Das neue Arsenal |
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Wenn man das Arsenal zum erstenmal betritt und diese kolossale Anstalt mit solid und schön aufgeführten Gebäuden in ihrer ganzen unermeßlichen Ausdehnung überblickt, eine Anstalt, die den meisten ihrer Art in Europa in nichts nachsteht, ja sie in manchen Dingen noch übertrifft, wenn man die größten Schiffe dort im Bau begriffen und lange Magazinreihen mit allem Nötigen angefüllt vorfindet, um eine doppelte Anzahl derselben auf der Stelle vollständig equipieren zu können – wenn einem dann gesagt wird, daß auf dieser selben Stelle vor acht Jahren noch das Meer seine Wogen rollte und die ganze prachtvolle Flotte, die jetzt den Hafen füllt, aus eben diesem Arsenal erst hervorging, so glaubt man fast ein Märchen zu hören. Bedenkt man endlich noch, daß diese Wunder der Tätigkeit und Einsicht in einem Lande der vollendetsten Barbarei, in welchem damals kaum ein einziges der dazu erforderlichen Mittel, Arme und Hände ausgenommen, noch vorhanden waren, durch den unerschütterlichen Willen eines einzigen gegen die Meinung aller seiner Landsleute geschaffen worden sind, so muß sich das Staunen verdoppeln und man gestehen, daß seit den Zeiten Peters des Großen kaum irgendein europäischer Souverän ähnliches in gleicher Zeit zu bewerkstelligen imstande war.
In der Tat mußte Mehemed Ali viel Lehrgeld geben, ehe er zum Zwecke kam, aber eben daß er dieses nie scheute und immer wieder von neuem begann, bis der Erfolg Beharrlichkeit krönte, macht ihn zu dem großen Manne, der er ist. Einem meiner Freunde, der ihm einst vorwarf, sich fortwährend von Abenteurern und unwissenden Projektmachern täuschen und betrügen zu lassen, gab er in dieser Hinsicht eine merkwürdige Antwort.
Schon über eine Million Geld und ein Jahr Zeit hatte Mehemed Ali auf sein Arsenal verwandt, als dieser ausgezeichnete Franzose, nur mit geringen Empfehlungen versehen, in Alexandrien ankam. Er ward dem Vizekönig vorgestellt, der ihm gleich nach der ersten Unterhaltung auftrug, den neuen Bau zu untersuchen und ihm seine Meinung darüber mitzuteilen. Der sehr aufrichtige und etwas barsche Cerisy machte den kurzen, aber energischen Rapport, daß alles bisher Aufgeführte nicht nur nichts tauge, sondern selbst der Ort, den man dazu gewählt, ganz unpassend sei. Man kann sich denken, welche Interessen ein solcher Ausspruch beleidigen, welche Intrigen er hervorrufen mußte! Mehemed Ali, ohne sich irre machen zu lassen, befahl dem Herrn von Cerisy, ihm in einem detaillierten Mémoire die Sache genauer auseinanderzusetzen und zugleich einen neuen Bauplan, ganz nach seiner individuellen Ansicht, einzureichen. Nachdem er diesen sorgfältig geprüft und des Franzosen siegende Gründe ihn überzeugt hatten, ließ er auf der Stelle den alten Bau sistieren, vergaß die unnütz verwandten Summen, und der neue begann in demselben Moment. Hier war, sozusagen, Meer und Land erst zu schaffen, doch nichts hielt den Vizekönig auf. Es kann meine Absicht nicht sein, das hiesige Arsenal im Detail zu beschreiben, da dergleichen Etablissements hinlänglich bekannt sind und sich überall mehr oder weniger gleichen müssen. Ich hebe nur einiges hervor, was mir besonders auffiel. Dahin gehört die vortrefflich eingerichtete Seilerwerkstatt, welche der von Toulon an Größe gleicht und sie an Zweckmäßigkeit der Einrichtung übertrifft. Auch ist hier die ingeniöse, von einem Franzosen erfundene neue Maschine zur Drehung der Taue in Wirksamkeit, deren Arbeit mir an Schnelligkeit und Güte der besten englischen dieser Art nichts nachzugeben schien.
An Ordnung und skrupulöser Reinlichkeit, sowohl in den Magazinen als in den Arbeitslokalen, stehen die französischen Arsenäle, die ich gesehen, dezidiert dem hiesigen nach. Eine vortreffliche Einrichtung unter andern ist die, daß nach Feierabend alle über Tag gebrauchten Instrumente an den Wänden und Pfeilern in verschiednen, ein für allemal angeordneten, zierlichen Dessins, wie es zum Schmuck der Waffensäle üblich ist, von den Arbeitern aufgehangen werden müssen, bevor diese das Lokal verlassen dürfen. In den Magazinen erblickt man, die feinern nautischen und mathematischen Instrumente ausgenommen, jetzt nur noch wenig europäische Produkte. Waffen, Papier, Kleidung, Leinwand, Lederwerk, Tuch (das letztere zum Teil aus Baumwolle), alles ist schon aus ägyptischen, vom Vizekönig angelegten Fabriken bezogen.
Drei Linienschiffe befanden sich in diesem Augenblick im Bau, unter Chantiers, die das Klima hier erlaubt, unbedeckt zu lassen. In den aus großen Quadern bestehenden Untermauern derselben waren mehrere antike Granitsäulen und ägyptische Figuren nicht ohne Geschmack angebracht, was als ein Beweis der fortschreitenden muselmännischen Zivilisation auch in ästhetischer Hinsicht der Erwähnung wert ist.
Die Flotte
Die effektive Seemacht Ägyptens im Jahre 1837 bestand aus
Linienschiffen:
Fregatten:
Korvetten:
Briggs:
1428 Feuerschlünde Schiffsmannschaften total 20 190
NB. Das ganze Personal des Arsenals ist als militärische Ouvriers organisiert und versteht im Notfall auch seinen Schuß zu tun.
Schiffe, die sich noch auf den Chantiers befinden: Linienschiff Nr. 9. 100 Kanonen u. Coronn. zu 30 Linienschiff Nr. 10. 88 Kanonen u. Coronn. zu – Linienschiff Nr. 11. 100 Kanonen u. Coronn. zu – Linienschiff Nr. 12. Von diesem sind zwar alle Teile fertig, aber es befindet sich zur Zusammensetzung noch nicht auf den Chantiers. Drei Fregatten ersten Ranges sind eben so weit gediehen, jede zu 64 Coronnaden, 30 Pfünder 1). Die mit dem Arsenal verbundene Seeschule von Rassetin enthält 1200 Eleven, welche auf Kosten des Gouvernements unterrichtet, uniformiert und gänzlich unterhalten werden, außerdem aber noch jeder monatlich von 20 bis 100 Piaster Gehalt bezieht! Diese Eleven liefern die nötigen Subjekte für die Marine und zum Teil auch für die Bedürfnisse der Administration. Außerdem befinden sich zwei rein nautische Schulen, deren Elevenzahl nicht fixiert ist, an Bord der Linienschiffe «Acre» und «Mansurah». Die Bedingungen sind die nämlichen, jeder Eleve erhält aber hier 100 Piaster monatlichen Gehalts. Unter diesen befindet sich auch des Vizekönigs Sohn Said Bey, der dieselbe Summe bezieht, auf ähnliche Art wie einst der König von Frankreich einen Gehalt als Domherr zu Auch empfing. Die Seeleute sind folgendermaßen gestellt. Jedem Seemann bewilligt das Gouvernement jährlich:
3 komplette baumwollene Anzüge, nämlich
Die Matrosen zerfallen in vier Klassen. Die Mestrance wird in derselben Proportion bezahlt. Die Ration besteht aus den zweckmäßigsten und gesündesten Nahrungsmitteln und ist völlig hinlänglich, zwei Personen zu nähren. Seine Hoheit erhält überdem alle männlichen Kinder der Seeleute und gewährt ihnen vom Augenblick der Geburt an eine volle Ration, dieselbe wie dem Vater, nebst fünf Piaster monatlich an Geld. Die Invaliden der Marine werden in ihren respektiven Wohnort zurückgesandt. Sie erhalten dort monatlich 30 Piaster Pension und werden zugleich als Aufseher bei verschiedenen Gegenständen verwandt, so daß die, welche noch zu arbeiten fähig sind, außerdem die Bezahlung dafür mit ihrer Pension vereinigen können. Offizierkorps der Marine Mustapha Pascha, welcher die ganze Seemacht en chef kommandiert, hat solange den Rang als temporärer Admiral, ist aber effektiv nur Vizeadmiral oder Generalleutnant. Der Vizeadmiral ist gleichfalls temporär und nur Miriliva (Maréchal de camp) und Chef des Generalstabs der Eskadre. Dies ist der Posten Besson Beys. Der Konteradmiral ist auch Miriliva oder Maréchal de camp und zugleich Präsident des Conseils der Marine, was ihm einen überwiegenden Einfluß gibt. Diese Stelle bekleidet Hassan Bey, ein europäisch gebildeter Türke, dessen ich später noch weiter erwähnen werde. Schiffskapitäne gibt es erster und zweiter Klasse. Die der ersten sind Beys und haben den Rang als Obersten in der Armee; die zweiter Klasse den eines Oberstleutnants. Die Fregattenkapitäne teilen sich gleichfalls in die erster und zweiter Klasse. Die ersten haben den Rang als chef de bataillon, die zweiten als Majore erster Klasse und werden zugleich als zweite Schiffskapitäne oder als kommandierende Korvettenkapitäne employiert. Die Kapitäne der Briggs sind Majore zweiter Klasse und werden auch zu Seconds der Fregatten oder Korvetten ohne Unterschied verwandt. Die Schiffsleutnants 2) sind ebenfalls erster und zweiter Klasse, haben Kapitänsrang und dienen als Seconds für Korvetten und Briggs. Die Fregattenleutnants, auch von zwei Klassen, haben den Rang als Premierleutnants. Die Aspirants von erster und zweiter Klasse haben den Rang als Secondeleutnants.
Diese kurzen, aber ganz zuverlässigen Nachrichten werden genügen, einen richtigen Begriff von dem Belang der Seemacht Mehemed Alis zu geben, und verbunden mit dem, was ich im Verlauf dieses Werks über die Landarmee, den Länderumfang, die Einkünfte und Ressourcen des ägyptisch-nubisch-syrischen Reiches (wie es damals war) noch zu berichten haben werde, berechtigten sie mich wohl zu dem Glauben, daß es nur eine allen Parteien nachteilige Anomalie herbeiführe, einem Manne, welcher de facto ein mächtiger selbständiger Monarch ist, fortdauernd in der offiziellen Stellung eines abhängigen Pascha erhalten zu wollen.
1) Zwei Jahre später alle vollendet.
2) Unter Schiff wird hier immer Linienschiff verstanden. |