Der Empfang. Besson. Bogos Bey
Wir hatten kaum geankert, als man mir schon den Besuch
des Major-Generals der Flotte, Besson Bey, ankündigte, der, durch den
Seraskier Kandias von meiner Ankunft unterrichtet, mit großer
Zuvorkommenheit mir eine Wohnung in seinem Hotel auf dem neuen
Ibrahimsplatze anbot und mir zugleich ankündigte, daß seine Equipage mich,
sobald ich bereit sein würde, am Ufer erwarte. Dieser hoch von Mehemed
Ali geehrte Franzose, die eigentliche Seele der hiesigen Marine, ist
derselbe ehemalige französische Kapitän Besson, welcher Napoleon in
Rochefort anbot, ihn nach Amerika zu führen, und als der Kaiser, trotz
allem Flehen Bessons, bei dem für ihn so schicksalsschweren Entschluß
verblieb, sich dem Edelmut der Engländer anzuvertrauen! noch einen Tag vor
dem Kaiser allein absegelte und – auf seiner ganzen Fahrt keinem einzigen
feindlichen Schiffe begegnete! Ich bat nur um einige Zeit, das Chaos
meiner Sachen auf dem Schiff zu ordnen, und als ich nach einer halben
Stunde am neuen Quai ans Land stieg (ohne irgendeine Belästigung der
dienstbeflissenen Popülace zu empfinden, wie sie zum Beispiel in Algier
und mehreren andern Hafenstädten so peinlich wird), fand ich bereits einen
eleganten englischen Wagen mit zwei arabischen Pferden bespannt und
mehrere riesige Kamele zum Transport meiner Effekten vor. Sehr zufrieden,
wieder festen Boden unter mir zu fühlen, sprang ich eilig in die Britschka
und rollte im raschen Trabe durch die engen Gassen des noch türkisch
gebliebenen Teiles der Stadt, mit seinem ebenso bunten als schmutzigen
Gewühl, seinen roten, weißen und grünen Soldaten mit blitzendem Gewehr und
– wie H. v. Prokesch so treffend sagt – seinen orientalischen Schichten
von Gestank und Wohlgerüchen. So gelangte ich bis zum Frankenquartier,
dessen nettes, reinliches Ansehn und seine ganz im europäischen Stil
erbauten Paläste jede Stadt unseres zivilisierteren Weltteils zieren
würden, obgleich ein Teil des Bodens, auf dem sie stehen, erst kürzlich
dem Meere abgewonnen wurde. Hier wohnen auch sämtliche fremde Konsuln,
deren des Bairams wegen aufgezogne ungeheure Flaggen den festlichen
Anblick des Ganzen um so mehr erhöhten, da nach allen diesen Fahnen, die
an hohen Mastbäumen auf den obersten Terrassen der Häuser wehen, leichte
Wendeltreppen, gleich Schneckentürmen, bis an die höchste Spitze der
Masten hinaufführen. Der liebenswürdige General empfing mich an der
Pforte seines Hotels, wies mir eine reich möblierte, weitläufige Reihe
Zimmer im ersten Stockwerk an, machte mich dort mit Herrn Roquerbes, dem
preußischen Konsul, bekannt, der, wie ich vernahm, über mir in demselben
Hause wohnte, und sorgte so gütig und vollständig für alle meine
Bedürfnisse, daß mir auch nicht das Geringste zu wünschen übrigblieb.
Schon am andern Tage war die Antwort des Vizekönigs auf die Seiner
Hoheit zugesandten Briefe angekommen, worauf Bogos Bey, der erste und
vertrauteste Minister Mehemed Alis, mich mit seinem Besuche
beehrte. Bogos Bey ist ein Armenier und Christ, der als Dragoman seine
Karriere begann, sich aber durch sein Talent, seine Treue und ein in hohem
Grade konziliantes Benehmen gegen Hohe und Geringe die volle Gunst seines
Herrn und viel Popularität bei Fremden und Einheimischen, besonders den
geringeren Klassen, zu erwerben gewußt hat. Seine Erscheinung zeichnet
sich durch die größte Einfachheit aus, und seine Formen, obgleich die
eines Mannes von Welt, sind fast von studierter Demut, wiewohl keineswegs
ohne Würde, noch selbst ohne das wohl merkbar werdende Gefühl seiner
Wichtigkeit im Staat wie des hohen Einflusses, den er bei seinem Herrn
genießt. Nur einmal und vor langer Zeit, sagt man, schwankte diese Gunst
aus unbekannten Gründen, und Mehemed Alis Zorn ward in solchem Grade rege,
daß er Bogos' heimliche Hinrichtung befahl. Der Konsul Rosetti rettete ihn
auf fast abenteuerliche Weise und hielt ihn so lange verborgen, bis der
Pascha, der seinen Befehl längst ausgeführt glaubte, tiefen Schmerz
bezeigte, einen Mann verloren zu haben, der ihm unentbehrlich sei. Man
wagte jetzt, Mehemed Ali die Wahrheit zu entdecken, und von diesem
Augenblick an hat, soviel man weiß, das Vertrauen, welches er Bogos Bey
geschenkt, nie einen zweiten Stoß erlitten. Aber auch des Ministers
Dankbarkeit gegen die Familie seines Retters hat sich selbst nach dessen
Tode noch auf seine hinterlassenen Erben ausgedehnt und ebenfalls nie
einen Augenblick gewankt. Alle Handelsgeschäfte, aller Verkehr mit den
Konsuln wie die äußere Politik werden durch Bogos Bey geleitet, und da der
Vizekönig bis jetzt noch der einzige gigantische Kaufmann seines Reiches
ist, auch Politik und Handel hier mehr noch und spezieller als anderswo
miteinander zusammenfließen, so kann man danach den Umfang seines
Wirkungskreises und seiner Geschäfte abmessen. Er ist jetzt ein Mann von
einigen sechzig Jahren, mit blitzenden kleinen Augen, deren Feuer und
listigen, etwas unsteten Ausdruck er sehr charakteristisch durch das stets
tief herabgezogene Tuch seiner Kopfbedeckung möglichst zu mildern und zu
verbergen sucht. Ohne alle Geschäftsaffektation und leicht zugänglich ist
er doch von unermüdlicher Arbeitsamkeit, dabei von einer sich nie
verleugnenden Affabilität gegen jedermann, ein Feind alles Luxus und aller
Ostentation tief verschwiegen und gewiß der Schlauste unter den Schlauen.
Über dies letztere klagt der Handelsstand, dennoch hat jeder lieber mit
ihm als mit anderen Mächtigen hier zu tun, denn die List tritt wenigstens
immer sanfter auf als die rohe Gewalt, wenn auch die Resultate zuletzt oft
dieselben bleiben. Ich werde wahrscheinlich häufig Gelegenheit haben,
auf diesen für Ägypten so bedeutenden Mann zurückzukommen, hier möge es
genügen hinzuzufügen, daß unsre erste, sehr verschiedne Gegenstände
berührende Unterhaltung mein lebhaftestes Interesse erweckte, so wie die
freundlichen und schmeichelhaften Worte, welche er mir von seiten Seiner
Hoheit überbrachte, in der Tat ebensosehr meine Verwunderung als meine
lebhafteste Dankbarkeit hervorrufen mußten. Während meines diesmaligen
Aufenthaltes in Alexandrien sah ich ihn nur noch einigemal in seinem
eignen Hause, aber jeder Besuch bekräftigte die vorteilhafte Meinung, die
mir seine erste Erscheinung eingeflößt. Ich mußte dabei in gleichem Maße
den Scharfsinn bewundern, mit dem er europäische Zustände und Politik
beurteilte, als mir die sichere Gewandtheit des vollendeten Hofmanns und
die Grazie der Formen an einem Manne auffielen, dem alle Art europäischer
Bildung stets fern geblieben war. Endlich ist es fast Pflicht, hier meinen
Dank für die völlig unverdienten Auszeichnungen auszusprechen, die mir auf
Befehl des Vizekönigs durch ihn zuteil wurden. Equipagen und Reitpferde
Seiner Hoheit wurden zu meiner Disposition gestellt, man sandte mir eine
Ehrenwache, die ich nur mit Mühe ablehnen konnte, bei meinem Besuch der
Flotte ward ich vom Admiral mit denselben Ehrenbezeigungen wie in Kandia
empfangen, und jedes Verlangen, das ich nur äußerte, es mochte sein, wo es
wollte, beeiferte man sich sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zu
erfüllen sowie mich alles sehen zu lassen, was ich wünschte, ohne dabei
der geringsten Geheimniskrämerei Raum zu geben 1).
1) Bogos
Bey ist, wie bekannt, kürzlich gestorben, ein großer Verlust für den
Vizekönig, denn dieser hatte
wenig treuere und
gewiß keinen gescheiteren Diener. Der neidische Haß der Großen wagte erst
an Bogos Beys
Grabe sich zu
verraten. Alle Europäer haben nur Ursache, sein Andenken zu ehren, und
dieses auch durch ihre
Teilnahme
bewiesen.
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