und Maroniten großenteils die Kraft dieser Völker, welche seit Jahrhunderten ihre Freiheit bewahrten, gebrochen; jetzt, wo beide mit Schrecken die möglichen und wahrscheinlichen Folgen ihres Zwiespaltes erschauen, wo eine von Europa herkommende Ordnung des Zustandes des Landes immer entfernter scheint, fehlt gegenseitigem Zutrauen zu gemeinschaftlichem Handeln.» Usw.

Mehemed Ali, der alles dies erfährt, mag wohl immer noch sanguinische Hoffnungen für die Zukunft hegen.

Damals, als ich in Ägypten war, konnte ich, nach seinen so oft wiederholten Äußerungen, mich nur überzeugen, daß er ebensosehr eine friedliche Lösung seiner Angelegenheiten durch europäische Unterstützung gewünscht hätte, um alle Kraft seines Genies auf das Wohl seiner eigenen Länder zu wenden, als er auf der andern Seite von der Wahrheit durchdrungen war: daß die Erlangung seiner anerkannten Unabhängigkeit auf jede mögliche Weise jetzt eine Lebensfrage, vielleicht eine Bedingung seiner eignen Existenz, jedenfalls die der Dauer seiner Schöpfung in der Gegenwart wie in der Geschichte für ihn geworden sei. – Seiner anerkannten Unabhängigkeit, sage ich, denn mehr hat er nie erstrebt, und es ist nichts lächerlicher, nichts mehr eine völlige Unbekanntschaft mit türkischer Verfassung, Religion und den dort unumstößlichsten Überzeugungen verratend, als die so häufig auf das Tapet gebrachte Besorgnis: Mehemed Ali habe den Sultan entthronen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Dies kann Mehemed Ali ebensowenig in der Türkei, als es zum Beispiel dem Fürsten Metternich in der Christenheit trotz all seines Einflusses, möglich sein würde, Papst zu werden. Den Sultan zwingen, ihn zum Großwesir zu machen und so an seiner Stelle das Reich zu regieren, das wäre als Sieger dem Vizekönig möglich gewesen und war vielleicht, wiewohl ich es nicht im geringsten glaube, einer seiner Wünsche. Gewiß ist es wenigstens, daß dessen Erfüllung der Türkei nicht gefrommt haben würde, als Mehemd Alis Untergang.

Daß man ferner Mehemed Alis Bemühungen, sein Land, soweit seine Einsicht reicht, zu zivilisieren, größtenteils von unserm Standpunkte aus nur verspottet hat, finde ich ebenso kurzsichtig als unhistorisch. Mit einem Sprunge kann Ägypten kein zivilisierter Staat nach europäischen Begriffen werden, selbst wenn es morgen unter die Botmäßigkeit der Franzosen oder Engländer käme. Man schlage doch nur David Hume auf, um sich zu überzeugen, daß unter Heinrich dem Achten und selbst noch unter Elisabeth der Zustand fast derselbe war wie heute unter Mehemed Ali, in manchem, zum Beispiel der religiösen Unduldsamkeit, schlimmer. So finden wir das Monopolwesen, über das am meisten geschrien wird, die Bestechlichkeit und Immoralität der Behörden wie die rücksichtslose Willkür des Gebieters (denn die Parlamente hatten damals nicht mehr Einfluß als ein türkischer Divan) ganz dieselben zu jener Zeit in England wie heute in Ägypten. Demohngeachtet haben sich aus diesen so mangelhaften Anfängen die jetzigen Engländer, eine der ersten, aufgeklärtesten und mächtigsten Nationen der Welt, nach und nach entwickelt, welches hinlänglich beweist erstens: daß jede organische Bildung, wenn sie auch immer durch den gegebnen Anstoß großer Individuen ins Leben tritt, dennoch nur klein, ungewiß und mangelhaft beginnen muß, um aus eignen Erfahrungsversuchen nach vielfachem Irrtum später erst das Rechte zu finden. Zweitens: daß es aus diesem Grunde der höchste Grad der Absurdität ist, fortwährend an ägyptische Zustände den heutigen europäischen Maßstab legen und von der dortigen Bildung, Regierung wie Regierte betreffend, dieselben Resultate als von der unsrigen verlangen zu wollen. Man vergleiche lieber Europas Mittelalter mit dem jetzigen Zustand Ägyptens, und dann diesen mit dem, was das Land vor Mehemed Ali unter der Herrschaft der Mamlucken war. Mehemed Alis Wirken, solange es ungehemmt blieb, hat unbestreitbar die wichtigsten Grundbedingungen aller Zivilisation zuerst im heutigen Orient hervorgerufen: Ordnung, Sicherheit und das Erwachen einer höhern Industrie. Hiermit hat er, trotz hundert Fehler und Mängel, die Dankbarkeit der Geschichte verdient. Doch ich kehre zu meiner Audienz zurück.

Der letzte Gegenstand meiner Unterhaltung mit Mehemed Ali an diesem Tage betraf ein zweites Lieblingsthema des Vizekönigs, die Erziehung der Jugend, und er schilderte mit Feuer, was er bis jetzt zu diesem Behufe getan. Wer ihn hierüber gehört und dann mit eignen Augen die wohltätigen Folgen gesehen hat, die ein so kurzer Zeitraum schon hervorgebracht, muß blind sein wollen, um zu verkennen, daß dieser Mann in der Hauptsache oft nur den Schein eines rücksichtslosen Egoismus auf sich lud, um der Wohltäter seines Volkes für Jahrhunderte werden zu können, daß er wenigstens alles, was er unfähigen Händen nahm und nimmt, doch auch mit wohlgesinnter Absicht einer sich heranbildenden Population wiedergibt, die mit jedem Tage, wenn auch langsam, doch sicher einem ganz neue regenerierten Leben entgegenschreitet. Er hat allerding weder einen bedeutenden baren Schatz, noch hält er eine kostspieligen Hofstaat, ja ohngeachtet seiner so reißend angewachsenen Revenuen, die sich jetzt höher gesteigert als die der preußischen Monarchie, ist er oft kaum imstande, die laufenden Ausgaben zu bestreiten, weil er immer Neues schaffend, wenig oder nichts zurücklegt 1). Wie gesagt, er gibt, wie er nimmt. In keinem Lande sind verhältnismäßig die Staats- und Militärbeamten nur zur Hälfte so hoch besoldet als hier, so daß die es auch recht gut vertragen können, nicht sehr regelmäßig bezahlt zu werden, was ich jedoch, da es meist absichtlich, aus kleinlichem Interesse geschieht, für eine sehr schlechte und unpolitische Maßregel halte. Außer der Unzahl von angelegten Fabriken, Kanälen und andern großartigen Wasserbauten, Hospitälern, Schulen und Etablissements aller Art, die den Fortschritt der Zivilisation bezwecken, sind in diesem Augenblick von neuem nur in Kahira und seiner Umgebung fünfundneunzig öffentliche Gebäude im Bau begriffen, und elftausend Kinder und junge Leute werden vom Vizekönig in progressiven Anstalten mit bei uns unbekannter Profusion gekleidet, ernährt, unterrichtet und sogar besoldet!

Die Einrichtung dieses, hinsichtlich der Munifizenz in solchem Umfang nirgends seinesgleichen findenden Erziehungswesens ist im kurzen Abriß folgende. In jeder Provinz befinden sich mehrere Primärschulen für den ersten Elementarunterricht, wo die Kinder, wie in allen übrigen Erziehungsanstalten des Vizekönigs, freie Wohnung, Kost, Kleidung und von fünfzehn bis zu dreißig Piaster monatliche Besoldung erhalten. Von hier gehen sie in die großen Vorbereitungsschulen über, deren sich eine in Kahira, die andere in Alexandrien befindet und wo die Besoldung von 30 bis 50 Piaster steigt. Nach vierjährigen Studien treten sie in die höheren Schulen ein, die sogenannte polytechnische in Bulak, die der fremden Sprachen in Kahira, die der Artillerie in Tura, der Kavallerie in Dschiseh, der Infanterie in Damiette, der Marine zu Alexandrien und der Medizin in Abu-Zabel, in welchen allen die Besoldung der Schüler 100-150 Piaster erreicht. Aus diesen Schulen, denen sich auch noch eine eigne Musikschule neuerlich angeschlossen, gingen bereits viele Lehrer und ein großer Teil der jetzigen Staatsbeamten hervor. Außerdem werden fortwährend viele Individuen nach Europa auf des Vizekönigs Kosten zu Bildung jeder Art gesandt. Diejenigen, welche ein Handwerk erlernen und ihre Geschicklichkeit darin hinlänglich bekunden, dotiert der Vizekönig sehr häufig mit einem Kapital bis zu 12 000 Piaster und bezahlt ihre ganze Einrichtung bis auf die Werkstätten und Verkaufsläden hinab, deren man, in der Stadt umhergehend, in allen Straßen immer neue entstehen sieht und sie leicht an der Eleganz und Solidität ihrer Ausführung erkennt. Mit wie gleicher Generosität die Marine versorgt wird und ihre eignen Anstalten jeder Art hat, meldete ich bereits früher, und noch viel einzelnes dieser Art könnte hinzugefügt werden. So führt der Vizekönig jetzt die Vakzine ein, und da das Volk dawider ist, zahl er für jedes Kind, das vakziniert wird, den Eltern einen Piaster. In den Hospitälern, denen der unermüdlich tätige Clot Bey vorsteht, wird, obgleich sie ursprünglich nur für das Militär bestimmt sind, jetzt dennoch auch jeder andere Kranke, der darum bittet, unentgeltlich aufgenommen, und wer nicht Platz findet, wenigstens gratis mit Medikamenten versehen, wiewohl die Abneigung, welche die Eingebornen gegen Hospitäler haben, sie selten davon Gebrauch machen läßt.

«Ich mußte von jeher», sagte der Vizekönig, «die Leute hier zu ihrem Besten zwingen oder sie dafür bezahlen.»

Beim Abschied reichte mir Mehemed Ali, auf meine Bitte, nach europäische Weise die Hand, was hier allerdings nicht üblich ist, aber von ihm so herzlich aufgenommen wurde, wie es erbeten war, denn er freute sich der sichtlichen Verehrung, die er meiner leicht enthusiasmierten Natur wirklich eingeflößt hatte. Er fügte dann noch verbindlich hinzu, daß, da er bald nach Oberägypten abreise und ich, wie er höre, dieselbe Absicht habe, meine Begleitung ihm angenehm sein würde, ich ihn aber auch, solange er noch hier verweile, an jedem Tage besuchen könne, wo und wie es mir konveniere. Nach dieser gnädigen Äußerung entließ er mich mit einem Ausdruck würdevoller Güte und sich selbst bewußter Größe, der mir ebenso tief als das Andenken seiner gehaltreichen Worte eingeprägt geblieben ist. Obgleich nun, als wir näher bekannt wurden und Mehemed Ali mehr Vertrauen zu mir faßte, meine folgenden Unterredungen mit ihm sehr an Interesse gewinnen mußten, so behielt doch dieser erste Eindruck sein Recht und bildete sozusagen den Umriß, aus welchem sich später die vollständigere Gestalt entwickelte.

Es wird vielleicht nicht unwillkommen sein, wenn ich hier im Auszuge die Übersetzung eines mir im Manuskript mitgeteilten offiziellen Rapports Sir John Malcolms Gouverneurs von Bombay, eines der anerkannt ausgezeichnetsten Männer Englands, einschalte, der ebenfalls von einer Audienz bei Mehemed Ali einige Jahre vor der meinigen handelt, ein höchst merkwürdiges Aktenstück in mehr als einer Hinsicht. Sir John Malcolm beginnt also:

«Ich werde nun versuchen wiederzugeben, was zwischen Mehemed Ali und mir bei dieser Gelegenheit stattfand.

‹Sie waren schon in Ägypten›, sagte der Pascha, ‹und von dem, was damals geschah, und den Kommunikationen, die seitdem zwischen uns erhalten wurden, betrachte ich Sie in dem Licht eines alten Freundes. Niemand wird besser beurteilen können, inwiefern ich beharrlich im Verfolg meiner Ihnen bekannten Pläne geblieben bin und in welchem Grade ich sie auszuführen verstanden habe. Ihre genaue Bekanntschaft mit Indien, Arabien und Persien und mit dem Geist dieser Länder macht Sie fähiger als andere zu beurteilen, was in Ägypten geschehen, und zugleich werden Sie demzufolge erwägen können, inwiefern Ägyptens jetziger Zustand es eines politischen Verhältnisses (political connection) zu England würdig macht. Da nun dem Orient Begebenheiten von nicht geringer Bedeutung nahe bevorzustehen scheinen und ich wünsche, Ihnen meine Ansichten darüber mitzuteilen, so werde ich dies mit vollem Vertrauen tun, wie zu einem Freunde, und ich hoffe, daß Sie, obgleich jetzt in keiner offiziellen Eigenschaft hier gegenwärtig, doch die Gelegenheit wahrnehmen werden, das englische Ministerium davon zu unterrichten.›

Ich erwiderte dem Pascha, daß, da er wisse, daß ich in diesem Augenblick kein öffentliches Amt bekleide und er mir dennoch, bloß aus Motiven der Freundschaft, mit der er mich beehre, diese Eröffnungen mache, so wolle ich zwar gern seinen Wunsch erfüllen, doch könnte ich nicht mehr versprechen, als, wenn ich um meine Meinung gefragt würde, ich diese aufrichtig geben wolle, aber nicht dafür stehen könne, ob sie Anklang fände.

‹Ihr Gouvernement›, fuhr Mehemed Ali fort, ‹verrät in allen seinen Unterhandlungen mit mir viel Kühle (coldness), um nicht zu sagen Gleichgültigkeit, während ich alles tue, um ihm zu gefallen. Dies steht in sehr merkbarem Kontrast mit dem Benehmen Frankreichs, das jede, auch die unbedeutendste Gelegenheit ergreift, seinen Wunsch auszudrücken: mich durch die schmeichelhaftesten Attentionen zu gewinnen.›

Diese Verschiedenheit, sagte ich, hätte ihren Grund mehr in der Verfassung unsrer Administration als in einem Mangel an Freundschaft oder Vernachlässigung in bezug auf seine Hoheit. Auch sei unser Charakter ganz dem der Franzosen entgegengesetzt, und wenn wir auch nicht gleich ihnen auf jede gute Gelegenheit paßten, uns ihm angenehm zu machen, so würde er doch bei allen wichtigen Fällen, dies sei ich überzeugt, wahrnehmen, daß wir ebenso aufrichtige und viel nützlichere Freunde für ihn seien als die Franzosen (sic!).

‹Gut, ich will es glauben›, fuhr der Pascha fort, ‹aber wenn ich eine Änderung in dem Mangel an Wärme von seiten Englands für mich wünsche, so geschieht dies noch aus andern Gründen als meiner persönlichen Gratifikation zuliebe. Ich wünsche auch in den Augen der Welt durch eine Nation begünstigt zu sein, von der ich wohl weiß, daß ich ganz abhängig bin in allem, was die Prosperität meines Landes und den Erfolg meiner gegenwärtigen und künftigen Pläne betrifft. Aber ich glaube auch, daß diese mit dem wahren Interesse Englands ganz übereinstimmen. Doch ehe ich fortfahre, Ihnen mein Herz aufzuschließen, muß ich einen Augenblick auf das zurückgehen, was kürzlich geschehen ist.

Er detaillierte mir hierauf die Mission des Oberstleutnants Craddock, die Negotiation Herrn Barkers, um ihn zu bewegen, sich zur Eroberung von Algier an die Franzosen anzuschließen, seine Weigerung, die Zufriedenheit des englischen Ministeriums mit der freien und offnen Auseinandersetzung seiner Handlungsweise und die Motive, die ihn leiteten.

‹Ich fürchte›, fuhr er fort, ‹daß die Auflösung des türkischen Reichs über kurz oder lang unabwendbar ist. Sie mag einige Zeit aufgehalten werden, aber sie zu verhindern, halte ich für unmöglich. Meine Absicht ist, eine Linie zu bilden (to form a line), hinter welcher die, welche meines Glaubens sind und nicht wünschen, Rußlands Joch zu tragen, sich vereinigen können, was dadurch erreicht werden kann, daß ich meine Autorität über ganz Syrien extendiere und bis an die Grenzen Persiens fortschreite. Dies mag Ihnen ein phantastischer Plan scheinen, aber ich habe die Mittel und kann die noch fehlenden schaffen, die hinlänglich sind, den Erfolg zu sichern. Mein Besitz der heiligen Städte von Mekka und Medina und das Ansehn, dessen ich bereits in Arabien genieße, werden diesen Plan außerordentlich fördern, und ich hoffe, daß man es auch in Konstantinopel aus dem rechten Gesichtspunkte ansehen wird, da in der Tat das Osmanische Reich dadurch nur gestärkt werden kann. Ich verzweifle nicht, dies dem Sultan auf freundschaftlichem Wege begreiflich zu machen, da er doch endlich einsehen muß, daß bei dem jetzigen Stand der Dinge diese elende (wretched) und eifersüchtige Politik, die seit so lange alle Provinzen des türkischen Reichs durch eine ewige Folge von neuen Chefs und neuen Insurrektionen zugrunde richtet, verlassen werden muß!

Alles was ich brauche, alles was ich wünsche, ist, daß England mir seine Freundschaft zusichert, damit mein Gemüt beruhigt sei, damit ich mit Zuversicht wisse, daß, während ich mich von allem Verkehr mit den andern christlichen Staaten zurückhalte – ich keine Hostilität von der Nation zu befürchten habe, deren wahre Interessen, wie ich überzeugt bin, mit den Plänen, die ich bereits ausgeführt, und die ich noch auszuführen gedenke, vollkommen konform sind. England muß wünschen, daß Ägypten feststehe wie jetzt, einmal wegen seiner nächsten Verbindung mit Indien, zweitens daß ein nicht so leicht einzureißender Damm existiere gegen Rußlands Fortschritt in Asien. Der türkische wie der persische Thron sind von dorther erschüttert worden, wirksamere Mittel sind nötig, als einer dieser Herrscher besitzt, um jene Flut der Eroberungen aufzuhalten, und Sie mögen von dem, was Sie gesehen, urteilen, ob ich der Mann dazu bin.›

‹Ich weiß›, setzte er hinzu, ‹daß die Politik Englands dem Prinzip der Nichteinmischung folgt, aber ich verlange weder Geld noch Hilfstruppen noch Verpflichtungen (engagements), ich brauche nur die Versicherung der Freundschaft Englands und dessen aufrichtige Gesinnung – aber diese sind wesentlich (essential), denn ich fühle, daß ich so lange paralysiert bin, bis ich mit vollem Vertrauen auf Ihr Land als ein solches rechnen kann, das das Wachstum meiner Macht gern sieht, weil es überzeugt ist, daß diese Macht mit dem Fortschritt der Reform, der Zivilisation in einem Teil des Erdbodens, der bisher nur der Schauplatz des Vorurteils, der Unwissenheit und der Barbarei war, gleichen Schritt hält.›»

Um nicht zu ermüden, übergehe ich mehrere Seiten der noch lange fortdauernden Konferenz, deren Inhalt weniger schlagend ist und das bereits Aufgestellte nur noch besser zu erläutern sucht.

Zuletzt versicherte Sir John dem Pascha nochmals, daß er dem englischen Ministerio nicht nur genau alles vortragen werde, was er gehört, sondern auch, was er gesehn.

«‹Tun Sie das›, erwiderte Mehemed Ali, ‹und machen Sie frei und wahr Ihren Rapport, wie Sie glauben, daß ich ihn verdiene. Ihr Leben ist im Verkehr mit orientalischen Fürsten und mehr in Asien als in Europa beschäftigt hingegangen. Sie waren Gesandter und Gouverneur, Sie kamen vor zehn Jahren nach Ägypten und sahen alles, wie es war. Ich teilte Ihnen schon damals meine Pläne mit. Sie sind wiedergekommen und nun selbst der beste Richter darüber, ob ich Wort gehalten. Sagen Sie nichts als die Wahrheit und was Sie der gesunden Politik ihres Vaterlandes für angemessen erachten.›»

Ich übergehe gleichfalls alles Schmeichelhafte, was Sir John über Mehemed Ali hinzugefügt, als überflüssig. Mehemed Ali spricht in dieser Unterredung hinlänglich für sich selbst, und jeder Leser mag urteilen, wer als der freimütigere Mann, der großartigere Politiker hier erscheint, der später unterliegende Mehemed Ali oder sein mit Englands Macht schaltender Unterdrücker Lord Palmerston.

Auch ich fand den Vizekönig noch immer in einer vertrauungsvollen Stimmung für England und mit dem heißen Wunsche, es für sich zu gewinnen, obgleich er sich schon zur französischen Seite hinzuneigen begann. Er wird sich manchmal daran erinnert haben, wie ich ihn damals gleichmäßig gewarnt, weder auf Englands Freundschaft zu hoffen, noch auf Frankreichs Treue zu bauen; nur darin gestehe ich, mich vollständig geirrt zu haben, daß ich Österreichs Politik am günstigsten für ihn gestimmt glaubte, weil eine starke Macht in Asien gegründet zu sehen, mir Österreichs Interesse nur angemessen schien, da Österreichs Handel mit Ägypten und Syrien fortwährend stieg und bei diesen Beziehungen kein Privatinteresse gegen Mehemed Ali ins Spiel kam. Die Prinzipien einer chevaleresken Legitimität glaubte ich aber auf den Orient noch weniger anwendbar als auf Griechenland, wo von ihnen nie die Rede war. Mein Refrain war immer, Mehemed Ali zu sagen, unsere erste Rechtsregel in Europa sei: beati possidentes! Er solle siegen und sich in festen Besitz setzen, so würde dieser bald von Freund und Feind anerkannt werden. Dies wäre wahrscheinlich auch geschehn, wenn er nicht zweimal seine Siege nur zur Hälfte benutzt und nachher wie vorher mit europäischen Mächten weniger negoziiert hätte.


1) Deshalb sagte auch der Courier de Smyrne: «Mehemed Alis Finanzen seien in dem schlechtesten Zustande, und er habe bereits ein ganzes Jahr seiner Revenuen voraus verzehrt.» Wäre dies wahr, was es nicht ist, so müßte demohngeachtet Mehemed Ali noch verhältnismäßig für den reichsten Fürsten in der Welt gelten, denn welchen zivilisierten Staat in Europa gibt es, der nicht ein, zwanzig, hundert Jahre seiner Revenuen im voraus verausgabt hätte!




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